Protestierende Mönche düpieren die Staatsmacht
Bei der ersten Reise ausländischer Journalisten in Tibet hat eine Gruppe buddhistischer Mönche die von der Regierung gewünschte Ruhe durchbrochen.
Sie durchkreuzten damit den Versuch der Behörden, den Auslandskorrespondenten bei einer Führung in Lhasa ein Bild zu vermitteln, das den amtlichen Angaben Pekings zur Lage in der Himalaya-Region entspricht.
Die etwa 30 Mönche wiesen Vorwürfe zurück, der Dalai Lama sei für die Unruhen Mitte des Monats verantwortlich, bei denen nach chinesischen Angaben 22, der tibetischen Exilregierung zufolge jedoch fast 140 Menschen getötet wurden. Der Protest fand im Jokhang-Tempel statt, einem der wichtigsten buddhistischen Heiligtümer in Tibet. Die Mönche gingen auf die Gruppe zu, weil sie nicht wollten, dass sie von den offiziellen Führern ins Innerste des Tempels geführt werden. Einer der Mönche sagte, er sei empört, dass Personen im Tempel waren, «die nicht wahre Gläubige, sondern Mitglieder der Kommunistischen Partei sind». Ein anderer rief «Tibet ist nicht frei, Tibet ist nicht frei» und brach in Tränen aus.
«Sie wollen, dass wir den Dalai Lama vernichten»
Das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, trage keine Schuld an den jüngsten Ausschreitungen, erklärten die Mönche. In den amtlichen chinesischen Medien wird die «Dalai-Clique» für die Unruhen vom 14. März verantwortlich gemacht. «Der Dalai Lama hatte damit nichts zu tun», sagte ein Mönch. «Sie wollen, dass wir den Dalai Lama vernichten, aber das ist nicht richtig», sagte ein anderer Mönch während der etwa 15 Minuten langen Begegnung mit den Journalisten. Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete über die Aktion der Mönche, meldete aber nicht, was diese sagten.
Die staatlichen Reiseführer versuchten, die 26 ausländischen Reporter - darunter ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AP - von den protestierenden Mönchen wegzudrängen. Diese sprachen zunächst tibetisch, äusserten sich dann aber auf Mandarin und damit für die Journalisten verständlich. Sie sagten, ihnen sei bewusst, dass sie wegen des Protests vermutlich verhaftet würden.
Akribisch organisierte Reise
Peking sieht im Dalai Lama den Drahtzieher, der die Proteste organisiert haben soll. Der Friedensnobelpreisträger hat sich jedoch deutlich gegen Gewalt als politisches Mittel ausgesprochen. Nach dem Beginn der Unruhen riegelte die Regierung Tibet ab und wies Touristen und ausländische Journalisten aus.
Mit der akribisch organisierten Journalistenreise, die am Mittwoch begann, schien Peking vor allem ein Ziel zu verfolgen: der Weltpresse zu zeigen, dass in Tibet wieder Ruhe eingekehrt sei. Der Protest am Jokhang-Tempel hat den Planern einen Strich durch die Rechnung gemacht. (dapd)