Erich Honecker - Vom mächtigen Staatschef zum verbitterten Rentner

Aktualisiert

60 Jahre DDRErich Honecker - Vom mächtigen Staatschef zum verbitterten Rentner

Erich Honecker war nach seinem Sturz im Oktober 1989 vor allem ein Gejagter der Justiz - doch zu einer Verurteilung im Zusammenhang mit dem DDR-Unrechtsregime kam es nicht.

Nach der Untersuchungshaft konnte der schwerkranke Honecker noch knapp anderthalb Jahre in Freiheit bei seiner Familie in Chile verbringen. Im Mai 1994 starb er dort im Alter von 81 Jahren.

Bis zu seinem Tod blieb der gestürzte Altkommunist seinen Idealen treu. Noch im Dezember 1991 rief er die Ostdeutschen «zum aktiven Widerstand auf, um die sozialen Errungenschaften des Sozialismus zu verteidigen».

«Ohne juristische oder moralische Schuld»

Auch vor dem Berliner Landgericht revidierte Honecker seine Überzeugungen nicht. In seiner Verteidigungsrede im Dezember 1992 übernahm er zwar die politische Verantwortung für die Toten an Mauer und Stacheldraht, doch sei er «ohne juristische oder moralische Schuld». Zudem habe die DDR bewiesen, «dass Sozialismus möglich und besser sein kann als Kapitalismus», resümierte er.

Vor einem Lebensende im Gefängnis bewahrte den einst mächtigsten Mann der DDR eine schwere Leberkrebserkrankung: Auf Veranlassung des Berliner Verfassungsgerichtshofes wurde der im November 1992 eröffnete Prozess wegen der Tötung von Flüchtlingen an Mauer und Stacheldraht gegen Honecker eingestellt.

Am 13. Januar 1993 durfte der damals 80-Jährige zu Frau und Tochter nach Chile ausreisen. Bei dem Prozess wurden seine ehemaligen Mitangeklagten am 16. September 1993 zu Freiheitsstrafen zwischen vier- und siebeneinhalb Jahren verurteilt. Honecker blieb unbestraft.

Flucht nach Moskau

Mit der spektakulären, später heftig umstrittenen Freilassung war eine fast zweijährige Odyssee zu Ende gegangen, die Honecker von der Flucht nach Moskau (März 1991) und dort in die chilenische Botschaft (Dezember 1991) zurück nach Deutschland ins Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit (Juli 1992) geführt hatte.

Von klein auf war Honecker (25.08.1912) von sozialistischen Überzeugungen geprägt. In einem kommunistischen Elternhaus aufgewachsen, trat er bereits im Alter von zehn Jahren den Roten Jungpionieren bei. Von da an führte ihn der Weg durch alle Organisationen der Bewegung bis an die Spitze der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der er von 1971 bis 1989 vorstand.

Von den Nazis verhaftet

Ausgebildet an der Lenin-Schule in Moskau machte er rasch Karriere im Kommunistischen Jugendverband, tauchte nach dem Machtübernahme der Nazis in der Illegalität unter, wurde 1935 verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Nach Kriegsende setzte er seine Karriere dort fort, wo sie zuvor unterbrochen wurde: Er übernahm die Leitung des neuen Jugendverbandes Freie Deutsche Jugend (FDJ) und stieg zum Mitglied des Zentralkomitees der SED auf.

Bereits seit 1956 galt er parteiintern als Kronprinz. Zunächst schickte ihn die Partei zur Schulung in die Sowjetunion, anschliessend übernahm er das Schlüsselressort Sicherheit im Sekretariat der SED und baute mit Hilfe des Ministeriums für Staatssicherheit, der Nationalen Volksarmee und des Ministeriums des Innern seine parteiinterne Position weiter aus. Beim Bau der Mauer am 13. August 1961 liefen bereits alle Fäden bei ihm zusammen.

Im Jahr 1971 übernahm Honecker von Walter Ulbricht die Spitzenämter in Partei und Regierung. Ohne grössere personelle Wechsel im engeren Führungskreis begann er Anfang der 70er Jahre einen vorsichtigen Wandel und bemühte sich, die Alltagssorgen der DDR-Bürger stärker zu berücksichtigen. Diese Ansätze einer Reformpolitik blieben Ende der 70er Jahre wegen der bedrohlich werdenden Verschuldung stecken.

Nach Reformen Stagnation

1976 übernahm Honecker das Amt des Staatsratschefs. Seither war er nur noch auf Stabilität bedacht. Auf aussenwirtschaftlichem Gebiet sorgte der Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski für den Erhalt der Zahlungsfähigkeit, in der Innenpolitik bekam das Ministerium für Staatssicherheit freie Hand.

Doch der Niedergang der DDR war nicht mehr aufzuhalten. Seit dem Sommer 1989 flüchteten Zehntausende DDR-Bürger. Gleichzeitig formierte sich Widerstand gegen das SED-Regime, der immer breiter wurde.

(sda)

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