Schiffsunglück in ItalienKapitän der «Costa Concordia» verhaftet
Gegen den Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffes wird wegen mutmasslichem Totschlag ermittelt. Zudem soll er das sinkende Schiff zu früh verlassen haben - in Seemannskreisen ein happiger Vorwurf.
Nach der Havarie eines Kreuzfahrtschiffes vor der toskanischen Küste ist der Kapitän festgenommen worden. Das berichteten italienische Medien am Samstag. Der Mann werde im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen mutmasslichen Totschlags festgehalten, meldete der Sender Sky Italia unter Berufung auf Ermittler in der italienischen Stadt Grosseto. Ein zweiter Vorwurf an den Kapitän lautet «Verursachung von Schiffbruch».
Zudem werde dem Verdächtigen vorgeworfen, das Schiff verlassen zu haben, als sich noch Menschen an Bord befanden, und das Schiffsunglück verursacht zu haben. Der Kapitän wurde in das Gefängnis von Grosseto gebracht. In der kommenden Woche soll ein Richter entscheiden, ob er in Haft genommen oder freigelassen wird.
Das Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia» mit rund 4200 Menschen an Bord war Freitagnacht nahe der toskanischen Küste auf Grund gelaufen und in Schlagseite geraten. Mindestens drei Menschen kamen dabei ums Leben.
Der 52-jährige Kapitän arbeitet seit elf Jahren für den Schiffseigner der «Costa Concordia». Experten spekulierten darüber, warum der erfahrene Seemann in der gut kartografierten Region das Schiff so nah an die Insel Giglio heran manövriert hatte. Es sei sehr ungewöhnlich gewesen, so nah an die Insel heran zu steuern, zitierte die italienische Nachrichtenagentur ANSA den leitenden Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio.
Kapitän soll bewusst gefährliche Route gewählt haben
«Das Schiff rammte mit der linken Seite ein Riff, dadurch geriet es in Schräglage und innerhalb von zwei, drei Minuten trat sehr viel Wasser ein», sagte Verusio. Der Kapitän habe die Kommandogewalt über das Schiff gehabt und er «hat nach unseren Informationen die Route festgelegt». Er habe sich bewusst für diese Route entschieden.
Der Anwalt des Kapitäns, Bruno Leporatti sagte, sein Mandant wisse, warum er festgenommen worden sei. «Als sein Anwalt möchte ich jedoch festhalten, dass mehrere Hundert Menschen seiner Erfahrung während des Unglücks ihr Leben verdanken», sagte Leporatti.
Der Kapitän stammt aus Meta di Sorrento in der Nähe von Neapel, einer Region mit langer Seefahrertradition. Ihr Bruder habe seine Mutter am Samstagmorgen um 05.00 Uhr angerufen, zitierte ANSA die Schwester des Kapitäns. «Mama, es ist eine Tragödie geschehen. Aber bleibe ruhig. Ich habe versucht, die Passagiere zu retten. Ich werde dich für eine Weile nicht anrufen können», habe er am Telefon gesagt.
Zwei Überlebende aus Kabine gerettet
Am späten Samstagabend haben Rettungskräfte über 24 Stunden nach der Havarie zwei Überlebende gefunden. Das Paar aus Südkorea sei in einer Kabine der «Costa Concordia» entdeckt worden, meldete die Nachrichtenagentur ANSA am Sonntag. Einem Sondereinsatzkommando der Feuerwehr war es gelungen, die Frau und den Mann aus dem Schiff zu befreien. Die beiden seien 29 Jahre jung - und hatten auf dem Schiff ihre Flitterwochen verbracht.
Die Einsatzkräfte seien in dem havarierten Schiff von Tür zu Tür gegangen und hätten Klopfzeichen gegeben, sagte Bennardo. Am frühen Sonntag hätte das Paar schliesslich geantwortet. Die Rettungskräfte hätten «eine männliche und eine weibliche Stimme gehört», sagte Marcello Fertitta von der Küstenwache. Beide befänden sich in einem guten Zustand.
Bei dem Schiffsunglück vor der Westküste Italiens waren zwei französische Passagiere und ein peruanisches Besatzungsmitglied ums Leben gekommen. Ihre Leichen wurden bereits geborgen. Ein 70-Jähriger erlitt im kalten Wasser einen Herzinfarkt und starb. 60 weitere Personen wurden nach Angaben der Behörden verletzt, zwei von ihnen schwer. Die Zahl der Toten könnte sich noch erhöhen: Ungeklärt ist weiterhin der Verbleib von etwa 40 Personen. Diese Zahl ist von 70 nach unten korrigiert worden, wie ein Korrespondent in der Tagesschau-Spätausgabe im Schweizer Fernsehen berichtete. Die Passagierlisten seien in den chaotischen Szenen der Rettungsaktion wohl nicht exakt mit den Namen der Geretteten abgegeglichen worden. An Bord waren auch 69 Schweizer (siehe Infobox). Auch eine Schweizerin erlitt bei dem Unglück Verletzungen.
Von den Personen, die weiterhin als vermisst gelten, könnten sich aber auch noch einige auf der Insel Giglio befinden, vor der sich der Unfall ereignete. Behördenvertreter fahndeten auf der Insel nach Geretteten, die dort vorläufig in Schulen, Kirchen und Privathäusern untergekommen sein könnten, sagte der Präfekt der Provinz Grosseto, Giuseppe Linardi. «Wir suchen auf Giglio praktisch von Tür zu Tür.»
Panik an Bord
In dem Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia» klafft nach dem nächtlichen Unfall vor der toskanischen Küste auf der linken Seite ein etwa 70 Meter langer Riss. Das Schiff habe schwere Schlagseite und sich um 80 Grad nach Steuerbord geneigt.
Der Unfall ereignete sich nach Angaben der Reporter am Freitag während des Abendessens. «Wir sassen zu Tisch, als die Lichter ausgingen. Plötzlich hörten wir ein lautes Geräusch, als ob der Kiel über etwas hinwegschleift,» zitierte der staatliche Rundfunk den Journalisten Luciano Castro. Das Licht sei ausgegangen, «und es gab panikartige Szenen, Gläser fielen zu Boden». «Es war wie eine Szene von der Titanic», sagte die Journalistin Maria Parmegiani.
«Es war die Hölle»
Augenzeugen erzählten, dass das Schiff einen Felsen gerammt habe, berichtete die Nachrichtenagentur ANSA am Samstag. «Wir haben einen grossen Krach gehört, dann war es die Hölle», erklärte ein Passagier, der zusammen mit anderen Betroffenen aufs Festland nach Porto Santo Stefano gebracht wurde. Der erste Alarm sei am Freitag gegen 22.30 Uhr eingegangen, etwa drei Stunden nach dem Ablegen des Schiffs von Civitavecchia. «Sie haben uns gesagt, wir sollten die Ruhe bewahren, die Angst war aber auf allen Gesichtern zu sehen, die Besatzungsmitglieder eingeschlossen», sagte der Passagier.
Ein Grossteil der rund 4200 Passagiere, darunter 1000 Besatzungsmitglieder, an Bord wurde mit Schlauchbooten evakuiert, nachdem die «Costa Concordia» am Freitag vor der Insel Giglio in der Region Toskana auf eine Sandbank aufgelaufen war. Als das Kreuzfahrtschiff immer mehr Schlagseite bekommen habe, seien Helikopter gestartet, um die rund 50 verbliebenen Menschen zu bergen, sagte Paolillo.
Die bereits evakuierten Passagiere würden auf der Insel in Schulen, Hotels und Kirchen untergebracht, die zum Zeitpunkt des Unglücks an Bord der «Costa Concordia» waren. Der Bürgermeister von Giglio appellierte an die 1500 Einwohner der Insel, die Schiffbrüchigen vorübergehend zu beherbergen. «Jeder mit einem Dach» möge sein Heim öffnen,» sagte er.
Ursache ungewiss
Grund für die Havarie war vermutlich eine Kollision des Schiffes mit einem Felsen. Die «Costa Concordia» habe «ein Hindernis getroffen, das ein 50 Meter langes Loch in den Rumpf gerissen hat», sagte Francesco Paolillo von der Küstenwache. Wasser sei eingedrungen, das Schiff habe sich daraufhin zur rechten Seite geneigt. Zwölf Stunden nach dem Unfall lag es fast waagerecht auf der Seite im Wasser.
Wieso das Kreuzfahrtschiff das Hindernis übersehen hatte, darüber herrscht derweil noch Unklarheit. Ein Experte, der das gestrandete Wrack aus der Nähe betrachten konnte, bezeichnete einen menschlichen Fehler oder einen elektronischen Defekt als die wahrscheinlichsten Ursachen. Die Kreuzfahrtgesellschaft sagte volle Kooperation mit den Behörden zu, um die Unfallursache zu klären.
Zahlreiche Passagiere klagten zudem, die Besatzung habe für die Rettungsaktion nicht richtig ausgebildet gewirkt. Deshalb ordnete das Hafenamt auch eine Untersuchung zum Umgang der Crew mit den Rettungsbooten und Schwimmwesten an.
«Bestürzende Tragödie»
Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere nannte das Schiffsunglück «eine bestürzende Tragödie». Den Angehörigen der Opfer sprach die in Genua ansässige Gesellschaft in einer Mitteilung am Samstag ihr Beileid aus.
Dass sich der Unglücksort unmittelbar vor dem Hafen der Insel Giglio befindet, erleichterte die Evakuierungsmassnahmen. Die Reederei nannte es jedoch extrem erschwerend, dass sich das Schiff nach einem Wassereinbruch stärker zur Seite neigte. Mit Helikoptern, Schiffen und Tauchern wurde am Vormittag noch nach Vermissten gesucht.
Kapitän und Betreiberin bestreiten Vorwürfe
Inzwischen müssen sich die Schiffsbetreiberin und der Kapitän der «Costa Concordia» gegen zahlreiche Schuldzuweisungen wehren. Vorgeworfen wird unter anderem, die Rettungsaktion sei ungeordnet verlaufen.
Laut Augenzeugen kam es bei der Evakuierung zu Verzögerungen. «Wir haben gehört, wie das Schiff auf die Felsen aufgelaufen ist, aber der Alarm wurde erst eine Stunde später ausgelöst», sagte ein 26-jähriger Inder.
In seiner Umgebung habe es dann nur ein Rettungsboot für 150 Menschen gegeben. Ein Crew-Mitarbeiter sagte der BBC, es habe Stunden gedauert, die Menschen vom Schiff zu bekommen. Diese Vorwürfe wies die Betreibergesellschaft «Costa Crociere» am Samstag zurück. Es habe keine Probleme bei der Rettungsaktion gegeben.
«Costa Crociere» teilte mit, dass der Treibstoff aus dem Schiff entnommen worden sei. Es bestehe keinerlei Gefahr, dass Öl ins Meer gerate.
(Video: YouTube/Giaccadiferro)
Das 290 Meter lange Schiff lief am Freitagabend gegen 20 Uhr zwischen Giglio und der südlichen Toskana auf Grund. An Bord sollen insgesamt mehr als 4200 Menschen gewesen sein. Das Schiff war zuvor nach Angaben des Betreibers in Civitavecchia nahe Rom zu einer Mittelmeerkreuzfahrt aufgebrochen und sollte nach Palermo, Cagliari, Palma de Mallorca, Barcelona und Marseille fahren.
Rettung im Hafen von Giglio (YouTube)
Überlebende berichten (YouTube)
(kub/jam/sda/dapd)
Auch Schweizer an Bord des Unglücksdampfers
An Bord der verunglückten «Costa Concordia» befanden sich laut Passagierliste insgesamt 69 Schweizer. Dies teilte das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mit. Eine Schweizerin wurde bei der Katastrophe verletzt. Es gebe jedoch keine Informationen, wonach Schweizer Staatsangehörige bei der Havarie ihr Leben verloren hätten.
Die Schweizer Botschaft in Rom stehe in Kontakt mit den zuständigen italienischen Behörden und der Schiffsreederei, hiess es am Samstag auf Anfrage. Sie schickte Personal die Hafen von Santo Stefano und nach Savone, wohin viele der Geretteten gebracht worden seien. In Zusammenarbeit mit dem Krisenmanagement-Zentrum der EDA in Bern kläre die Botschaft zudem ab, in welcher Verfassung die betroffenen Passagiere seien, um ihnen die nötige Unterstützung zu bieten.
13 der Schweizer Passagiere hatten die Kreuzfahrt auf der «Costa Concordia» beim Reiseveranstalter Kuoni gebucht, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur sda ergab. Die Kuoni-Kunden seien laut Angaben der Reederei Costa Crociere alle evakuiert worden, sagte Kuoni-Sprecher Peter Brun am Samstag auf Anfrage. Die Schweizer Reiseveranstalter versuchten, mit den betroffenen Reisenden Kontakt aufzunehmen. Bei Kuoni gelang dies laut einem Sprecher bis am frühen Abend bei 12 der 13 Kunden.
Kunden von Hotelplan waren deren zwei an Bord des havarierten Schiffes. Angehörige hätten berichtet, die beiden Schweizer seien wohlauf, sagte Hotelplan-Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir.
Tui Suisse schliesslich hatte zwölf Kunden an Bord des Schiffes. Man habe bislang nur von einzelnen Personen eine Rückmeldung erhalten, sagte Tui-Sprecher Roland Schmid. Doch auch Tui berichtete all ihre betroffenen Schweizer Kunden seien wohlauf. Sie würden vor Ort durch ein Care-Team der Reederei betreut. (sda)
Unglücke von Kreuzfahrtschiffen
1986 die sowjetische «Admiral Nachimow» im Schwarzen Meer: 398 Tote. In den meisten Fällen kamen die Passagiere aber mit dem Schrecken davon.
September 2011: Bei einem Brand auf dem Passagierschiff «Nordlys» im Hafen der norwegischen Stadt Ålesund kommen zwei Besatzungsmitglieder ums Leben. 16 Menschen erleiden Verletzungen, darunter zwei Deutsche.
Oktober 2010: Das Kreuzfahrtschiff «Costa Classica» wird bei einer Kollision mit einem Frachter vor dem Hafen der chinesischen Metropole Shanghai beschädigt. Mindestens zehn Passagiere werden verletzt.
März 2010: Im Sturm vor der spanischen Costa Brava zertrümmern Wellen von bis zu acht Metern Höhe Teile der Aufbauten des Kreuzfahrtschiffes «Louis Majesty» und drücken mehrere Fenster ein. Ein 69-jähriger Urlauber aus Nordrhein-Westfalen und ein 52 Jahre alter Italiener werden getötet, 16 weitere Passagiere verletzt.
November 2007: Das Kreuzfahrtschiff «Explorer» rammt im Morgengrauen zwischen der Südspitze Amerikas und der Antarktis einen Eisberg und schlägt Leck. Die 100 Passagiere und 54 Besatzungsmitglieder werden in Sicherheit gebracht.
April 2007: Vor dem Hafen der griechischen Insel Santorin läuft das Kreuzfahrtschiff «Sea Diamond» nach einem Navigationsfehler auf Grund und sinkt. Zwei Passagiere ertrinken. Die anderen rund 1500 Menschen an Bord werden gerettet. Der Kapitän und drei Besatzungsmitglieder werden festgenommen.
November 2001: Nach einem im Maschinenraum ausgebrochenen Feuer rammt das deutsche Kreuzfahrtschiff «Arkona» beim Einlaufen in den spanischen Hafen von Mahon auf der Baleareninsel Menorca eine Kaimauer. Das aus der Fernsehserie «Traumschiff» als «Astor» bekannte Schiff wird schwer beschädigt. Die rund 300 Passagiere werden in ihre Heimatländer zurückgeflogen. (sda)
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Das Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia»
Die «Costa Concordia» gehört nach Angaben des Eigners zu den neuesten und grössten Kreuzfahrtschiffen, die derzeit auf den Meeren unterwegs sind. Sie wurde 2006 gebaut und bietet in 1500 Kabinen Platz für 3780 Passagiere.
Betreiber ist das italienische Kreuzfahrtunternehmen «Costa Crociere» mit Sitz in Genua. Das Schiff misst 290 Meter und ist gut 35 Meter breit. Es schafft bei 114'500 Bruttoregistertonnen eine maximale Geschwindigkeit von 23 Knoten (rund 43 Stundenkilometer).
1100 Besatzungsmitglieder kümmern sich um die Gäste. An Bord befinden sich auf 17 Decks neben fünf Restaurants auch ein Theater, ein Kino sowie Clubs und Diskotheken.