Ufo-Alarm: Invasion oder heisse Luft?

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Ufo-Alarm: Invasion oder heisse Luft?

Am deutschen Himmel tut sich Sonderbares. Über 90 Ufo-Sichtungen wurden allein in den letzten drei Monaten gemeldet und im Internet verbreiten sich Filme von nie gesehener Qualität. Selbst gestandene Physiker zittern.

So etwas, nein, so etwas hat auch er noch nie gesehen. Dabei befasst er sich seit 30 Jahren ausgiebig mit der bis heute unfassbaren Materie: «Selbst ein Physiker vom Max-Planck-Institut zitterte», zeigt sich Werner Walter erstaunt. Aber Deutschlands bekanntester Ufo-Forscher sagt: «Wenn da plötzlich, an einem schönen Grillabend, dutzende rot-orange-glühende Punkte über ihnen am Himmel vorbeischweben, wissen Sie auch nicht mehr weiter. Da macht sich jeder in die Hose.»

«Nie dagewesene Ufo-Welle»

In die Hosen hat sich Walter nicht gemacht. Dazu hatte er gar keine Zeit. Er hatte alle Hände voll zu tun, denn im Centralen Erforschungsnetz aussergewöhnlicher Himmelsphänomene (CENAP) glühten die Drähte. Gegen 100 Anrufe von aufgebrachten Ufo-Sichtern gingen allein in den letzten drei Monaten bei Walters Meldezentrale ein. Das sind mehr als im gesamten letzten Jahr. «Das ist eine noch nie dagewesene Ufo-Welle», sagt Walter, der die Alien-Hysterie eigentlich als abgeschlossen betrachtete. 1989, so erinnert er sich, gab es letztmals einen vergleichbaren Aufschrei mit Ursprung in Belgien. Seither blieb es ruhig. «Ich habe mir sogar Gedanken gemacht, ob ich meine Arbeit überhaupt fortführen soll.» Jetzt braucht es ihn mehr denn je.

Ein Reispapier sorgt für Unruhe

Die neue Ufo-Welle ist auch für Walter «überzeugender denn je». An die unheimliche Begegnung der dritten Art glaubt der Ufo-Skeptiker aber auch diesmal nicht. Er spricht vielmehr von «neuen Ufo-Stimulanzien», die den Grillabend in diesem deutschen Sommer besonders oft unterbrechen. Das stimulierende Produkt stammt aus dem Asiatischen Raum, ist eigentlich ein buddhistischer Brauch und wurde in den westlichen Hemisphären als «Partygagballons» identifiziert. Ballons oder Zylinder aus feuerfestem Reispapier, die sich dank eines Brandplättchens in Mini-Heissluftballone verwandeln und rot-orange glühen, sind derzeit der Renner bei Grillfesten und Hochzeiten. In der buddhistischen Religion liess man mit diesen Flugobjekten die Seele der Toten in den Himmel steigen. Seit diese Tradition bei den Gedenkfeiern für die Tsunami-Opfer in Südostasien im Dezember 2004 in grossem Stil in den Himmel flogen, wurden die Fluglichter auch im Westen populär. Sie steigen 100 bis 200 Meter hoch und schweben an einem Sommerabend 50 bis 60 Meter über dem Boden, bis der Spuk nach fünf bis zehn Minuten verglüht. Walter sagt: «Es ist eigentlich schon erstaunlich, wie gross die Aufregung derzeit ist – wegen ein bisschen verpackter, heisser Luft.»

Von «UFO Haiti» aus dem Häuschen

Viel aufregender findet er, was sich derzeit auf der Videofront tut, wo die neu erwachte Ufo-Hysterie eine zweite Welle wirft. Den Anstoss machte dabei ein Film mit dem Namen «UFO Haiti». Das Video ist auf Youtube ein Renner und wurde bisher rund 1,5 Millionen Mal angeklickt. «Ich bin zwar ein Ufo-Skeptiker. Von diesem Film war ich aber aus dem Häuschen», sagt Walter. Tatsächlich vermittelt «UFO Haiti» den Eindruck, die Ausserirdischen schwebten dem Amateurfilmer am Strand von Haiti über den Kopf. Dazu - Ah und Oh - ein Ausdruck des Erstaunens aus dem off.

Erstaunt zeigt sich der Ufo-Skeptiker allerdings nur von der Qualität des Films. Für das Rätsel fand er schnell eine irdische Erklärung. Mit den neuen 3-D-Animationsprogrammen kommt jeder Amateurfilmer zu einer immer präziseren Darstellungen einer scheinbaren Wirklichkeit. Den Auftakt in diesem neuen Alien-Videozeitalter bildet «UFO Haiti» und für den Ufo-Skeptiker ist er der Startschuss eines neuen Wettbewerbs unter Künstlern. Dafür, dass kein Fleisch am Alien-Knochen ist, liefert Walter seine Erklärung: «Ein solches Ereignis, zumal an einem Touristenstrand, hätte ein riesiges Echo ausgelöst und nicht nur einen einsamen Beobachter hinterlassen.»

Profiteur Softwareunternehmen

Tatsächlich scheint vom Ufo-Hype vor allem das Softwareunternehmen e-on zu profitieren, wie Spiegel-Online schreibt. Die Palmen im Alienurlaubsort Haiti sehen denen in einem von e-on gelieferten Demonstrationsvideo zur Entwicklung von 3-D-Animationen zum Verwechseln ähnlich. Sogar ein Ufo kommt in dem Video vor. Blogger und Foristen führen diesen Palmen-Beweis bereits in Screenshot-Montagen und eigens hergestellten Videos.

Die neuen virtuellen Möglichkeiten und der damit verbundene Wettbewerb unter den Künstlern wird Werner Walter wohl weiter auf Trab halten. «Da kommt noch etwas auf uns zu.»

«Schnaps trinken und beruhigen»

Wie er zitternde Physiker wieder beruhigen kann, die ihm von orange-glühenden Ufo-Erlbenissen berichten, weiss er mittlerweile aber sehr genau. Walter sagt, was er in solchen Fällen immer sagt: «Trinken Sie erst mal einen Schnaps und beruhigen Sie sich wieder.»

Marius Egger, 20minuten.ch

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