Anthropomorphe DioramenWenn tote Mäuse klassische Gitarre spielen
Ausgestopfte Nager, die Menschen und ihr Tun darstellen: Zu Zeiten von Queen Victoria gehörten die bizarren Schaukästen in jede gute Stube. Jetzt wird das makabere Hobby wiederentdeckt.
Man beschreibt sie am besten als Puppenstuben, in denen Situationen des bürgerlichen Alltags dargestellt werden. Eigentlich kein grosser Aufreger, wenn sie mit menschlichen Figuren bestückt wären. Doch nicht Puppen, sondern ausgestopfte Kleintiere bevölkern die Schaukästen.
Was uns heute befremdet, war vor gut hundert Jahren ein richtiger Hype. Der grösste Fan dieser sogenannten anthropomorphen Dioramen war niemand geringerer als Queen Victoria herself. So wundert es auch nicht, dass die skurrilen Kunstwerke während ihrer Regentschaft (1837 bis 1901) eine wahre Hochzeit erlebten.
Potter brillierte etwa mit einem Mäuse-Orchester
Der berühmteste Hersteller dieser «Tierpuppenstuben» war der Brite Walter Potter. Er war ein wahrer Meister seines Fachs und kreierte unter anderem eine Kaninchen-Schulklasse, eine Vogel-Beerdigung, ein Mäuse-Orchester sowie eine Teegesellschaft und eine Hochzeit mit Katzenbabys.
Mit dem Ende des viktorianischen Zeitalters schwand auch das Interesse an den bizarren Schaukästen. Bis jetzt. Vor allem in New York findet die alte Kunst wieder mehr und mehr Anhänger. Die Tattoo-Künstlerin Susan Jeiven ist nur eine von vielen, die neuerdings Workshops in «Anthropomorphic Mouse Taxidermy» anbieten. Hier lernen die Teilnehmer, wie man die toten Tiere ausnimmt, sie mit Sand und Draht ausstopft und schliesslich mit Puppenstuben-Accessoires als kleine menschliche Figuren drapiert.
Hirnmasse auszukratzen, ist nicht jedermanns Sache
Für ihre Kunst nimmt Susan Jeiven nur Tiere, die eines natürlichen Todes gestorben sind oder sowieso getötet worden wären. Es gibt ihr ein gutes Gefühl, wenn die kleinen Wesen durch ihre Kunst unsterblich werden, sagt sie.
Naja, jedermanns Sache ist es nicht, Hirnmasse aus kleinen Schädelchen zu kratzen oder Augen durch Knöpfe zu ersetzen. Und schliesslich den kleinen Leichnamen mit Draht und Accessoires neues Leben einzuhauchen. Doch Susan Jeivens Workshop findet regen Zulauf: Für das bizarre Hobby scheinen sich immer mehr Menschen zu interessieren.
Video: Susan Jeiven stellt ihre seltsame Leidenschaft vor:
Quelle:Youtube/The Midnight Archive