«Frischfleisch ist heiss begehrt»

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Männer-Prostitution«Frischfleisch ist heiss begehrt»

Vom schwulen Teenager bis zum greisen Homosexuellen: Pavel befriedigt als Stricher die heimlichen Wünsche der Schweizer Männer. Im Interview mit 20 Minuten Online erzählt er, was ihn zum Brechen, und was zu Höchstleistungen treibt.

Katharina Bracher
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Katharina Bracher

20 Minuten Online: Was antworten Sie, wenn Sie nach Ihrem Beruf gefragt werden?

Pavel: Ich zähle alles auf, nur nicht Prostitution. Callboy zu sein ist meiner Meinung nach kein Beruf. Sex ist ja auch nicht einfach irgendeine Dienstleistung. Ich nenne mich Callboy, wenn mich jemand in dieser Funktion sucht. Sonst bin ich Dolmetscher oder Kellner. Alles, nur nicht Callboy. Darauf bin ich nicht stolz.

Was kosten Sie?

Normalerweise sind es 200 Franken in der Stunde. Einen Quickie kann ich allerdings schon für 150 Franken anbieten. Wichtig ist für mich einfach, dass ich die Kunden nicht verarsche, wie das manche Hetero-Stricher machen.

Was heisst das konkret?

Die bieten im Vorgespräch oder per E-Mail irgendwelche Praktiken an und verweigern den Kunden dann genau diese Leistungen, nachdem sie bezahlt haben. Das finde ich unseriös.

Von welchen Leistungen sprechen wir konkret? Was bieten Sie an?

Alle Arten von sexuellen Praktiken. Spanking, Fisting und die unterschiedlichsten Fetische.

Gibt es auch Praktiken, die Sie nicht machen würden?

Natürlich habe ich Regeln: Kein Blut, keine Wunden und kein Sex ohne Kondom. Normalen Geschlechtsverkehr, also mit Penetration, biete ich nur aktiv an. Tuntige Callboys bieten Freiern ihren Hintern in der Regel gerne an. Aber ich mag das nicht. Das ist ja auch unhygienisch, so ein Hintern muss ja auch gepflegt sein. Darum haben viele meiner Freier, die es passiv mögen, einen Duschkopf in Form eines Dildos zu Hause. So ein Ding will ich mir nicht auch anschaffen müssen! (lacht)

Wer sind Ihre Kunden?

Männer zwischen 18 und scheintot. Auch ganz Alte und Hässliche. Ab und zu auch Paare. Etwa die Hälfte meiner Kunden sind bekennende Schwule, die andere Hälfte sind Männer, die ein heterosexuelles Leben führen. Oft hat es solche, die verheiratet sind und Kinder haben. Die meisten aber, egal ob in homo- oder heterosexueller Partnerschaft, haben Angst, zu Hause im Bett ihre geheimen Wünsche zu äussern. Die muss ich dann erfüllen.

Aus welchem Grund kommen auch Paare zu ihnen?

Ich habe zum Beispiel ein Homo-Paar aus Freiburg. Die beiden sind schon sehr lange zusammen und haben sich einfach einen neuen Impuls gewünscht für ihr Sexleben. Ich nehme aber auch heterosexuelle Paare. Ich bin ja bisexuell.

Küssen Sie auch?

Nein, nie. Da bin ich anders als die homosexuellen Prositutierten. Die haben die längste Zunge. Ich küsse lieber Frauen.

Haben Sie Spass beim Sex mit ihren Kunden?

So was macht man nicht aus Spass, sondern nur um Geld zu verdienen.

Es soll Prostituierte geben, die Spass an ihrer Tätigkeit haben.

Kann sein, ja. Meine persönliche Erfahrung ist jedoch, dass 60 bis 70 % aller Callboys irgendeine Art von Betäubungsmittel brauchen, um die Belastungen ihrer Tätigkeiten psychisch auszuhalten. Ich selbst nehme keine Drogen, ich habe andere Schutzmechanismen entwickelt.

Welche wären das?

Sagen wir einfach, ich habe eine gute Fantasie.

Mussten Sie schon Freier ablehnen?

Was mich am meisten anekelt ist schlechte Hygiene. Ich habe bis jetzt zwar noch niemanden aus diesem Grund abgelehnt. Aber ich musste mich auch schon übergeben, weil mir übel von gewissen Körpergerüchen wurde. Es gibt Typen, die stellst du drei mal unter die Dusche und die stinken immer noch!

Wie werben Sie für sich?

Ich finde meine Kunden nur über die Internetplattform Gayromeo. Als Callboy ist man angewiesen auf eine Online-Community. Anders kannst du heute keine Werbung mehr machen. Dies erlaubt Dir auch, mobil zu bleiben und zum Beispiel auch während einem Auslandaufenthalt in der entsprechenden Community des Landes Werbung für sich zu machen. Und das zieht immer. Denn es gibt eine wichtige Regel: Frischfleisch ist heiss begehrt. Anders als in der weiblichen Prostitution verleidet man in der Homoszene seinen Kunden mit der Zeit, egal wie gut man sie bedient.

Was sind Ihre Wettbewerbsvorteile?

Ganz einfach: Ich bin jung, sehe gut aus und bin voller Energie. Ich höre auch nach fünf Stunden nicht auf, wenn es nicht sein muss und dem Kunden das Geld nicht ausgeht. Ausserdem bin ich gebildet und kann gut Deutsch. Ein Vorteil in einer Szene, in der man überwiegend Ausländer findet, die keinen Ton Deutsch verstehen.

Auf Gayromeo preisen sich Homosexuelle ausschliesslich mit körperlichen Attributen an: Schwanzgrösse, Knackarsch, Sixpack. Hat man als hässlicher Mann überhaupt eine Chance in diesem Geschäft?

Kaum, denn dafür hat es zuviel gutaussehende Konkurrenz. In dieser Szene geht es ausschliesslich um optische Reize. Aber eigentlich ist es ja so, dass meine Freier diejenigen sind, die unansehnlich sind. Für den freien Markt sind sie entweder zu alt oder zu fett. Oder beides. Die allermeisten meiner Kunden kommen deswegen überhaupt zu mir. Sie kriegen niemanden ab oder fürchten sich vor Ablehnung auf dem freien Markt.

Sie sind jetzt 23 Jahre alt. Wie lange bleiben Sie noch im Geschäft?

So lange ich muss. Ich stamme aus Osteuropa und anfangs ging es prinzipiell ums Überleben. Ich beherrsche fünf Sprachen und war als Dolmetscher ohne Diplom tätig. Weil ich keine Stelle mehr fand, kam ich zur Prostitution. Hier in der Schweiz hole ich eine Ausbildung nach. Mit der Prostitution finanziere ich die Schule und bezahle meinen Geschwistern zu Hause die Gebühren für die Universität. Das kommt mich alles teuer zu stehen, obwohl ich nicht auf grossem Fuss lebe. Ich habe jetzt auch eine Stelle als Kellner in einem Gastbetrieb und bin nicht mehr gleich auf meine Kunden angewiesen.

Stricherszene Schweiz

Über die grösste Szene verfügt die Stadt Zürich. Laut Christian Conrad von der Beratungsstelle «Herrmann» der Zürcher Aids-Hilfe sind es zwischen 600 und 800 Männer, die sich in der Stadt Zürich prostituieren. Die Fluktuation ist grösser als in der Heteroszene, viele männliche Prostituierte stammen aus Brasilien, Thailand oder Osteuropa. Die meisten bleiben hier, so lange sie als Prostituierte gefragt sind, und reisen dann wieder ab. Im Schnitt sind die Callboys zwischen 18 und 26 Jahre alt. Im Gegensatz zur Frauenprostitution kommen Gewalt gegen Prostituierte und Drogendelikte fast nie vor. (kbr)

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