Freiheiten der PresseDarf sich eine «Blick»-Autorin so zeigen?
Im «Blick» werden die Sado-Maso-Bilder einer zeigefreudigen Sozialarbeiterin angeprangert. Die Urheberin der Geschichte steht der von ihr vorgeführten Frau in Sachen Exhibitionismus in nichts nach.
«Darf eine Schweizer Amtsperson sich so im Internet zeigen?», fragte der «Blick» am Dienstag auf der Frontseite. Auf den folgenden Seiten beantwortet Autorin Debora Z. die Frage nach der bildhaften Schilderung sämtlicher Details vom Sado-Maso-Hobby einer Angestellten des Sozialamts einer Zürcher Gemeinde nicht selbst. Ein herangezogener Experte weiss aber: «Die fristlose Kündigung liegt drin. Vor allem wenn die Bilder an die Öffentlichkeit kommen.»
Dass die Bilder der Sozialarbeiterin und ihres Sexlebens als Sklavin «Snouky» den Weg vom passwortgeschützten und kostenpflichtigen Sado-Maso-Portal an die Öffentlichkeit finden, dafür hat Autorin Z. ja selbst gesorgt. Ausführlich führt die «Blick»-Autorin die zeigefreudige öffentliche Angestellte vor. Snouky sei bereits als ehemalige Miss-Bikini-Kandidatin bekannt: «Ich habe kein Problem, meinen Körper zu zeigen.»
Eine ganze Reihe von Miss-Erfolgen
Wie sich Miss-Bikini-Kandidatinnen fühlen, davon kann auch Debora Z. ein Lied singen. Denn sie war 2004 selbst Miss Bikini. Überhaupt kam die heutige Reporterin jahrelang selbst an keiner Kamera vorbei. Sie besitze «fürs Modeln hundert Paar Schuhe und zwei Kisten Unterwäsche», diktierte sie vor vier Jahren einem Journalisten ins Mikrofon. So ist denn der Palmarès der inzwischen 27-Jährigen mit den Massen 90-63-90 eine einzige Auflistung von Miss-Erfolgen: Miss Aloe Vera war sie schon und Miss You. Darüber hinaus posierte sie als Vize-Miss-Vectra, als Vize-Miss-Badi-Beauty und stand strahlend im Final bei der Wahl zum Office-Girl, zur Miss Bronx, zur Miss Bodensee und zur Miss Congeniality.
Diese Informationen sind nicht Erfolg einer langen Recherche, sondern das Resultat eines kurzen Ausflugs auf «deborazeier.com». Denn im Gegensatz zur von ihr beschriebenen Sozialarbeiterin, die im Login-geschützten Bereich ihre Bilder zeigte, breitet Z. ihre Vita mit Bildern in aller Öffentlichkeit und auf den ersten Klick aus.
In schwarzer Reizwäsche auf dem roten Sofa
Die reich bebilderte Webpage zeigt die «Blick»-Journalistin, die sich in schwarzer Reizwäsche aufs rote Chesterfield-Sofa drapiert, sich ein Cello zwischen die nackten Schenkel klemmt oder geheimnisvoll hinter einer schwarzen Maske versteckt. Dabei ist der Exhibitionismus der jetzigen Enthüllungsjournalistin offenbar unter Kontrolle. Denn im Jahre 2005 bekannte die damalige Noch-Nicht-Autorin Z. zu ihrem Zeige- und Missenwahn: «Das alles ist nicht eben lebenserfüllend.» Z. pochte auf innere Werte: Jahrelang habe ihr Leben keinen Sinn gehabt, gibt sie in einem Artikel zu Protokoll. «Ich war wie süchtig nach dem Titel. Ich fand es total aufregend, mich mit anderen hübschen Frauen zu messen.»
Und wo wurde die ganze Exhibitionismusproblematik der Debora Z. aufgearbeitet? Richtig, im «Blick». «Dieser Engel würde auch im Himmel zur Miss gewählt», flötete ihr jetziger Arbeitgeber vor vier Jahren. Der «Engel» aber bekannte: «Ich mag nicht länger auf meinen Körper reduziert werden. Ich will mehr als bloss schön sein.» Es scheint inzwischen soweit zu sein: Über den Umweg einer Geschichte als «himmlisch sexy Theologen-Tochter» und als Leser-Reporterin, die im roten Bikini im Schnee steckt, hat Debora Z. den Einstieg in die «Blick»-Redaktion gefunden.
Was darf die Presse?
Die Grundsatzfrage lautet letztlich, wie viel Privatleben einer öffentlichen Personen darf aus den hinteren Plätzen des Internets in den medialen Vordergrund gezerrt werden. In zahlreichen Blogs wird die «Blick»-Geschichte inzwischen entsprechend aufgeregt und seltsam einhellig diskutiert. Stellvertretend für viele User ein Eintrag auf shinjischneider.wordpress.com: «Willkommen in der Zeit des journalistischen Prangers, in der irgendwelche Leute wegen ihrer sexuellen Vorlieben in die Öffentlichkeit gezerrt und vernichtet werden. Nach all der scheinbaren sexuellen Aufgeklärtheit scheint dies ein Rückfall in längst vergangene Zeiten zu sein.»