Das traurige Schicksal der «burriers»

Aktualisiert

Fall Melanie B.Das traurige Schicksal der «burriers»

Die Aargauerin Melanie B., die in Lima mit 3,5 Kilo Kokain erwischt wurde, ist kein Einzelfall. Dem peruanischen Zoll gehen immer wieder junge Schmugglerinnen ins Netz. Aus Liebe oder des schnellen Geldes wegen glauben diese «burriers» ihren Drogenlieferanten, dass sie nicht erwischt werden.

Karin Leuthold
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Karin Leuthold

«Burriers» ist der Ausdruck, den man in Peru für die Frauen gebraucht, die von den Kartellen für den Drogenschmuggel rekrutiert werden. Obwohl fast täglich Meldungen in den Medien über Verhaftungen von Drogenkurieren am Zoll zu lesen sind und trotz Warnungen der Behörden, sind es Tausende von jungen Menschen, die den Lügen der Drogenmafia zum Opfer fallen und damit ihr Leben ruinieren.

Seit einigen Jahren zeichnet sich ein neuer Trend in der dunklen Welt des Drogenschmuggels ab. Es sind vor allem junge Mädchen, die von den Drogenkartellen angeworben werden, um ihre Ware in die «Erste Welt», sei es nach Europa oder in die USA, zu bringen.

Die gleiche Geschichte wiederholt sich 900 Mal

Die Geschichte der «burriers» ist die Geschichte von rund 950 Insassinnen des Gefängnisses Santa Monica in der peruanischen Hauptstadt Lima. Die zumeist jungen Frauen wurden erwischt, als sie Drogen - entweder in Gepäckstücken oder am Körper angeklebt - über den Flughafen Jorge Chávez aus dem Land bringen wollten.

Sie liessen sich mit falschen Versprechungen davon überzeugen, oftmals von den Lieferanten, aber meistens von ihren eigenen Partnern. Die jungen Frauen bezahlen ihren Fehler mit ihrer Jugend: Die Haftstrafen reichen von sechs bis zu 15 Jahren, je nach sichergestellter Menge.

Die Untersuchung beginnt in der Schlange

Am Abend, wenn die Flüge Richtung Europa gehen, hat die peruanische Grenzpolizei am meisten zu tun. Auch Flüge nach São Paulo, Brasilien, werden genauer unter die Lupe genommen. Schon während die Leute am Check-in in der Schlange stehen, werden sie von mindestens 20 Augenpaaren beobachtet und beurteilt.

«Bei den Europäern merken wir vor allem an den Kleidern und ihrer Körpersprache, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Bei den Latinos merken wir es am Umgang, den sie mit ihrem Gepäck haben», erklärt ein Zollbeamter in der peruanischen TV-Sendung «Panorama». «Bei den Peruanern merken wir das am Verhalten: Weil es meistens Menschen vom Land sind, versuchen sie sich als Stadtmenschen zu verhalten und wirken dadurch lächerlich.»

«Oft fällt uns die Bewegung eines Körpers auf. Plötzlich läuft vor uns eine Frau vorbei, die etwas mollig wirkt, aber wenn man genau hinschaut, bewegen sich einige Teile ihres Körpers nicht auf natürliche Art. Dann wissen wir: Diese Frau hat wahrscheinlich ein Korsett an den Körper gebunden.»

Jedes Versteck ist gut, jede Ausrede möglich

Der Zollbeamte hat schon Drogen in den abstrusesten Verstecken gefunden: In Ohrringen, in Perücken, in Gilets, in Socken, in den Schuhsohlen. Man habe auch schon Kokain in Windsurfbrettern oder in den Metallstangen der Koffer gefunden.

Unzählig sind auch die Ausreden, die die Frauen gebrauchen. Wenn sie bei der einfachen Frage «Gehört das Gepäck Ihnen?» sekundenlang stumm bleiben, dann wissen die Ermittler sofort, dass sie vor einer «burrier» stehen, erzählt der Beamte weiter. Er und sein Team seien speziell darauf trainiert, die Widersprüche aufzudecken, in die sich die Mädchen verwickeln. Auch die härtesten unter ihnen, die sich bei einer Untersuchung im ersten Moment noch gefasst zeigen, werden mit der Zeit nervös und lassen es sich anmerken.

Schwangere sind «Traumkurierinnen»

Für die Drogenkriminellen gibt es keine Grenzen, und das Schicksal der «burriers» ist ihnen egal. Oft zwingt man die Frauen, die Drogen zu schlucken, oft wird die Ware erst während eines Zwischenstopps abgegeben. Flüge von Lima nach Madrid führen oft über Buenos Aires, wo die «burriers» mit den Drogen beliefert werden.

Peru, Spanien, Holland: Das sind die häufigsten Herkunftsländer der Frauen, die regelmässig am Flughafen abgefangen werden. Schwangere Frauen sind so etwas wie «Traumkurierinnen», weil die Hemmung gross ist, diese Frauen zu untersuchen.

Aber auch hier hats den einen oder anderen Fang gegeben: So zum Beispiel die Spanierin, die mehrere Kilo Kokain in einer Erwachsenenwindel um sich gebunden hatte. Schlimm haben es diese Frauen, wenn sie verhaftet werden: Das Kind kommt in Gefangenschaft zur Welt und darf bis zum dritten Lebensjahr bei der Mutter bleiben. Danach muss es die Anstalt verlassen und wird in der Regel in einem Kinderheim platziert.

Motiv: Liebe oder Geldnot

«Wir wollen die Leute aus Europa für das Thema Drogenschmuggel sensibilisieren. Manche meinen, es seien nur Latinas, die als Drogenkurierinnen arbeiten. Leider ist das nicht so. Der grosse Unterschied ist, das die Europäerinnen sehr wohl wissen, was sie in den Koffern mit sich schleppen.»

Die Gründe, die die Frauen dazu bewegen, einen Auftrag als «burrier» anzunehmen, sind verschieden: Es gibt solche, die es aus Liebe machen, und es gibt solche, die sich aus Geldnot dazu gezwungen sehen. Ihnen wird für ihre Dienste eine Belohnung zwischen 3500 und 4000 Euro versprochen.

Sarah tat es, weil sie den Kick wollte

Und dann gibt es den Fall der Britin Sarah, die im Februar 2007 am Flughafen von Lima mit Kokain erwischt wurde. Es war nicht das Geld und auch nicht die eigene Drogensucht, die sie bewog, Drogen zu schmuggeln: «Es war der Adrenalinkick. Ich bin ein Adrenalinjunkie, ich liebe die Gefahr. Ich weiss, es klingt verrückt und dumm, aber so wars», erzählt sie im Interview mit dem peruanischen TV-Sender.

«Die Polizisten am Zoll liessen meine zwei Koffer dreimal durch das Röntgengerät durch. Sie konnten nichts sehen. Ich vermute, sie haben eher mich beobachtet, wie ich reagiere. Und das hat funktioniert. Sie konnten nichts finden, aber es waren sechs Menschen, die mich anstarrten. Als sie sagten, ich solle doch schon mal zum Check-in gehen, sie würden die Koffer erneut durch das Gerät lassen, geriet ich in Panik. Da schlitzten sie meinen Koffer auf und fanden das Zeug. Dann baten sie mich in ein Büro, und der Rest ist Geschichte. Jetzt sitze ich hier.»

Letzte Warnung vor der Toilettentür

Im Rahmen einer von der Zollbehörde lancierten Kampagne wurde am Eingang der Frauentoilette ein Schild montiert mit der Aufschrift: «Das ist deine letzte Chance». Es soll die Frauen dazu ermuntern, die Ware zu entsorgen. Statistiken, die den Erfolg der Kampagne belegen, gibt es leider nicht, doch es gibt kleine Erfolgsgeschichten, wie die des Koffers mit 15 Kilo Kokain, den die Polizei Ende Oktober 2008 auf der Toilette fand.

Für die, die sich zu diesem letzten Ausweg nicht entschieden haben, endet die Reise durch Peru nicht selten im Gefängnis.

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