«Ehrenmord»Schöne Worte für eine massakrierte Schwester
Weil die 16-jährige Morsal nicht so lebte, wie ihre Familie es wollte, wurde sie von ihrem eigenen Bruder mit 23 Messerstichen umgebracht. Ein klassischer «Ehrenmord» — oder eher ein Verbrechen, für das es kein geeignetes Wort gibt.
Sieben Monate nach dem Mord an seiner Schwester Morsal steht der Deutsch-Afghane Ahmad O. in Hamburg vor Gericht. Zu Beginn der Verhandlung wollte sich der Angeklagte, der im Gerichtssaal weinte, nicht zur Tat äussern.
Der 24-jährige Ahmad O. hatte das Mädchen laut Anklage am 15. Mai 2008 auf einen Parkplatz im zentralen Hamburger Stadtteil St. Georg gelockt. Dann stach er mit einem Messer auf seine Schwester ein. 23 Mal traf er sie mit der zehn Zentimeter langen Klinge — am Oberkörper, am Gesäss, an Armen und Beinen sowie zweimal in Herz und Lunge. Morsal verblutete noch am Tatort.
Unangemessen gekleidet
Der Bruder wurde rund zwölf Stunden später festgenommen. Er gestand die Tat. Sein Motiv: Morsal, die sich als Deutsche fühlte und offenbar auch so leben wollte, habe sich unangemessen gekleidet und von der Familie abgewandt. Und sie habe als Prostituierte gearbeitet.
Morsal hatte Hilfe bei mehreren Sozialeinrichtungen gesucht, zuletzt bei einem Jugendhaus. Zudem hatte sie ihren Bruder, wie das «Hamburger Abendblatt» berichtete, erst kurz vor der Bluttat angezeigt, weil er sie zusammengeschlagen hatte. Da Morsal dann aber bei der Verhandlung die Aussage verweigert habe, sei es nicht möglich gewesen, ihn in Haft zu nehmen. Ahmad O. war der Polizei bereits wegen mehrerer Schlägereien bekannt.
Problematischer Begriff
Die blutige Tragödie, die nun das Landgericht Hamburg beschäftigt, ist kein Einzelfall: Nach Uno-Schätzungen sterben weltweit jährlich 5000 Frauen und Mädchen aus ähnlichen Gründen. Auch in Deutschland und in der Schweiz müssen immer wieder Frauen sterben, weil ihr Lebensstil den archaischen Werten ihrer Familie widerspricht. In den Schlagzeilen steht dann oft das Wort «Ehrenmord», mit oder ohne Anführungszeichen.
Doch dies ist problematisch. Zum einen gibt es den Begriff im deutschen Strafrecht gar nicht, wie nach Morsals Tod auch ein Sprecher der Hamburger Polizei bekräftigte. Zum andern impliziert das zusammengesetzte Wort, dem Mord liege ein ehrenhaftes Motiv zugrunde. Im Grunde fehlt uns ein adäquater Begriff, weil «Ehrenmord» das Verbrechen gewissermassen aus der Perspektive des Täters bezeichnet. In dessen Logik hat die Tat lediglich die verletzte Ehre — sei es die eigene, sei es die der Familie — wiederhergestellt.
Patriarchalischer Ehrenkodex
Im Ehrenkodex traditioneller patriarchalischer Gesellschaften — und dies müssen nicht unbedingt nur islamische sein — gelten das Leben des Mannes und dessen «Ehre» mehr als das Leben der Frau. Es sind aber die weiblichen Angehörigen der Familie, deren Verhalten — vor allem in Fragen der Sexualität — die «Ehre» des Mannes und des gesamten Familienverbandes bestimmen. Wird diese «Ehre» verletzt, ist der Patriarch oder der Familienrat gehalten, Sanktionen gegen die fehlbare Frau zu ergreifen, notfalls indem sie umgebracht wird.
Manchmal wird der jüngste Bruder des Opfers mit dem Mord beauftragt, wenn er noch unter das Jugendstrafrecht fällt.
Von der Ehre zur Würde
Letztlich sichert der patriarchalische Ehrenkodex die männliche Kontrolle über die Frau, deren Verlust auf keinen Fall toleriert werden kann.
Dies ist auch in der westlichen Gesellschaft der Fall, die scheinbar so gleichberechtigt ist: Auch hier werden manche Männer gewalttätig, wenn die Frauen ihrer Kontrolle zu entgleiten drohen. Allerdings spielt der archaische Ehrbegriff dabei kaum mehr eine Rolle; tatsächlich hat sich die westliche Gesellschaft weitgehend vom einst zentralen Begriff der Ehre verabschiedet.
Nach dem exzessiven Missbrauch des Ehrbegriffs im Dritten Reich stiftet die Ehre spätestens seit den 60er-Jahren keine Identität mehr; an ihre Stelle ist zunehmend die Würde getreten.
Mit der Immigration von namhaften Bevölkerungsgruppen aus Gebieten, in denen der patriarchalische Ehrbegriff noch starke Geltung geniesst, sind archaische Ehrvorstellungen jedoch auch im Westen plötzlich wieder präsent. Dementsprechend verunsichert reagiert die Justiz; so wird manchmal der kulturellen Prägung der Täter strafmildernde Wirkung zugebilligt. Immerhin: Als dies letzthin eine Richterin in Deutschland tat, erhob sich ein Sturm des Protests, und das Urteil wurde von der höheren Instanz kassiert. Das Recht aller Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben ist unverhandelbar.