Genitalverstümmelung als Marktlücke?

Aktualisiert

Genitalverstümmelung als Marktlücke?

In der Schweiz soll der Kampf gegen die Beschneidung von Frauen verstärkt werden. Doch ausgerechnet in den Herkunftsländern hat ein Trend eingesetzt, der dem entgegenwirkt, wie Gynäkologin Judith Pok im Interview mit 20minuten.ch sagt.

Nach dem Nationalrat hat sich auch der Ständerat für einen stärkeren Einsatz gegen Genitalverstümmelungen ausgesprochen. Die eidgenössischen Räte verlangen regelmässige Informationskampagnen sowie die Unterstützung von Ausbildungs- und Erziehungsmassnahmen bei den direkt Betroffenen. Judith Pok, Gynäkologin am Universitätsspital Zürich, begrüsst die Massnahmen, «damit ist es aber nicht getan», wie sie gegenüber 20minuten.ch sagt.

Frau Pock, das Parlament will seinen Einsatz gegen Beschneidung verstärken. Was halten Sie davon?

Informieren und Aufklären halte ich für sehr wichtig und gut. Aber damit erübrigen sich andere Massnahmen nicht.

Welche Massnahmen fordern Sie zusätzlich?

Die Prävention sollte auch in jenen Ländern stattfinden, in denen Frauenbeschneidungen stattfinden. Eine globale Informationskampagne, wie sie die WHO durchführt, ist sinnvoll. Einen besonderen Effort braucht es zudem in der Schweiz beim Schutz der Kinder.

Weshalb?

Weil die Kinder von Migrantinnen, bei denen Beschneidung ein Teil der Kultur ist, über kurz oder lang vor dieses Thema gestellt werden. In der Schweiz ist zwar die Beschneidung von Frauen ausdrücklich verboten. Aber es ist möglich, dass dies heimlich trotzdem stattfindet. Zahlen gibt es nicht. Die Kinder sollten aber vor einer Beschneidung geschützt werden. Hier muss unbedingt der Kinderschutz greifen.

Ein schwieriges Unterfangen.

In der Tat. Man muss schon sehen, dass in Ländern wie Somalia, dem Sudan oder Äthiopien Beschneidungen die alltägliche Praxis sind. Sie gehört zum kulturellen Hintergrund.

Und diese Familien dürften auch einen grossen sozialen Druck auf ihre Kinder ausüben?

Möglicherweise. Diesen sozialen Druck sollte man unbedingt abfedern. Dass das nicht einfach ist, ist vor dem Hintergrund ihrer Kultur klar. Die Eltern wollen aus ihrer Sicht den Kindern ja etwas Gutes tun, sie in den Kreis ihrer Kultur aufnehmen, sie zu Frauen machen. Ich denke, es braucht wohl zwei bis drei Generationen, bis ein Meinungswandel stattfindet.

In der Schweiz leben gemäss einer Studie der UNICEF rund 7000 beschnittene Frauen. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein. Wie wollen Sie diese Familien aufklären?

Das müsste über die Organisationen der Migrantinnen laufen. Dort könnte man andocken. Denn ohne die Eltern einzubeziehen ist der Erfolg gering. In den Ländern, in denen Beschneidungen stattfinden, gibt es allerdings einen Trend, der mir Sorge macht.

Welchen?

Die Beschneidungen werden immer häufiger im Spital oder von Ärzten und Medizinalpersonen durchgeführt. Die Beschneidung an und für sich wird zwar humanisiert, sie wird aber dadurch auch auf eine grössere Akzeptanz stossen, weil weniger Komplikationen bei und durch die Beschneidungen auftreten. Das halte ich für extrem kontraproduktiv. Denn die Tatsache, dass man das Mädchen beschneidet, bleibt.

Ist es für junge Frauen in der Schweiz überhaupt möglich, eine Beschneidung zu verlangen?

Eigentlich spricht hier das ärztliche Ethos gegen die Patientenautonomie. Ich würde das aus meiner Überzeugung nie machen. Aber es ist möglich, dass andere Ärzte dies anders sehen.

Salopp ausgedrückt: Glauben Sie, dass Ärzte in der Schweiz die Beschneidung von erwachsenen Frauen als Marktlücke entdecken?

Ich hoffe nicht, aber möglich ist es.

Glauben Sie, dass das heute schon der Fall ist?

Nein.

Haben Sie in der Universitätsklinik Zürich vermehrt mit beschnittenen Frauen zu tun?

Die Fallzahl ist seit ungefähr 15 Jahren stabil. Rund 80 Prozent unserer Patientinnen in der Polyklinik sind Migrantinnen. Ein Teil von ihnen stammt aus Ländern, die die Beschneidungen praktizieren.

Marius Egger, 20minuten.ch

Alle 15 Sekunden wird auf der Welt ein Mädchen beschnitten. 130 Millionen Frauen sind weltweit betroffen, wie aus einer Studie der UNICEF hervorgeht. In der Schweiz wird die Zahl der betroffenen Frauen auf rund 7000 geschätzt. Dass die Tendenz steigend sein dürfte, zeigt ein Vergleich mit einer Studie von 1991. Damals wurde die Zahl auf rund 1451 beschnittenen Frauen in der Schweiz geschätzt. Die UNICEF-Studie basiert unter anderen auf Befragungen von Gynäkologen und Gynäkologinnen. Die befragten Ärzte behandelten 233 beschnittenen Frauen. (meg)

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