WaffenschutzinitiativeFehlschuss der Statistiker
49 Prozent der Suizide werden laut BAG mit einer Armeewaffe ausgeführt. Die Waffenschutz-Gegner sprechen von «arglistiger Irreführung» mit falschen Zahlen. Wer hat recht?
Die Zahlen im Faktenblatt «Suizid mit Schusswaffen» des Bundesamt für Gesundheit (BAG) sorgen für Diskussionen. Gemäss BAG wird jeder zweite Schusswaffensuizid mit einer Armeewaffe begangen. Dieser Wert steht in krassem Widerspruch zu den Angaben des Bundesamts für Statistik (BFS). Dieses geht von einer Quote von neun Prozent aus.
Damit gibt es aus einem einzigen Departement – sowohl das BAG als auch das BFS sind Teile des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) – auf dieselbe Frage zwei verschiedene Antworten. Wie das passieren konnte, kann sich EDI-Kommunikationschef Jean-Marc Crevoisier nicht erklären. BAG-Sprecherin Mona Neidhard sagt auf Anfrage von 20 Minuten Online nach langen Abklärungen: «Wir werden das Faktenblatt vom Netz nehmen, bis klar ist, wie der markante Unterschied bei den Zahlen zustande gekommen ist.» In der Zwischenzeit werde man das BAG-Dokument zusammen mit dem BFS überprüfen, schliesslich liege die statistische Oberhoheit beim Bund beim BFS.
Der Eingriff auf der Homepage ist das vorerst letzte Kapitel im Streit um die Quote von Armeewaffen bei Suizide durch Erschiessen. Am vergangenen 28. Dezember präsentierte das BFS ihre Statistik zum «Tatmittel Schusswaffe» für das Jahr 2009. Darin hielten die Statistiker fest, dass lediglich neun Prozent aller Schusswaffensuizide mit einer Armeewaffe verübt wurden. Die Gegner der Waffenschutzinitiative sahen sich bereits in ihrer Argumentation bestärkt, dass die verfügbare Armeewaffe bei Suiziden keine grosse Rolle spielt. Doch ein paar Tage darauf publizierte der Wissenschaftler Thomas Reisch einen Artikel in der «Schweizerischen Ärztezeitung», der die Situation in einem neuen Licht erscheinen liess.
Nicht vergleichbar
Reisch, der schweizweit als Experte in der Suizidforschung gilt, wertete darin mehrere wissenschaftliche Studien zum Thema aus und kam zum Schluss, dass knapp die Hälfte aller Schusswaffensuizide mit einer Armeewaffe verübt werden. Die BFS-Statistik kommentierte er nicht, da sie offenbar beim Verfassen des Artikels noch nicht vorlag. Schnell reagierte das Bundesamt für Statistik und nahm Stellung zu den «scheinbaren Widersprüchen». Aufgrund unterschiedlicher Betrachtungsweisen seien die Informationen der BFS-Tabellen nicht mit denjenigen der Studien vergleichbar, welche dem Artikel der Ärztezeitung zugrunde lägen, hiess es.
Während ein Bundesamt aus dem Innendepartement an den eigenen Zahlen festhielt, suchte ein anderes gezielt den Kontakt zum Studienverfasser. «Das BAG ist an mich herangetreten und hat mich gebeten, ihr veraltetes Faktenblatt zum Suizid mit Schusswaffen aufzudatieren», sagt Reisch auf Anfrage von 20 Minuten Online. Ende Januar stellte das BAG das aktualisierte Faktenblatt ins Internet.
Der Wissenschaftler, der als Leiter Schwerpunkt Psychotherapie an der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie in Bern tätig ist, kommt darin praktisch zum gleichen Schluss, wie in seinem Artikel in der Ärztezeitung: in 49 Prozent aller Schusswaffensuizide kommen Armeewaffen zum Einsatz. Der Berechnung dieses «gewichteten Mittels» liegen vier wissenschaftliche Studien zugrunde, die teils auf Daten von rechtsmedizinischen Instituten und teils auf Polizeistatistiken basieren.
«Parteigutachten für die Initianten der Waffeninitiative»
Für das überparteiliche Komitee gegen die Waffeninitiative ist das Faktenblatt «keine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung, sondern ein Parteigutachten für die Initianten der Waffeninitiative». Reisch gehöre zu den Initianten, heisst es in einer Mitteilung. Zudem wird «die Instrumentalisierung des BAG» und die «arglistige Irreführung der Schweizer Stimmbürger» aufs Schärfste verurteilt.
Den Wissenschaftler ärgern diese Anschuldigungen. In Tat und Wahrheit sei es genau umgekehrt gelaufen, so Reisch: «Ich habe mich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt und dabei gemerkt, dass mit der Initiative Suizidprävention gemacht werden kann.» Nur deshalb habe er die Initiative mitunterschrieben. Reisch ist jedoch weder politisch aktiv noch war er Mitglied des Initiativkomitees.
«Nicht durchdacht und schlichtweg falsch»
Geärgert hat sich der Arzt aber nicht nur wegen den Anschuldigungen, sondern auch über die vom BFS publizierten Zahlen: «Das BFS macht sonst immer einen hervorragenden Job, aber diese Statistik hätte es zurückhalten müsse, weil es offensichtlich ist, dass sie nicht durchdacht und schlichtweg falsch ist.» Das Problem sei, dass die Statistik nicht mit selbst erhobenen Daten gemacht worden sei. Vielmehr habe das BFS Daten von verschiedenen Polizeikorps zusammengetragen. Die Waffentyp-Kategorien seien aber nicht in allen Kantonen gleich.
So sei beispielsweise unklar, wie hoch der Anteil Armeewaffen in den Kategorien Faustfeuerwaffe (20 Prozent aller Suizide durch Erschiessen), Pistole (21 Prozent), lange Feuerwaffe (sieben Prozent), Gewehr (sechs Prozent), Sturmgewehr (vier Prozent) und bei den Suiziden durch Erschiessen «ohne Angabe des Tatmittels» (18 Prozent) sei. «Klar ist nur, dass auch in diesen Kategorien Armeewaffen vorkommen müssen», ist Reisch überzeugt. Denn offensichtlich würden gewisse Kantone Armeewaffen in diesem Zusammenhang nicht separat aufführen.
Die neun Prozent Armeewaffen, die offiziell ausgewiesen würden, seien somit nicht aussagekräftig. Dass die BFS-Statistik uneinheitlich erhoben worden sei, sei auf dem ersten Blick ersichtlich, sagt Reisch: «Nur so ist beispielsweise erklärbar, weshalb neben der Kategorie Faustfeuerwaffen auch die Kategorien Pistole und Revolver aufgeführt werden, obwohl diese ja Faustfeuerwaffen sind.» Das BFS wollte sich auf Anfrage zu den Vorwürfen Reischs nicht äussern.