Katholiken laufen ihrer Kirche davon

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Volksaufstand der GläubigenKatholiken laufen ihrer Kirche davon

Die päpstliche Rehabilitierung von Holocaust-Leugner Williamson sorgt seit vergangenem Monat weltweit für Empörung. Williamsons Entschuldigung ändert daran kaum etwas, denn in der Schweiz ist vielen Katholiken längst der Kragen geplatzt. Eine Umfrage von 20 Minuten Online zeigt: Seit Januar steigen die Kirchenaustritte dramatisch an.

Katharina Bracher
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Katharina Bracher

Reaktionäre Töne aus dem Vatikan sind beileibe keine Seltenheit. Doch mit der Aufhebung der Exkommunikation von Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson scheint Papst Benedikt die Geduld so einiger überzeugter Katholiken ausgereizt zu haben. Unter Schweizer Gläubigen führt dies nun zu einer regelrechten Austrittswelle, wie eine Umfrage von 20 Minuten Online unter den grössten Kirchgemeinden der Schweiz zeigt.

Die erste Hiobs-Botschaft kommt aus Bern. Dort meldet die Leitung der römisch-katholischen Kirche bis zu fünf Austritte pro Tag, die sich explizit auf Williamson beziehen. Auch in der Ostschweiz sind die Schäfchen nicht mehr gewillt, die reaktionären Töne ihres Oberhauptes einfach so hinzunehmen: Vierzig Austritte sind in der St.Galler Kirchgemeinde seit Januar eingegangen. Eine Verfünffachung des normalen Wertes.

Der «Williamson-Effekt»

Auch wenn der Austritt nicht in jedem Fall explizit begründet wird, weiss man in der St.Galler Kirchgemeinde über die Beweggründe Bescheid: «Bei vielen war die Aufhebung der Exkommunikation von Williamson wohl der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte», sagt Kirchgemeindepräsident Guido Corazza. Doch nicht nur in seiner Gemeinde spüre man den Williamson-Effekt: «Auch die Kollegen der Kirchgemeinde Wil melden vermehrt Austritte», weiss Corazza.

Den Zürcher Kirchenvätern geht es in dieser Beziehung nicht viel besser: «Wir erhalten täglich drei bis vier E-Mails von Leuten, die austreten wollen auf Grund der Rehabilitierung von Williamson», erklärt Aschi Rutz von der Katholischen Kirche in Zürich. Und in Basel spricht Xavier Pfister, Informationsbeauftragter der römisch-katholischen Kirche, gar von einer «Zäsur» in der Geschichte der Basler Kirchgemeinde: «Die Reaktionen sind ungewöhnlich heftig. Allein in den letzten Wochen sind 22 Austritte eingegangen, die als Grund explizit die Rehabilitierung von Williamson nennen.» Pfister geht davon aus, dass diese Zahl sogar noch ansteigen wird. Auch sein Kollege Florian Flohr von der Kirchgemeinde der Stadt Luzern schlägt Alarm: Seit Mitte Januar seien es total 110 Austritte, was ungefähr einer Verfünffachung des Monatsdurchschnitts entspreche. Die Signalwirkung dieses Mitgliedereinbruchs gehe jedoch in die falsche Richtung: «Die Austritte treffen die Kirchengemeinden, nicht den Vatikan», gibt Flohr zu bedenken. Denn der Vatikan sieht keinen Rappen von einbezahlten Kirchensteuern der Schweizer Katholiken.

An der katholischen Basis brodelt es

Doch die Vertretungen der betroffenen Kirchgemeinden zeigen alle ein gewisses Verständnis für die Reaktion ihrer Schäfchen. Viele Kirchgemeinden der Schweiz haben sich längst von der kirchenpolitischen Linie des Papstes zu distanzieren versucht, indem sie die antisemitischen Äusserungen des streitbaren Bischofs Williamson verurteilten.

Ohne Zweifel brodelt es an der Basis der Katholiken. Namhafte Theologen, Seelsorger und Politiker rufen darum zu einer «Kirchendemo» auf. Am 8. März soll ein Protestzug in Luzern stattfinden. «Auftreten statt austreten!» fordern die Initianten auf ihrer Homepage. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist ihnen so gut wie sicher. Ob sie sich auf diese urdemokratische Weise auch Gehör im absolutistischen Vatikanstaat verschaffen, wird sich zeigen.

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