Kaum Muslime in der Schweiz begraben

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Muslimische GrabfelderKaum Muslime in der Schweiz begraben

Islamische Verbände in der Schweiz fordern mehr Grabfelder für Muslime, doch die bestehenden werden kaum genutzt. Dies könnte sich aber bald ändern.

Amir Mustedanagic
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Amir Mustedanagic

Der islamische Verband «Koordination Islamischer Organisationen» (Kios) fordert, dass in jedem Kanton Grabfelder für Muslime eingerichtet werden. Notfalls wolle man klagen, sagte Präsident Farhad Afshar gegenüber «Sonntag». Die Forderung ist nicht neu, sondern seit Jahren Diskussionsthema. Dass die Muslime nur 13 Wochen nach der Minarett-Abstimmung aber nun vorpreschen und eine schnelle Lösung verlangen, erstaunt. Noch erstaunlicher wird es, wenn man die Nachfrage nach Gräbern betrachtet.

Auf den acht muslimischen Grabfeldern in der Deutschschweiz liegen zurzeit 190 Muslime begraben (siehe Bildstrecke). In Basel – mit knapp 20 000 muslimischen Bürgern – fanden in den vergangenen acht Jahren gerade mal 16 Muslime ihre letzte Ruhe. «Wir haben mit einer grösseren Nachfrage gerechnet», heisst es auch auf dem Friedhof Friedental in Luzern. In den drei Jahren seit Eröffnung des muslimischen Grabfeldes sind drei Personen bestattet worden. Selbst in der Stadt Zürich wurden weniger Muslime begraben als erwartet. Statt 90 bis 120 Muslime liegen sechs Jahre nach der Eröffnung 77 Personen auf dem Friedhof Wittikon.

Kein Flug in die Heimat für Grabbesuch

Für die Friedhofsverantwortlichen ist klar: Die erste Generation der muslimischen Einwanderer zieht es vor, in der ursprünglichen Heimat zur ewigen Ruhe gebettet zu werden. Farhad Afshar bestreitet dies nicht, doch er glaubt den Grund zu kennen: «Einerseits mussten die Familien starke Kompromisse eingehen, weil die Bestattungen in der Schweiz nicht allen religiösen Pflichten genügten.» Der Friedhof in Liestal etwa sei für die Muslime eigentlich nicht geeignet, weil die Gräber nicht nach Mekka ausgerichtet seien. Hinzu komme ein weiterer Punkt: Die erste Generation muslimischer Einwanderer komme erst jetzt in ein Alter, in welchem der Tod zum Thema wird. «Wir können den Leuten nicht sagen, wartet mit Sterben bis wir nach Jahrzehnten der Diskussion eine Lösung gefunden haben», begründet denn auch Afshar.

Gemäss Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen (Fids), drängt die erste Generation muslimischer Einwanderer aber aus einem weiteren Grund vermehrt darauf, eine Lösung zu finden. «Die Alten haben Angst, dass sie die Kinder und Enkelkinder nicht am Grab besuchen werden.» Die zweite und dritte Generation habe kaum noch eine Bindung zur Heimat, für sie sei die Schweiz ihr Zuhause. Für einen Grabbesuch fliege kaum jemand in die alte Heimat. «Die erste Generation will deshalb hier bei ihren Familien begraben werden und nicht irgendwo in einem Grab in der Heimat verschwinden.»

Die Kinder der Muslime liegen hier

Dass die Muslime ihre Heimat vermehrt in der Schweiz finden, zeigt ein weiterer Fakt. In den muslimischen Grabfeldern in der Schweiz liegen überproportional viele Kinder. In Zürich gehören von 77 Gräbern 32 Kindern. Dies sei auch im Vergleich zu anderen städtischen Gräbern ein überdurchschnittlicher Anteil, heisst es von der Friedhofsverwaltung. Ähnlich sieht es in Bern aus. Für die zweite und dritte Generation ist das Begräbnis in der Heimat ihrer Eltern oder Grosseltern offenbar immer seltener ein Thema, sie begraben ihre Kinder lieber in der Schweiz.

«Es muss eine Lösung geben für ein schickliches Begräbnis von Muslimen in der Schweiz», sagt Afshar. Das Ziel sei nicht, dass jede Gemeinde ein Grabfeld anbiete, sondern eine Verbundslösung angestrebt werde. Es sei weder nötig noch in einem vernünftigen Zeitraum möglich, mit 2500 Gemeinden in der Schweiz einzelne Verträge für Grabfelder zu vereinbaren, so Afshar. «Es sollte deshalb eine schweizweite oder eine kantonale Lösung angestrebt werden.» An einer solchen Lösung arbeitet beispielsweise der Kanton Neuenburg: In den drei Städten Le Locle, Neuenburg und La Chaux-de-Fonds sollen Grabfelder entstehen, die allen Muslimen im Kanton offen stehen.

Nicht überall müssen aber neue Grabfelder entstehen: In den meisten Kantonen bestehen bereits muslimische Grabfelder, sie müssten einfach für die Einwohner umliegender Gemeinden geöffnet werden, sagt Afshar. So könnten sich in Bern dann nicht nur Stadtberner begraben lassen, sondern beispielsweise auch Muslime aus Köniz. Aufgrund der geltenden Friedhofsverordnungen ist das aber mit Ausnahme von Liestal nirgendwo möglich.

Zwingende Vorschriften für eine schickliche Bestattung

- Muslime müssen erdbestattet werden und dürfen nicht kremiert werden.

- Die Verstorbenen müssen im Grab auf der rechten Seite liegen, mit dem Gesicht Richtung Mekka.

- Auch das Grab muss Richtung Mekka ausgerichtet werden.

- Die Grabruhe darf nicht gestört werden. Das heisst, dass die Toten nicht exhumiert oder die Gebeine umplatziert werden dürfen.

- Begraben werden Muslime in der Regel in Leichentüchern, in der Schweiz werden sie in leichten Holzsärgen begraben.

- Das Grab selbst soll möglichst schlicht und einfach sein. Kerzen oder Grabschmuck sind nicht erwünscht.

Grabfelder sind «dringendstes Problem»

Die islamischen Verbände stehen im Dialog mit dem Justizdepartement von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Seit der Minarett-Initiative gab es bereits zwei Treffen, bei welchem über die dringendsten Anliegen der Muslime gesprochen wurde. Erste Priorität hat aus muslimischer Sicht die Möglichkeit einer schicklichen Bestattung für die Muslime.

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