Benito Mussolini privat«Ich war schon 1921 Rassist»
Das Tagebuch von Clara Petacci, der Geliebten des Duce, zeigt klar: Mussolini war nicht so harmlos, wie man ihn im Italien Berlusconis gerne zeichnet.

Mussolini und Hitler in München, 1938: Juniorpartner des Dritten Reiches
Der Fluchtversuch endete knapp vor der Schweizer Grenze. Italienische Partisanen fingen Benito Mussolini und Clara Petacci im April 1945 beim Comersee ab. Der Duce und seine Geliebte starben im Kugelhagel der Widerstandskämpfer; ihre Leichen wurden in Mailand aufgehängt und zur Schau gestellt.
Fast 65 Jahre nach ihrem Tod erscheint jetzt das Tagebuch von Claretta, wie sie genannt wurde, in dem Buch «Mussolini segreto» («Der geheime Mussolini») des Mailänder Journalisten Mauro Suttora. Einen Teil der Aufzeichnungen aus den Jahren 1932-1938, die im römischen Staatsarchiv lagen, hat die Zeitung «Corriere della Sera» am Montag im Vorabdruck veröffentlicht. Sie zeigen einen Duce, der nicht so harmlos ist, wie man ihn in unserem südlichen Nachbarland gern sieht.
Erst vernichten, dann beschönigen
So beklagte sich ein offenbar neiderfüllter Diktator 1938 gegenüber Claretta, er verstehe nicht, wie man behaupten könne, er imitiere Hitler: «Ich war schon 1921 ein Rassist.» Da sei Hitler «noch gar nicht geboren» gewesen. Über die Juden sagte Mussolini gemäss Petacci: «Diese abscheulichen Juden, ich muss sie alle vernichten. Ich werde ein Massaker anrichten, wie es die Türken taten.»
Das war keine leere Drohung. Auch wenn es der italienische Faschismus nicht mit dem Nationalsozialismus aufnehmen kann, was Entschlossenheit und Effizienz der Vernichtung anbelangt, so fiel ihm dennoch ein Viertel der italienischen Juden zum Opfer. Schon seit 1938 hatte Mussolini rassistische Gesetze im Sinne der Nürnberger Rassengesetze erlassen und den italienischen Juden allmählich sämtliche Rechte entzogen. Ab September 1943 wurden die Juden dann aus den noch unter faschistischer Kontrolle verbliebenen Gebieten in die Vernichtungslager der Nazis deportiert. Auch tausende von Regimegegnern bezahlten ihren Widerstand mit dem Leben.
Während sich aber in Deutschland jeder ins gesellschaftliche Aus befördert, der den Führer für den Bau der Autobahnen lobt, sehen viele Italiener in Mussolini einen wohl strengen, aber väterlichen Regenten, unter dessen Herrschaft die Züge pünktlich fuhren. Sukkurs erfährt diese verharmlosende Sichtweise überdies vom Regierungschef selber — ein in Deutschland schlicht undenkbarer Vorgang. Schon 2003 färbte Silvio Berlusconi in einem Interview mit dem britischen Magazin «The Spectator» die Diktatur des Duce schön: «Mussolini hat niemanden ermordet. Mussolini schickte die Leute in Zwangsurlaub.»
Tourismusministerin mit Faschistengruss
Da passt es auch ins Bild, dass Berlusconi, in dessen Parteienbündnis mit der neofaschistischen «Alleanza Nazionale» auch die Erben Mussolinis eine Heimstatt gefunden haben, nichts dabei findet, wenn eine Ministerin seiner Regierung öffentlich den Faschistengruss («saluto romano») zeigt. In Deutschland hätte sich Tourismusministerin Michela Vittoria Brambilla keine drei Tage mehr im Amt halten können, hätte sie den Hitlergruss gezeigt.
Woher kommt diese italienische Nachsicht gegenüber der eigenen dunklen Vergangenheit? Warum konnte im Nachkriegsitalien eine neofaschistische Partei bis zur Regierungsverantwortung aufsteigen, während sich in Deutschland bereits jemand strafbar macht, der sich ein Hakenkreuz auf die Jacke näht?
Rechtzeitiger Seitenwechsel
Dies hat wohl damit zu tun, dass die faschistische Diktatur von den Italienern selber gestürzt wurde. Im Juli 1943, nach einer Serie von verheerenden militärischen Niederlagen, wurde Mussolini abgesetzt und die neue italienische Regierung schlug sich auf die Seite der Alliierten. Nun kämpften Faschisten und die deutsche Wehrmacht gegen Partisanen und alliierte Truppen — eine Art erweiterter Bürgerkrieg. Ende April 1945 begann die so genannte «Epurazione» («Säuberung»), bei der die Partisanen tausende von Faschisten umbrachten. Doch vielleicht verlangte dann die Versöhnung der verfeindeten Parteien die Rehabilitierung der Faschisten. Schon am 22. Juni 1946 verfügte der kommunistische Justizminister Palmiro Togliatti eine Amnestie. Und danach unternahmen die italienischen Regierungen alles, um Prozesse gegen eigene Kriegsverbrecher zu verhindern.
Sicher ist, dass Italien durch den Seitenwechsel seine Souveränität retten konnte — im Gegensatz zu Deutschland. Im besetzten Deutschland nämlich stellten die Besatzungsmächte die Nazi-Führer in den Nürnberger Prozessen vor Gericht und verordneten den Deutschen eine rigorose Entnazifizierung, die allerdings mit dem Beginn des Kalten Krieges an Kraft verlor. Mit den Nazi-Gräueln konfrontiert, zogen sich die meisten Deutschen ins Schweigen zurück, das erst Ende der Fünfzigerjahre aufbrach. Nun kam — auch unterstützt durch den Aufbruch der Achtundsechziger — ein Prozess der Vergangenheitsbewältigung in Gang, der die Deutschen gewissermassen zu Weltmeistern auf diesem Gebiet gemacht hat.
Italien, damals der Juniorpartner des Dritten Reiches, hat da leider nicht viel zu bieten.