«Der Tod wäre nicht länger ein Karriereproblem»
Ian Pearson ist Zukunftsforscher bei «British Telecommunications». Und weiss einiges zu erzählen über die Gesundheit des Menschen in der Zukunft und darüber, wie wir dem Tod schon bald ein Schnippchen schlagen werden.
Im Profisport ist es gang und gäbe, dass gedopt wird, um die Leistungsfähigkeit zu steigern. Die damit einhergehenden Gesundheitsrisiken werden in Kauf genommen. Werden bald auch Normalos zu leistungssteigernden Mitteln greifen?
Ian Pearson: Ich glaube, dass wir in Zukunft sicherere Mittel sehen werden, um die Leistung zu steigern. Es dürfte auch genetische Modifikationen und Smart Implants (intelligente Implantate) geben, aber es ist natürlich nicht fair, wenn «verbesserte» Menschen gegen Normalsterbliche antreten.
Das ist aber, was wir aktuell haben.
Pearson: Es ist wahrscheinlich, dass wir zwei Strömungen im Sport haben werden: Eine für die natürlichen und eine für die aufgerüsteten Menschen. Die aufgemotzten Sportarten sind vielleicht aus der Zuschauerperspektive spektakulärer, aber nachvollziehbarer für Normalbürger dürfte der rein natürliche Sport bleiben.
Grosse Hoffnungen werden in das Gebiet der Nanotechnologie gesetzt. So sollen bald einmal Nano-Roboter in unseren Blutbahnen auf die Jagd nach unerwünschten Zellen gehen oder Medikamente intravenös verabreichen. Wann sind wir so weit?
Pearson: Das hängt wohl davon ab, was Sie als Nanobot bezeichnen. Viele stellen sich ein kleines U-Boot vor, wie wir es im Science-Fiction-Film «The Fantastic Voyage» gesehen haben. Das dürfte wohl für immer Science-Fiction bleiben. Viel wahrscheinlicher sind massgeschneiderte Zellen, auf synthetischer Biologie basierend oder sehr simple elektro-mechanische oder Laser-Geräte, die kleine Sphären umfassen, deren Sonden unerwünschte Zellen mit Strom oder Laser abtöten können. Im Jahr 2020 dürfte man solche im Labor haben.
Die Vorstellung, dass man winzige Maschinchen im Blut hat, ist nur beschränkt attraktiv. Wie kann verhindert werden, dass diese nicht Amok laufen oder schlicht versagen?
Pearson: Es wird Zulassungen brauchen, die nur die Verwendung von Geräten vorsehen, die 100 Prozent zuverlässig sind und die einfach wieder aus dem Köper entfernt werden können, wenn sie ihren Dienst getan haben.
Können Sie das noch etwas verdeutlichen?
Pearson: Ein synthetisches Bakterium würde so designt, dass es nach einer gewissen Zeit einfach stirbt oder dass unser Immunsystem mit ihnen aufräumen kann. Bei den elektro-mechanischen Geräten müsste man sie einsammeln können, vielleicht mit dem Einsatz von Magneten.
Im Science-Fiction-Film «Strange Days» können die Hirnströme und Emotionen von Menschen aufgezeichnet und von Dritten abgespielt und erlebt werden. Haben Sie das Gefühl, dass ein solches Gerät je entwickelt wird?
Pearson: Gewiss. Ich glaube, dass wir bis im Jahr 2050 in der Lage sein werden, transparente Verbindungen zu unserem Nervensystem und unserem Hirn herzustellen, diese würden zur Erweiterung unserer natürlichen Fähigkeiten dienen. Viele unserer Denkvorgänge und Erinnerungen würden in diesen synthetischen Geräten aufgefangen. Das könnte sich dann dahingehend weiter entwickeln, dass die synthetischen Prozesse die Hauptplattform für unsere Hirnarbeit bieten. Stirbt dann unser Körper, würde nur ein kleiner Teil unserer Erinnerungen, Gefühle und unsere Fähigkeiten das Zeitliche segnen. Der Tod wäre nicht länger ein Karriereproblem.
Viele Leute befürchten, dass die Weltbevölkerung in zwei Teile zerfallen wird: Solche, die über die technischen Möglichkeiten verfügen und die, die leer ausgehen. Gibt es einen Weg, eine solche Spaltung zu vermeiden?
Pearson: Es wird weniger eine Frage des Habens, sondern des Wollens sein. Die Kosten werden stark fallen und die Anwendung viel einfacher werden. Fast jedermann wird in der Lage sein, die Schlüsseltechnologien anwenden zu können, aber nicht alle werden das wollen. Es könnte einen gemächlicheren Trend geben, der sich mehr in Richtung traditionelle Art des Lebens entwickelt, während eine schnelle Strömung von den Technophilen geprägt sein wird, die Technologie einsetzen werden, um ihre Lebensweise zu beschleunigen.
Sie kommen im November nach Luzern an die European Futurists Conference*. Was werden Sie dort vortragen?
Pearson: Ich werde einen gewagten Blick auf die potenziellen Auswirkungen von neuen Technologien werfen, die Leben schaffen und modifizieren. Ich werde die verschiedenen interessanten Probleme und Möglichkeiten aufzeigen. Zum Beispiel: Wie werden die Regierungen mit künstlicher Intelligenz denkender Wesen umgehen, die aus Computerspielen stammen und als Roboter Teil unserer Gesellschaft werden wollen?
Interview: Marc Bodmer
Der Vorwärtsdenker
European Futurists Conference Lucerne
im Kultur- und Kongresszentrum Luzern, vom 19.21. November, www.european-futurists.org