Klimakiller Kuh?Das Rülpsen der Rinder
Kühe und andere Nutztiere blasen gewaltige Mengen des Treibhausgases Methan in die Atmosphäre. Doch der wahre, durch das Rindvieh verursachte Schaden dürfte woanders liegen.
Die Zahlen sind erschreckend: Rund zwei Milliarden Kühe bevölkern die Wiesen dieser Welt; jede davon lässt alle zwei bis drei Minuten einen Wind fahren oder stösst einen Rülpser aus. So produziert eine Kuh bis zu 280 Liter Methan (CH4) pro Tag. Im Jahr kommen so pro Wiederkäuer um die 100 kg des Treibhausgases zusammen; bei Hochleistungskühen sogar 115 kg. Somit fallen allein in der Schweiz beim aktuellen Kuhbestand von rund 728 000 Tieren (2008) knapp 83 700 Tonnen Methan an; das sind knapp 230 Tonnen pro Tag. Dabei sind die Methanmengen, die aus Gülle und Kot der Nutztiere entstehen, noch gar nicht eingerechnet. Jede Kuh erzeugt so nach Berechnungen deutscher Experten einen Heizwert von 3000 kWh im Jahr – genug, um im Winter das Heim einer vierköpfigen Familie einen Monat lang zu heizen und mit warmem Wasser zu versorgen.
Kuh gleich Kleinwagen
Und die Kühe sind nicht allein: Schweine und Schafe produzieren ebenfalls Methan. Zusammen sind diese Nutztiere für immerhin 15 Prozent der Methanemissionen weltweit verantwortlich. Klimaexperten schätzen, dass Methan mittlerweile für rund ein Fünftel des vom Menschen verursachten Treibhauseffektes verantwortlich ist. Kein Wunder: Ein einziges Methan-Molekül trägt so stark zur globalen Erwärmung bei wie 21 CO2-Moleküle. Der WWF Deutschland hat dies Ende 2007 in einer Studie so veranschaulicht: Eine Kuh gibt pro Jahr so viel Treibhausgas in die Atmosphäre ab wie ein kleiner Personenwagen mit einer jährlichen Fahrleistung von 18 000 km bei einem durchschnittlichen CO2-Ausstoss von 130 g/km.
Der Vergleich ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen: Abgesehen davon, dass Methan nach ungefähr zehn Jahren zu CO2 oxidiert, stammt der Kohlenstoff in dem vom Vieh produzierten Methan aus organischem Futter. Mit anderen Worten: Der im Methan enthaltene Kohlenstoff wurde der Atmosphäre zuvor von den Futterpflanzen entzogen – es handelt sich um einen Kreislauf. Im Gegensatz dazu stammt der Kohlenstoff des vom Auto verbrannten Treibstoffs aus fossilen Quellen und addiert sich zum bereits in der Atmosphäre vorhandenen Treibhausgas.
Nahrungskonkurrent Rindvieh
Doch leider ist das noch lange kein Grund, um erleichtert aufzuatmen. Der Viehbestand ist ein ökologisches Problem erster Güte, auch wenn es nicht primär um die Methan-Rülpser geht. Verheerend wirken sich andere Faktoren aus: Um Weideland für die gigantischen Viehherden Südamerikas zu gewinnen, wird der Regenwald massiv abgeholzt; im brasilianischen Amazonasgebiet nach Greenpeace-Angaben durchschnittlich etwa 19 368 km² pro Jahr. 80 Prozent der entwaldeten Fläche dient der extensiven Rinderzucht. Die Brandrodung ist weltweit für 20 bis 25 Prozent der von Menschen verursachten CO2-Emissionen verantwortlich.
Zudem wird bereits ein Fünftel der brasilianischen Ackerfläche für den Anbau von Tierfutter für die EU-Länder verwendet. Und Brasilien ist überall: Rund die Hälfte des weltweiten Getreideanbaus dient der Viehfutterproduktion – jährlich 600 Millionen Tonnen. Dieses Getreide könnte zehnmal mehr Menschen ernähren, wenn es nicht für die Fleischgewinnung verwendet würde: Eine Kalorie Rindfleisch verbraucht 10 Kalorien Getreide. Bei Schweinefleisch ist das Verhältnis immerhin noch 1:3, bei Eiern 1:4 und bei Milch 1:5. Damit sind die Nutztiere – paradox genug – zu Nahrungskonkurrenten für Menschen geworden.
Enormer Wasserverbrauch
Ebenfalls happig ist der Wasserverbrauch bei der Fleischproduktion: 15 500 Liter sind für ein Kilo Rindfleisch nötig — eine Menge, die ausreicht, um damit ein Jahr lang zu duschen. Immerhin noch 5000 Liter verschlingt die Produktion von einem Kilo Käse. Ein Kilo Äpfel schlägt demgegenüber nur noch mit 700 Litern zu Buche.
Somit dürfte klar sein: Die wahren Probleme der Rindviehschwemme liegen nicht so sehr am Methan. Viel stärker dürften die Entwaldung, die Verschwendung von Nahrungsmitteln für die Futterproduktion und der enorme Wasserverbrauch ins Gewicht fallen. Das Rülpsen der Rinder ist nicht unser Hauptproblem.