Verhinderter AtomkriegDer unbekannte Retter der Menschheit
Ein einziger Mann verhinderte vor 25 Jahren die Vernichtung der Menschheit durch einen Atomkrieg. Unter enormem Druck entschied er, dass ein vermeintlicher Nuklearschlag ein Fehlalarm war. Seine Geschichte sorgt heute noch für Gänsehaut.
Mehrfach wäre aus dem Kalten Krieg beinahe ein heisser geworden. Das berühmteste Beispiel ist die Kuba-Krise von 1962. Bis heute wenig bekannt ist hingegen jener Vorfall vor 25 Jahren, der die Menschheit so nahe an den Rand der Vernichtung brachte wie kaum ein anderer zuvor und danach. Am 26. September 1983, kurz nach Mitternacht, meldete das Frühwarnsystem der Sowjetunion den Anflug einer amerikanischen Atomrakete.
Diensthabender Offizier im Bunker nahe bei Moskau war Oberstleutnant Stanislaw Petrow. Seine Aufgabe war es, das Oberkommando und die Staatsführung zu informieren, worauf diese über einen nuklearen Gegenschlag hätten entscheiden müssen. Doch Petrow entschied, dass es sich um einen Fehlalarm handeln musste. Kurz darauf aber wurde es kritisch: Das System meldete den Abschuss von vier weiteren Raketen.
Ernstfall oder Fehlalarm?
Für einen Gegenschlag der Sowjetunion blieben nur wenige Minuten Zeit. «Ich stand unter Schock. Das war nicht weit bis zur Panik. Alle sind von ihren Sitzen aufgesprungen und drehten den Kopf in meine Richtung», erinnerte sich Stanislaw Petrow in einer Sendung des ZDF. Eine Überprüfung der Meldung mit Radar war nicht möglich, Petrow musste entscheiden, ob er sie weiterleiten und einen Atomkrieg riskieren wollte.
In dieser Stresssituation beschloss der Offizier, dass es sich um einen Fehler des Systems handeln musste. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die USA einen Atomschlag mit fünf Raketen durchführen würden. «Ich verliess mich nur auf meine Intuition», sagte Petrow dem ZDF. Er leitete die Meldung entgegen seinem Befehl nicht weiter – zu Recht, wie sich zeigte. Ein über den USA stationierter Spionagesatellit hatte wegen fehlerhafter Software die Reflexion von Sonnenstrahlen als Lichtblitz einer startenden Atomrakete interpretiert.
Weder belohnt noch bestraft
Verteidigungsminister Dmitri Ustinow setzte einen Untersuchungsausschuss ein. Dieser sei «entsetzt» gewesen, als er den Verlässlichkeitsgrad der Satelliten erkannte, schrieb das russische Magazin «Wlast», als es den Vorfall 1998 publik machte. Bis zu jenem Zeitpunkt war er geheim gehalten worden. Stanislaw Petrow wurde intensiv befragt. Er wurde für sein «Vergehen» nicht bestraft, erhielt aber auch keine Belohnung, weil dies die Schwächen des sowjetischen Abwehrsystems blossgestellt hätte.
Heute lebt der 69-jährige Ex-Offizier als Rentner in der Nähe von Moskau. In den letzten Jahren erhielt er einige Auszeichnungen, unter anderem wurde er 2006 von der UNO in New York geehrt als «Mann, der den Atomkrieg verhinderte». Im nächsten Jahr soll zudem ein Dokumentarfilm über Stanislaw Petrow erscheinen mit dem Titel «The Man Who Saved the World» - der Mann, der die Welt rettete.
Gefährliches Manöver
1983 geriet die Welt ein zweites Mal an den Rand eines Atomkriegs. Im November begann ein zehntägiges NATO-Manöver unter dem Namen «Able Archer», das den Ernstfall so realistisch wie nie zuvor simulieren sollte. Sogar Regierungschefs wie Ronald Reagan, Helmut Kohl und Margaret Thatcher waren eingebunden. Der Warschauer Pakt nahm die Übung für bare Münze und bereitete einen Gegenschlag vor. Als die NATO dies erkannte, fuhr sie ihr Dispositiv herunter. US-Präsident Reagan schrieb später in seinem Memoiren, die Krise habe ihm vor Augen geführt, dass nicht nur der Westen sich vor einem Atomschlag der Gegenseite fürchtete, sondern umgekehrt auch der Ostblock.