TemperaturanstiegKlimawandel erreicht kritischen Wert
Der weltweite Anstieg der Temperatur wird voraussichtlich den von Politikern als kritisch eingestuften Wert von zwei Grad Celsius überschreiten - wenn es nicht zu einem drastischen Kurswechsel kommt.
Zu dieser Erkenntnis kommen zwei Forschergruppen in neuen Analysen des globalen Ausstosses von Klimagasen und deren Auswirkung auf das Weltklima. Auf die kritische Marke von zwei Grad Celsius hatten sich in vergangenen Klimakonferenzen etwa 100 Länder, darunter die EU-Staaten, geeinigt.
Steigt die weltweite Durchschnittstemperatur stärker an, seien erhebliche Gefahren für die Menschheit zu erwarten.
Die Forscher errechneten in ihrer Studie erstmals, wie viel Kohlendioxid die Menschheit bis 2050 maximal noch in die Atmosphäre pumpen kann, um den kritischen Wert von zwei Grad Celsius nicht zu überschreiten. Gerechnet seit dem Jahr 2000 kamen die Forscher auf einen Wert von einer Billion Tonnen Kohlendioxid. Allein in den vergangenen neun Jahren hat die Menschheit jedoch bereits ein Drittel dieser Menge emittiert. «Wenn wir fossile Energien verbrennen wie bisher, werden wir das Kohlenstoff-Budget in nur 20 Jahren ausgeschöpft haben», erklärt Meinshausen.
Das Fass ist bald am Überlaufen
Ähnlich sehen auch die Zahlen der britischen Wissenschaftler um Allen aus: Die Forscher hatten hochgerechnet, wie viel Kohlendioxid die Menschheit seit Beginn der Industrialisierung Mitte des 18. Jahrhunderts bereits in die Atmosphäre entlassen hat und welche Auswirkungen der Ausstoss bis in die kommenden Jahrhunderte haben könnte. Sie errechneten dabei einen Wert von 3,7 Billionen Tonnen, bei dem ein Temperaturanstieg um zwei Grad zu erwarten ist. Die Hälfte dieser Kohlendioxidmenge hat der Mensch in den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten bereits ausgeschöpft. Auch den Berechnungen von Allen und seinen Kollegen zufolge bleibt der Menschheit also nicht mehr viel Spielraum zum Gegensteuern.
Bei den bisherigen Diskussionen um den Treibhauseffekt sei dem aktuellen Kohlendioxidausstoss viel zu viel Bedeutung beigemessen worden, erklären die Forscher. Es müsse vielmehr auch der über viele Jahrzehnte aufsummierte Kohlendioxidausstoss betrachtet werden. «Die Natur kümmert sich nicht um das Datum», erklärt Allen. «Um einen gefährlichen Klimawandel zu vermeiden, müssen wir den Kohlendioxidausstoss insgesamt reduzieren, nicht nur die Emissionen in einem bestimmten Jahr.» Denn unabhängig davon, wie schnell das Steuer herumgerissen wird und die Industrie- und Entwicklungsländer ihren jährlichen Ausstoss reduzieren: Der Menschheit könne sich nur noch eine begrenzte Menge Kohlendioxid erlauben, erklären die Forscher.
Ulrich Dewald, wissenschaft.de
Über ihre Ergebnisse berichten Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK) und Myles Allen von der Universität von Oxford und ihre Forscherteams im Fachmagazin «Nature» (Bd. 458, 30. April).