Die TalentkrippeMit Yoga oder Golf die Kinder gezielt fördern
Mit gezielter Förderung will eine neue Kinderkrippe bereits Säuglinge zu Wunderkindern machen. Kritiker zweifeln am Nutzen.

Yoga- und Golfkurse für Kleinkinder: Mit gezielter Förderung zu Wunderkindern.
Die Anfang Dezember in Pfäffikon eröffnete Designer-Kita zum Discount-Tarif setzt ganz auf die übersteigerten Erwartungen moderner Eltern: «In jedem Kind steckt ein Talent, das gefördert werden muss. Ihr Potenzial soll nicht mit Spaziergängen im Wald oder mit Malen vergeudet werden. Das ist nicht optimal genutzte Zeit und nicht effizient», sagt Professor Frank Weirauch.
Statt wie die Konkurrenz auf freies Spiel und Basteln setzt ihr Konzept auf Klavierunterricht, Yogakurse und Golf für Kleinkinder. Neuankömmlinge ab einem Alter von drei Monaten werden von sogenannten Talentpaten auf diverse Talente geprüft. So beurteilt Schlagersängerin Monique, ob ein Baby musikalisch ist. «Reagiert es besonders auf die Beethoven-Symphonie, wird es der Musikgruppe Little Beethoven zugeteilt», so Inhaberin Helga Wilplinger. Spiele ein Kind gerne mit dem Ball, komme es in die Gruppe Little Pelé, bei einem Technik-Faible in die Gruppe Little Lindbergh.
Zurzeit sind 17 Kinder mit unterschiedlichem Hintergrund bei der Kita angemeldet. Weirauch: «Topmanager sowie alleinerziehende Mütter bringen ihre Kinder vorbei und hoffen, dass diese erfolgreich werden.» Mit der Talentschmiede wollen die Betreiber hoch hinaus: In den nächsten fünf Jahren soll schweizweit eine Kette mit 49 weiteren Kitas entstehen.
Ob das Konzept zum Überflieger wird, ist fraglich: Experten kritisieren solch extreme Frühförderung. «Man spielt mit den Ängsten der Eltern und weckt falsche Erwartungen», so Kathrin Buholzer, Erziehungsberaterin von Elternplanet. «Zudem dürfte es sehr schwierig sein, ein besonderes Talent bei Säuglingen zu erkennen. Kleinkinder sind für alles zu begeistern.»

«Kind lehren, flexibel zu bleiben»
Herr Hüttenmoser, kann Talentförderung bei Säuglingen etwas bewirken? Marco Hüttenmoser*: Es ist gut, Stärken und Schwächen eines Kindes früh zu beobachten. Ob ein Kind aber ein besonderes Talent besitzt, zeigt sich erst über Jahre hinweg. Die Feststellung einzelner Stärken rechtfertigt aber auf keinen Fall eine «Förderwut» seitens der Erzieherinnen und Erzieher.
Herr Hüttenmoser, kann Talentförderung bei Säuglingen etwas bewirken? Marco Hüttenmoser*: Es ist gut, Stärken und Schwächen eines Kindes früh zu beobachten. Ob ein Kind aber ein besonderes Talent besitzt, zeigt sich erst über Jahre hinweg. Die Feststellung einzelner Stärken rechtfertigt aber auf keinen Fall eine «Förderwut» seitens der Erzieherinnen und Erzieher.
Ist die fokussierte Förderung von Kleinkindern wirklich besser als Basteln und Waldspaziergänge?
Prinzipiell ist darauf zu achten, dass besondere Fähigkeiten und Schwächen eines Kind nicht vergessen gehen. Verkrampft man sich zu früh auf nur ein Talent, können zum Beispiel soziale und handwerkliche Aspekte in den Hintergrund geraten. Es ist entscheidend, die Eigenaktivitäten der Kleinkinder zu ermöglichen und nicht ständig «fördernd» intervenieren zu wollen.
Der Druck in der Arbeitswelt steigt. Die meisten Eltern wollen ihre Kindern nur optimal vorbereiten.
Dieser Trend ist unumstritten. Statt das Kind aber in eine Talentschmiede zu schicken, sollte man es lehren, flexibel zu bleiben und verschiedenen Interessen nachzugehen.
* Marco Hüttenmoser ist Erziehungswissenschaftler