Über 350 Chaoten festgenommen

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Tag der ArbeitÜber 350 Chaoten festgenommen

Während der Ausschreitungen am 1. Mai sind in Zürich 353 Personen vorübergehend verhaftet worden. Erstaunlich: Nur jeder siebte mutmassliche Randalierer kam aus der Stadt.

J. Bedetti/A. Hirschberg/M. Egger
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J. Bedetti/A. Hirschberg/M. Egger

Sonntagmittag: Zweite Bilanz

Die Anzahl Personen, welche im Zusammenhang mit den Ausschreitungen nach dem offiziellen 1. Mai-Anlass festgenommen wurden, hat sich auf 353 erhöht. Die Mehrheit (269) wurde nach Feststellung der Personalien und Aushändigung einer Wegweisungsverfügung wieder entlassen, wie die Zürcher Polizei am Sonntagmittag schreibt. Damit konnte 83 Personen ein unmittelbares Delikt nachgewiesen werden. 14 Personen befänden sich noch in Haft.

Bei den festgenommenen Personen handelt es sich um 308 Männer und 45 Frauen. Davon sind 16 Personen jünger als 15 und 55 Jugendliche sind weniger als 18 Jahre alt. Die grosse Mehrheit der Festgenommenen ist zwischen 18 und 25 Jahre alt (203). 79 Personen sind über 26 Jahre alt.

Etwa jede siebte Person hat Wohnsitz in der Stadt Zürich (52). Beinahe ein Drittel wohnt in anderen Orten im Kanton Zürich (121). Zudem wurden Personen aus den Kantonen Aargau, Basel, Bern, Fribourg, Genf, Graubünden, Luzern, Nidwalden, Schaffhausen, Solothurn, St. Gallen, Thurgau und Zug festgenommen. Zehn Personen wohnen in Deutschland und eine in Italien.

Zu reden geben dürften noch die Wegweisungen nach dem neuen Polizeigesetz: Den 269 Verhafteten, die unmittelbar nach der Personenkontrolle in der Haftstrasse der Polizeikaserne wieder entlassen wurden, wurde ein Rayonverbot auferlegt. Ihnen wurde ein Kartenausschnitt mit dem bezeichneten Wegweisungsgebiet in die Hand gedrückt. Falls sie sich hier innert 24 Stunden nochmals blicken lassen, müssen sie doch noch mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.

Der junge Mann, welcher gestern von einem Stein am Kopf getroffen wurde, befindet sich auf dem Weg der Besserung. Er konnte das Spital in der Zwischenzeit wieder verlassen. Auch der am Fuss verletzte Polizist konnte das Spital wieder verlassen. Bei ihm sind jedoch noch weitere Abklärungen nötig.

Um 21 Uhr: Die Polizei zieht erste Bilanz

Die Stadtpolizei Zürich hat ein erstes Fazit gezogen zu den 1. Mai-Krawallen. Demnach sind mehr 250 Personen festgenommen worden. 200 Personen wurde einer Kontrolle unterzogen. Die Ausschreitungen seien relativ glimpflich abgelaufen. Der Sachschaden hält sich, anders als in anderen Jahren, in Grenzen.

Zwei Personen wurden bisher verletzt. Kurz vor 20 Uhr ist es zu einem grösseren Unfall gekommen. Ein 17-Jähriger ist von einem faustgrossen Stein am Kopf getroffen worden. Er wurde mit einem Kopfschwartenriss ins Spital gebracht. Der Steinwerfer sei festgenommen worden, sagt die Polizei. Ob der 17- Jährige als Passant, Gaffer oder Randalierer unterwegs war, sei noch nicht geklärt.

Beat Oppliger, Einsatzleiter der Stapo, zeigte sich zufrieden mit dem Polizeieinsatz. Von «Krawalltouristen» seien die Polizeikräfte massiv mit Gegenständen beworfen worden. Ein Polizist wurde leicht verletzt.

Wie die Polizei weiter schreibt, konnte eine Eskalation weitgehend verhindert werden. Gewaltbereite Gruppe wurden schnell unter Kontrolle gebracht.

Stadtrat Andres Türler sagte in Anspielung auf den Unfall, er frage sich, was noch alles passieren müsse, bis die Randalierer die Gefährlichkeit und Sinnlosigkeit ihres Handelns einsähen. Schlussendlich schadeten sie bloss dem Ansehen des 1. Mai.

Der Tag der Arbeit in Zürich - eine Übersicht

Gleiche Strategie, taktische Neuerungen

Insgesamt hat die Polizei dieselbe Taktik wie im vorigen Jahr verfolgt: Nachdem sie zu Beginn der Nachdemo beim Kanzleiareal Präsenz markiert hatte, blieb sie den Nachmittag über eher defensiv und versuchte, die Steinewerfer nicht allzusehr zu provozieren. Trotzdem war wieder auffallend, dass sich die Chaoten meist erst dann ihre Gewaltbereitschaft zeigten, wenn die Polizei anrückte. Zu willkürlichen Zerstörungen an Geschäften scheint es heute wenig gekommen zu sein.

Auch wenn die Polizei die grosse strategische Linie beibehielt, zeigten sich Neuerungen in der Taktik. Die Polizei verhaftete sehr viele Personen - dem Gefühl nach mehr als im vorigen Jahr. Auch wurde die Polizei trickreicher im Auflösen von Chaoten-Pulks: Mal zogen Zivilpolizisten, die sich unter die Kapuzenpulliträger gemischt hatte, urplötzlich Dosen mit Tränengas und versprühten um sich herum Panik. Ein andermal warfen die Polizisten Tränengas-Petarden von einem Balkon.

Um 19 Uhr: Die letzten Scharmützel

Beim Helvetiaplatz stehen sich Polizei und vereinzelte Steineschmeisser gegenüber, auch genug Gaffer säumen die Trottoirs und rufen Beleidungen, mal gegen die Steinewerfer, meist aber gegen die Polizei. Ein Krankenwagen transportierte beim Brunnen am Helvetiaplatz einen Verletzten ab.

Kurz vor 18 Uhr: Massiver Tränengas-Einsatz der Polizei

An der Ecke Brauerstrasse/Kanonengasse sind die Krawalle kurz vor 18 Uhr noch einmal aufgeflammt. Rund zwei Dutzend gewaltbereite Chaoten warfen mit Steinen gegen die Polizei, verfolgt von nach wie vor zahlreichen Gaffern. Die Polizei hat darauf mit einem massiven Tränengaseinsatz reagiert. Polizeibeamte warfen unter anderen von einer Dachterrasse rund acht Tränengaspetarden auf die Menge. Die Luft war in sekundenschnelle beissig. Sämtliche Chaoten und auch die Gaffer mussten den Schauplatz fluchtartig verlassen. Noch immer liegt ein beissender Duft in der Luft.

Auffällig war auch bei dieser Aktion: Die Chaoten, die mit Steinen und Flaschen gegen die Polizei vorgingen, waren meist blutjung. Nach dieser Aktion hat sich die Lage zwar beruhigt. Doch das Ende ist noch nicht in Sicht. Insgesamt scheint der diesjährige 1. Mai in Zürich aber ruhiger zu verlaufen als in vorherigen Jahren.

Nach 17 Uhr: Die Situation beruhigt sich langsam

Die Polizeiwache an der Militärstrasse wurde von Chaoten mit Farbe beworfen. An der Dienerstrasse brennt einsam ein Abfallcontainer. In einer Blitzaktion haben verdeckte Polizisten auf der Langstrasse einen Demonstranten verhaftet. Die Aktion ging in sekundenschnelle über die Bühne. Die Situation hat sich unterdessen aber ziemlich beruhigt. An der Ecke Kanonengasse/Dienerstrasse ist es vor 18 Uhr nach längerer Pause erneut zu einem Scharmützel gekommen. Es flogen Steine, die Polizei feuerte noch einige Salven Gummischrot ab. Die Stimmung ist aber bereits wieder recht entspannt.

Polizeisprecher Marco Cortesi sagt in einer ersten Stellungnahme: «Bis 16 Uhr war die Bilanz positiv.» Nachdem die Scharmützel rund um die Langstrasse begonnen hatten, habe sich gezeigt, «dass viele gewaltsuchende Personen unterwegs sind», so Cortesi. Wie viele Verhaftungen die Polizei vorgenommen hat, kann Cortesi zum Zeitpunkt noch nicht machen. Es sei aber bislang zu «relativ wenig Sachschaden» gekommen.

Um 16 Uhr: Das Katz- und Mausspiel beginnt

Nach 16 Uhr kam es auf der Langstrasse zu einem erneuten Zusammenstoss zwischen Vermummten und der Polizei. Rund 20 bis 30 Chaoten werfen mit Flaschen, Steinen und Eiern gegen die Polizei. Immer wieder mischen sich auch Gaffer unter die Chaoten. Die Polizei reagiert mit Gummischrot, Tränengas und Wasserwerfer auf die Provokationen. Die Langstrasse ist stellenweise übersät von Scherben und Gummischrotgeschossen. Die Chaoten verziehen sich jeweils in die Seitenstrassen, wenn die Polizei mit Tränengas und Gummischrot reagiert. Das alljährliche Katz- und Maus-Spiel zwischen der Polizei und den Krawallanten hat begonnen. Diverse Zugänge werden von der Polizei gesperrt.

Scharmützel auf der Langstrasse

In den Pulk der Chaoten mischen sich auch immer wieder zivile Beamte. Dort zücken sie umgehend ihre Tränengasdosen aus dem Rucksack und sprayen wild in die Menge der Chaoten. Die Polizei verhaftet immer wieder Personen, drückt sie auf den Boden und scheint so ihre Stärke demonstrieren zu wollen. Immer noch mischen sich viele Secondos und Gaffer in den Pulk der Demonstranten.

Nach 15:00 Uhr: Erste Scharmützel auf dem Kanzleiareal

Es war eine gespenstische Ruhe. Dann kam es gegen 15.15 Uhr in Zürich zu den ersten Scharmützeln am 1. Mai. Nachdem einige Petarden gezündet wurden, hat die Polizei umgehend reagiert. Die Polizei setzte dabei Gummischrot gegen die Demonstranten auf dem Kanzleiareal ein. Gegen zehn Beamte haben sich zudem auf zwei Demonstranten gestürzt und diese umgehend verhaftet - unter dem Berserkergeschrei der Autonomen auf dem Kanzleiareal, umringt von dutzenden Medienschaffenden (siehe Video unten).

Erste Festnahmen auf dem Helvetiaplatz

Die schwarz Vermummten vom «Revolutionären Aufbau» sammeln sich derzeit, die Polizei umstellt das Areal mit einem Grossaufgebot. Es ist die «Ruhe vor dem Sturm». Wieder hat sich auf dem Helvetiaplatz eine schwer zu durchschauende Schar aus Gaffern, Medienvertretern, Hobby-Fotografen, Autonomen und Secondos versammelt. Vor dem Restaurant Volkshaus schiebt eine Truppe von muskulösen Männern Wache.

Die Polizei hat kurz nach dem ersten Scharmützel damit begonnen, den Helvetiaplatz zu räumen. Sie hat sämtliche Personen vom Platz getrieben. Immer wieder kommt es zu Verhaftungen.

Zu kämpfen hat die Polizei aber nicht nur mit den rund 250 Autonomen. Die zahlreichen Schaulustigen und Medienleute, die in der Nähe das Geschehen beobachten wollten, wurden von der Polizei unmissverständlich aufgefordert, den Platz zu räumen. Wenn nicht, würden Wasserwerfer und Gummischrot eingesetzt. Es wurde auch mit der Verhaftung von Gaffern gedroht.

Gegen 13 Uhr: «Schwarzer Block» will Paradeplatz stürmen

Nachdem am Morgen 7000 bis 8000 Demonstranten am offiziellen 1.-Mai-Umzug durch die Zürcher Innenstadt teilnahmen, füllt sich derzeit das Festgelände auf dem Zeughausareal. Aus allen Gassen strömen die Leute Richtung Festplatz, darunter auch viele Familien. Sie alle trotzen dem Dauerregen und den garstigen Bedingungen.

Ob das Wetter zu einem friedlichen 1.-Mai-Fest beiträgt, wird sich erst noch zeigen. Auf dem Kanzleiareal, wo sich jeweils der Schwarze Block aufhält, ist es derzeit ruhig.

Zu einem ersten Zwischenfall ist es kurz vor Abschluss des Umzugs gegen 13 Uhr gekommen. Unmittelbar nachdem der offizielle Zürcher 1.-Mai-Umzug am Bürkliplatz zur Kundgebung eingetroffen ist, hat sich eine kleine Gruppe schwarz Vermummter abgetrennt. Sie wollten zum Paradeplatz, skandierten sie.

Sofort sperrte ein Polizeikordon die Bahnhofstrasse und weitere Zugänge zum Bankenplatz ab. Auch ein Wasserwerfer wurde in Position gefahren. Ein Hubschrauber kreiste ebenfalls über der Stadt. Im Bereich Bahnhof Selnau führte die Polizei kurz nach 13 Uhr Personenkontrollen durch. Sie durchsuchte Rucksäcke und Taschen von einzelnen Demonstrationsteilnehmern.

«Verlieren wir die Beherrschung»

Schon vor dem 1. Mai hatten die «Autonomen» angekündigt, sie wollten auf dem Paradeplatz - dem Sinnbild von Banken-Abzockerei - eine rote Fahne hissen. Das Zürcher 1. Mai-Fest hat mit dem Motto «Verlieren wir die Beherrschung» zudem für Aufsehen gesorgt.

Das 1.-Mai-Fest auf dem Zeughausareal ist vom Zürcher Stadtrat aus Sicherheitsgründen erst ab 20 Uhr bewilligt. Dennoch hat es bereits um 14 Uhr begonnen. Das 1.-Mai-Komitee und auch die SP hat sich gegen den späteren Beginn verwahrt. Das Fest hat friedlich begonnen. Immer mehr Personen treffen derzeit auf dem Festgelände ein.

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