IntersexualitätZwangs-OP für Zwitter: «Eine Menschenrechtsverletzung»
Nach heutiger Praxis werden Zwitter nach der Geburt einfach umoperiert, ohne dass sie selbst über ihr zukünftiges Geschlecht bestimmen können. Nun protestierten Betroffene vor dem Kinderspital Zürich gegen diese verordneten Genitalkorrekturen.
Als intersexuell gelten Menschen, bei denen das Geschlecht bei der Geburt nicht eindeutig bestimmbar ist: Sie tragen sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Der Arzt beschliesst nach der Geburt zusammen mit den Eltern, welchem Geschlecht das Kind angehören soll. Häufig wird es noch vor dem zweiten Lebensjahr operiert. Die nicht dazu passenden Geschlechtsorgane werden dem Baby dann einfach entfernt. Wie viele Neugeborene als Zwitter auf die Welt kommen, ist umstritten. Das Netzwerk Intersexualität, das vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird, spricht von 2 von 10 000 Kindern.
«Bei diesen Operationen handelt es sich um massive Menschenrechtsverletzungen», sagt Daniela Truffer, Gründungsmitglied der Selbsthilfeorganisation Zwischengeschlecht.org. Die 43-Jährige spricht aus eigener Erfahrung. Auch sie wurde auf Grund eines uneindeutigen Geschlechts zum Mädchen umoperiert. Sie selbst fühle sich heute aber nicht als Frau, sagt sie.
Ärzte des Kinderspitals suchen Gespräch
Am Sonntag protestierte sie zusammen mit anderen Betroffenen vor dem Kinderspital Zürich gegen die Eingriffe und übergab dem Spital einen offenen Brief mit der Bitte, mit der Organisation das Gespräch zu suchen. «Eine Reaktion vom Kispi haben wir noch nicht erhalten», bedauert Truffer. Das soll sich demnächst ändern, wie Martin Meuli, Direktor der Chirurgischen Abteilung des Kinderspitals Zürich gegenüber 20 Minuten Online versichert. «Die Anliegen sind berechtigt und müssen diskutiert werden», so Meuli. In den nächsten Wochen soll zwischen ausgewählten Ärzten des Kinderspitals und der Selbsthilfegruppe ein Gespräch stattfinden.
Auch Bruno Wermuth, diplomierter Sozialpädagoge und Fachmann für sexuelle und reproduktive Gesundheit PLANeS, ist überzeugt, dass Sensibilisierungsarbeit wichtig ist. «Die Thematik muss gerade auch im Bildungsbereich angesprochen werden», sagt er. Es sei generell ein Problem, dass Sexualität im Schulunterricht immer noch zu wenig thematisiert werde, weil dieses sensible Thema bei den Eltern und Lehrern viele Unsicherheiten auslöst.
Folgen sind nicht abschätzbar
Die Selbsthilfeorganisation fordert unter anderem, dass betroffene Kinder selbst über ihr Geschlecht bestimmen können und dass sie gesetzlich vor den Eingriffen geschützt werden. «Weitere Protestaktionen sind in Planung», sagt Truffer. Wo die stattfinden sollen, sei noch nicht geklärt.
«Niemand kann abschätzen, welche Folgen diese Operationen haben», sagt Truffer. Es sei nicht vorherzusehen, ob das Kind später mit der Entscheidung des Arztes und der Eltern glücklich sei und ob es sexuell noch etwas empfinden könne. «Sicherlich ist es nicht einfach, ein Kind intersexuell aufwachsen zu lassen.» Auch müssten Kinder und Eltern dabei unterstützt werden. Besser als eine Operation im Babyalter sei es aber auf jeden Fall, ist Truffer überzeugt.
Viele Intersexuelle haben später nicht nur mit sexuellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Daniela Truffer kennt viele, die auf Grund der Hormonersatztherapien an Stoffwechselproblemen, Diabetes, Osteoporose oder Depressionen leiden.
Erfolgreiche Klage in Deutschland
Aufmerksam auf die Probleme von Intersexuellen wurden die Medien vor allem durch den Fall von Christiane Völling. Sie verklagte den Chirurgen, der ihr als 18-Jähriger den Uterus und die Eierstöcke entfernte, vor dem Landgericht Köln erfolgreich auf Schadenersatz.
Thematisiert werden die Probleme einer Intersexuellen auch im neuen Film der argentinischen Regisseurin Lucia Puenzo, «XXY», der ab Ende August auch in Schweizer Kinos läuft.