Verhinderte NachdemoSo viele wurden am 1. Mai noch nie verhaftet
Zürich erlebte die friedlichste Maifeier seit Jahren. Trotzdem kam es zu einem Verhaftungsrekord. Neu wurden auch Gaffer nicht geschont.
Auch wenn die Polizei am Sonntag mit ihrer neuen Taktik Ausschreitungen weitgehend verhinderte – die Nulltoleranzstrategie lockerten sie deswegen nicht. Das erlebte auch eine Reporterin von 20 Minuten. Ein junger Mann auf dem Trottoir neben dem Helvetiaplatz beschwerte sich bei den aufgereihten Blaumännern auf der Strasse, dass sie das ruhige Kanzleiareal ohne Not eingekesselt hätten. Die Polizei liess nichts anbrennen: Zwei Ordnungshüter gingen ohne Vorwarnung auf den Mann zu, hakten ihn unter und nahmen ihn in den Kastenwagen. Den umstehenden, völlig unbeteiligten Passanten wurde Selbiges angedroht, sollten sie nicht verschwinden.
Eine andere Szene: Bei der Umstellung und Räumung des Kanzlei-Areals trafen die Polizisten ausnahmsweise nicht nur auf Autonome, sondern auch auf Zaungäste und Quartierbewohner, die sich nicht hatten abschrecken lassen. Eine Frau erzählte gegenüber 20 Minuten Online, sie sei von den Polizisten gefragt worden, ob sie Steine geworfen habe. Als sie verneinte, wurde sie von den Beamten ermuntert, die Tat doch zuzugeben.
«Rigoros durchgegriffen»
Am 1. Mai wurde eins klar: Die Ankündigung der Polizei, die vielen Krawall-Gaffer dieses Jahr hart ranzunehmen, war ernst gemeint. Nur so lassen sich die 513 Verhaftungen erklären, welche die Stadt- und Kantonspolizei Zürich vorgenommen hat – so viel wie noch nie in den letzten Jahren. An der letztjährigen, um einiges gewalttätigeren Nachdemo, meldete die Polizei bloss 353 Verhaftungen. An der letzten vergleichbar friedlichen Nachdemo von 2005 wurden dagegen nur sechs Personen arretiert.
Stapo-Sprecher Marco Cortesi meint zur offensichtlichen Abschreckungsaktion: «Wir haben bei den Gaffern rigoros durchgegriffen.» Um zu verhindern, dass sich jene Autonomen, welche der Einkesselung entkamen, versammeln konnten, so Cortesi, seien sämtliche Personen um das Kanzlei-Arel, welche verdächtig wirkten, verhaftet worden.
Von den 535 Verhafteten wurden 468 mit einem 24-stündigen Rayonverbot für die Zürcher Stadtkreise 1, 4 und 5 belegt. 45 wurden Delikten wie Störung öffentlicher Ordnung und Sicherheit und verbotenem Waffentragen verzeigt. 27 Personen wurden der Staatsanwaltschaft Zürich zugeführt, zwei der Jugendanwaltschaft.
Super Puma lieferte Bilder
Am Polizeieinsatz vom 1. Mai in Zürich war auch ein Super Puma der Schweizer Luftwaffe beteiligt. Er lieferte Übersichtsaufnahmen für die Einsatzleitung, sagt Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich. Es gehe darum, Ansammlungen von Personen zu erkennen. Die Bilder können in Echtzeit an die Einsatzleitung übermittelt werden. Zur Identifizierung von Personen dienten laut Cortesi die Luftaufnahmen nicht. Jürg Nussbaum von der Schweizer Luftwaffe bestätigt, dass die Kamera nicht dazu geeignet sei, Gesichter zu erkennen.
Der Helikopter-Einsatz hat Kosten von gegen 30 000 Franken verursacht. Insgesamt stand der Super Puma von morgens um 10 Uhr während rund zehn Stunden der Stadtpolizei zur Verfügung. Tatsächlich in der Luft befand er sich aber nur knapp drei Stunden. Eine Flugstunde kostet gemäss der Gebührenverordnung des Verteidigungsdepartements VBS 10 500 Franken. Allerdings handelt es sich dabei um eine Vollkostenrechnung, wie Nussbaum betont. Enthalten seien auch die Pilotenlöhne, obwohl diese sowieso eine gewisse Anzahl Flugstunden absolvieren müssten. Bezahlen muss die Stadtpolizei den Helikopter-Einsatz sowieso nicht. Einzig eine Pro-Forma-Rechnung über die geleistete Flugstunden wird gemäss der Vereinbarung mit der Polizeidirektorenkonferenz erstellt.
Bereits vor einem Jahr, am 1. Mai 2010, kam ein Super Puma der Luftwaffe zum Einsatz und lieferte Übersichtsbilder. Diese hätten sich sehr bewährt, sagt Cortesi. Zuvor unterstützen Armeehelikopter die Zürcher Stadtpolizei im Rahmen der Euro 2008. (mdr)