Strahlen-Opfer«Elektrosensible werden wie Verrückte behandelt»
Eine elektrosensible Frau erhält vom französischen Staat finanzielle Hilfe. Wie geht man in der Schweiz mit hypersensitiven Menschen um?

Eine Mobilfunkantenne zwischen Wohnhäusern - nicht alle vertragen das.
Der Fall der elektrosensiblen Marine Richard wird in Frankreich zum juristischen Präzedenzfall: Ein Gericht in Toulouse hat ihre Empfindlichkeit auf elektromagnetische Strahlung als Behinderung anerkannt. Weil die 39-Jährige zurückgezogen leben muss und nicht arbeiten kann, erhält sie nun für drei Jahre eine Rente von 800 Euro pro Monat.
Wäre das auch in der Schweiz denkbar? Hans-Ulrich Jakob von der Schweizerischen Interessengemeinschaft Elektrosmog-Betroffener gibt Antwort.
Herr Jakob, wie erleben Menschen in der Schweiz das Thema Elektrosensibilität?
Elektrosensible Menschen in der Schweiz, allgemein im deutschsprachigen Raum, getrauen sich nicht einmal mehr, öffentlich über ihre Beschwerden zu reden. Denn sie werden heutzutage von den Mobilfunkbetreibern nur noch gemobbt.
Das sind schwere Vorwürfe. Haben Sie dafür Beweise?
Es gibt in München eine Agentur mit dem Auftrag, die Leute, die sich über Eletrosmog beklagen, lächerlich zu machen und gar zu beschimpfen. Sie bringen es so weit, dass sie Strahlenopfer als psychisch krank abstempeln. Diese Menschen haben dann auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt keine Chancen. Unser Verein hat die Zusammenarbeit dieser Mobbingagentur mit dem Bundesamt für Umwelt aufgedeckt. Wir haben sogar eine Beschwerde beim Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation eingereicht. Aber die haben die Beschwerde abgelehnt mit der Begründung, was da gelaufen sei, falle nicht unter Zusammenarbeit.
Wie viele Menschen sind von der Elektrosensibilität betroffen?
Es ist schwierig, eine Zahl zu nennen. In den letzten 15 Jahren hat unser Verein 750 Gerichtsfälle bearbeitet. Dabei ging es meistens um rechtliche Probleme wegen des Baus von Mobilfunksendern und Hochspannungsleitungen. Und hinter jedem Fall stecken Gruppen von drei bis zu 300 Leuten. Ob auch alle elektrosensibel sind, kann man nicht sagen.
Wo fängt überhaupt Elektrosensibilität an? Wie misst man das?
Das ist ebenfalls schwierig zu sagen. Denn bei jedem Menschen äussert sich die Empfindlichkeit anders. Insgesamt gibt es über 30 Symptome, die die Elektrosensibilität beschreiben. Von Schlaf- und Konzentrationsstörungen über Glieder- und Gelenkschmerzen bis hin zu Dauermüdigkeit, hohem Blutdruck und Depression.
Nehmen Ärzte die Betroffenen ernst?
Es kommt auf den Arzt darauf an. Einige verschreiben Psychopharmaka. Dann suchen die Patienten aber oft einen anderen Arzt auf, denn wer will schon als geisteskrank behandelt werden?
Gibt es Menschen, die nur teilweise betroffen sind? Oder anders gefragt: Ist man auf alle Art von Eletrosmog empfindlich, wenn man elektrosensibel ist?
Das ist unterschiedlich. Einige Menschen reagieren auf Hochfrequenzen wie Funk, andere auf Niederfrequenzen wie Starkstromleitungen. Andere hingegen vertragen gar nichts. Das Hauptproblem ist, dass Elektrosensibilität an keine spezifische Frequenz gebunden ist.
Welche weiteren Auswirkungen haben Strahlungen auf Menschen?
In den letzten zehn Jahren hat es eine markante Zunahme von Krebsfällen gegeben in der Schweiz. Die Todesfälle sind um 35 Prozent angestiegen. Das sind über 10'000 Todesfälle mehr pro Jahr.
Wissenschaftlich ist aber nicht erwiesen, dass Strahlen Krebs verursachen. Was meinen Sie dazu?
Es gibt schon einige Studien, die besagen, dass Krebszellen mit denen der Organismus normalerweise selber fertig wird, unter elektromagnetischer Bestrahlung viel schneller wachsen als im unbestrahlten Gebiet.
Wie kann man sich vor Strahlung schützen?
Indem man sich nicht exponiert. Man kann Internet ohne WLAN benutzen oder TV und Telefon ohne Funk. Am besten schliesst man alles über Kabel an.
Und wohin müsste man ziehen, wenn man in der Schweiz der Strahlung entkommen will?
Das ist hoffnungslos. In der Schweiz gibt es 20'000 Mobilfunkantennen und 10'000 weitere sind innerhalb der nächsten fünf Jahre geplant. Früher haben wir betroffenen Menschen zum Umzug geraten. Heute macht das keinen Sinn mehr. Denn kaum hat man einen ruhigen Ort gefunden, wird eine neue Antenne installiert. Es gibt höchstens ein paar wenige abgelegene Bergtäler, aber da muss man damit rechnen, dass man abgeschottet von der Welt lebt. Ohne Einkaufsmöglichkeit, ohne öffentlichen Verkehr, ohne Kulturangebote.

Hans-Ulrich Jakob betreibt seit Jahren das Portal Gigaherz.ch, das Elektrosmog-Betroffene berät.