Klimawandel extremEin ganzes Land zügelt die Insel
Der Pazifik-Staat Kiribati geht unter. Die Regierung will deshalb ein Stück Land auf Fidschi kaufen. Mehr als 100 000 Menschen sollen umziehen.
Ob es das sagenumwobene Atlantis wirklich gegeben hat, bleibt wohl für immer ein Rätsel. Doch die Geschichte vom Untergang eines Inselreichs ist aktueller denn je. Weil der Meeresspiegel steigt, droht der Pazifik-Staat Kiribati zu versinken. Die Regierung plant deshalb, die gesamte Bevölkerung nach Fidschi umzusiedeln.
Sein Kabinett habe diesem Vorhaben zugestimmt, sagte Kiribatis Präsident Anote Tong am Freitag der Nachrichtenagentur AP. Sein Plan sieht vor, auf der Fidschi-Hauptinsel Viti Levu ein grosses Stück Land zu kaufen. Andere Ideen verwarf Tong, darunter die Konstruktion von schwimmenden Inseln.
Neue Heimat weit entfernt
Kiribati ist riesig und winzig zugleich. Sein Territorium ist mit mehr als fünf Millionen Quadratkilometern halb so gross wie ganz Europa. Der überwiegende Teil ist jedoch Meer. Kiribatis 32 Atolle bringen es gemeinsam auf gerade 800 Quadratkilometer, eine Fläche, die den Kantonen Solothurn oder Neuenburg entspricht.
Während Solothurner höchstens über häufigen Nebel klagen, haben die laut der jüngsten Volkszählung 103 500 I-Kiribati – so werden die Einwohner genannt – grössere Sorgen. Ihr Land geht unter. Jahr für Jahr steigt der Meeresspiegel. Und weil die Atolle flacher als Holland sind, gehen sie früher oder später unter.
An diesem Tag X soll Kiribati bereit sein – und das Volk nicht mehr in seiner Heimat. Auf Viti Levu soll mehr als 2000 Kilometer von Kiribati entfernt ihr neues Zuhause entstehen.
Gebildete Einwanderer, keine Flüchtlinge
«Wir wollen nicht auf einen Schlag mit allen 100 000 I-Kiribati umziehen», erläutert Präsident Tong sein Vorhaben dem Fernsehsender «Fiji One». Seine Vision sei es, dass Fidschi nicht Flüchtlinge erhalte, sondern Immigranten; gut ausgebildete Menschen, die sich der neuen Umgebung anpassen und dort arbeiten könnten.
Tongs Regierung hat deshalb ein Ausbildungsprogramm lanciert, «Education for Migration» heisst es. Bereits studieren junge I-Kiribati an der University of South Pacific – die sich sinnigerweise auf Fidschi befindet. «Diese Jungen bereiten sich gut auf eine Umstellung vor», sagt Dozent Dr. Alumita Durutalo dem «Sydney Morning Herald». Die Studenten aus Kiribati seien sich bewusst, dass der Tag eines endgültigen Umzugs komme. «Sie sind dazu bereit. Auch wenn das für sie bedeutet, dass sie ihre Lebensweise, ihre Kultur ein Stück weit aufgeben müssen.»
Noch keine Stellungnahme Fidschis
Zunächst muss Kiribatis Parlament den Kauf ebenfalls noch bewilligen. Präsident Tong beabsichtigt, für rund 10 Millionen Franken ein 23 Quadratkilometer grosses Ackergrundstück - etwa die Fläche des Walensees - zu kaufen. Er hofft, die Zustimmung des Parlaments noch im April zu erhalten.
Anschliessend will er das Gespräch mit Fidschi suchen. Eine Regierungssprecherin hat für nächste Woche eine erste Stellungnahme angekündigt. Laut BBC-Informationen hofft Fidschi, dass auch andere Nationen in der Region I-Kiribati aufnehmen, namentlich Australien und Neuseeland. Auf internationale Unterstützung hofft auch Tong. «Die Welt muss erkennen, dass der Klimawandel existiert und Länder wie unseres davon betroffen sind.»
«Wir wissen, dass wir nur verlieren können»
Auf dem neuen Grundstück Kiribatis auf Fidschi sollen in einem ersten Schritt einige hundert Bauern und Handwerker leben, so der Plan. Weil die Ackerflächen in ihrer Heimat verschwinden, sollen sie Früchte und Gemüse anbauen und Vieh züchten, damit auch Fleisch nach Kiribati exportiert werden kann. Der in das Geschäft involvierte Makler Colin Sibary berichtet der BBC, dass auch geplant sei, Land abzubauen: «Damit wollen sie dann Dämme errichten.»
Kiribatis Präsident Anote Tong ist sich bewusst, dass diese Bauten nicht für die Ewigkeit sein werden. «Der Klimawandel ist unser täglicher Kampf, und wir wissen, dass wir ihn nur verlieren können.» Atlantis ist kein Mythos mehr.
Präsident Tong erklärt den Bewohnern von Fidschi seine Pläne. (Quelle: fijitv.info)
Sorgen auch in der neuen Heimat
In Fidschi hat Militärmachthaber Bainimarama Konsultationen über eine neue Verfassung angekündigt. Anschiessend sollen Wahlen stattfinden, voraussichtlich 2014.
Bainimarama hatte 2006 gegen die Regierung geputscht. Den Putsch begründete er mit der Korruption der gewählten Regierung und mit der fortlaufenden Diskriminierung der indisch-stämmigen Minderheit Fidschis. Der Militärmachthaber verhängte eine strikte Pressezensur und regiert das Land mit eiserner Hand. Er ignorierte alle Aufrufe zu Neuwahlen. Die Staatengemeinschaft des Commonwealth suspendierte Fidschi deshalb. (sda)