Aus dem 10-jährigen Adrian wird Anna

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NorwegenAus dem 10-jährigen Adrian wird Anna

In Norwegen können Kinder ab sechs Jahren ihr Geschlecht in offiziellen Dokumenten problemlos ändern lassen – so wie Adrian, der zu Anna wurde.

M. Lewis
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M. Lewis
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«Ich denke, ich war die ganze Zeit ein Mädchen», sagt Anna heute. (Video: KameraOne)

Der Reisepass der zehn Jahre alten Anna Thulin-Myge zeigt ein gewöhnliches norwegisches Mädchen mit langen blonden Haaren. Als Vorname ist Anna angegeben, aber unter Geschlecht ist ein M notiert. «Das bedeutet männlich», erklärt sie und streicht mit dem Finger über das Dokument. «In ein paar Wochen bekomme ich einen neuen Pass und dann steht da ein F.» F für weiblich, denn das ist es, was Anna sein will.

Norwegen ist seit kurzem das fünfte Land der Welt, das es Erwachsenen erlaubt, rechtskräftig ihr Geschlecht zu verändern, ohne dass zuvor Ärzte ihr Einverständnis gegeben haben. Ähnliche Gesetze gibt es in Argentinien, Irland und Dänemark. Aber nur Malta und Norwegen haben diese Liberalisierung auch auf Minderjährige ausgeweitet.

Neun Kinder im ganzen Land

Wenn die Eltern zustimmen, können in Norwegen Kinder ab sechs Jahren sich selbst als männlich oder weiblich identifizieren und damit das ihnen bei der Geburt zugewiesene Geschlecht in den amtlichen Unterlagen ändern. Anna ist eines von neun Kindern im ganzen Land, das von dieser Regelung Gebrauch macht, seit sie im Juni eingeführt wurde. Ihre praktische Umsetzung ist einfach, bisher wurde kein einziger Antrag abgelehnt. Schon bald wird auch Anna die Bestätigung erhalten, dass die Regierung sie als das Mädchen anerkennt, das sie schon immer sein wollte.

Gabriela war früher ein Junge. Nun erlaubt ihr ihre Schule, sich als Mädchen zu kleiden.

«Als ich klein war, habe ich immer Kleider angezogen», erzählt die Zehnjährige. «Und ich habe mit Puppen gespielt, also glaube ich, dass ich die ganze Zeit ein Mädchen war.»

Der Meinung ist auch Annas Mutter Siri Oline Myge. Ihre Tochter sei jahrelang durcheinander gewesen und habe in der Schule Ablehnung erfahren, weil sie gezwungen worden sei, als ein Junge namens Adrian zu leben, erzählt sie. Die rechtliche Anerkennung bedeute, dass Anna nun in Zukunft ohne Verdächtigungen und Missverständnisse leben könne. «Anna hatte zwei getrennte Identitäten», sagt die Mutter.

Politiker wollen keine Bevormundung

Das Gesetz sorgte bei seiner Verabschiedung für wenig Aufsehen. Abgeordnete aller Parteien verabschiedeten den Entwurf im Juni mit 79 zu 13 Stimmen. «Ich habe mehrere junge Leute getroffen, die mir gesagt haben, dass das neue Gesetz ihr Leben einfacher macht», erklärt Gesundheitsminister Bent Høie von der konservativen Partei Hoyre.

Zunächst hatten die Abgeordneten noch erwogen, eine Wartezeit für Erwachsene und Minderjährige einzuführen, bevor der rechtliche Übergang von einem Geschlecht zum anderen möglich sein sollte. Das wäre aber eine Bevormundung gewesen, sagt Høie.

Stattdessen können die Norweger nun online ein Formular ausfüllen und erhalten dann die notwendigen Unterlagen von der Steuerbehörde. Die Antragsteller müssen unterzeichnen und die Unterlagen zurückschicken – fertig. Sie erhalten dann eine neue Steuernummer, mit der sie alle anderen Formen der Identifikation auf den neuesten Stand bringen können: Reisepässe und Führerscheine, Geburtsurkunden und Kreditkarten. Steuernummern sind in Norwegen geschlechtsspezifisch.

Kinder und Erwachsene gleichgestellt

Vor der Gesetzesänderung mussten die Betroffenen wie in vielen anderen Ländern erst Therapien machen, Hormone nehmen und sich einer körperlichen Geschlechtsumwandlung unterziehen, bevor sie rechtlich mit ihrem neuen Geschlecht anerkannt wurden. Kinder waren damit vollständig ausgeschlossen und viele Erwachsene scheuten den Aufwand oder wollten sich nicht operieren lassen.

Malta erlaubt es Sorgeberechtigten, im Namen ihrer Kinder eine rechtliche Änderung des Geschlechts vor Gericht einzufordern, aber nur in Norwegen sind Kinder und Erwachsene in dieser Frage gleichgestellt. Manche Aktivisten wie Richard Kohler von der Organisation Transgender Europe wollen sogar, dass Norwegen noch weiter geht und auch die letzten Beschränkungen für rechtliche Änderungen des Geschlechts für Kinder streicht, zum Beispiel das Mindestalter von sechs Jahren. «Das zeigt den unterschwelligen Glauben, dass trans zu sein schlecht und problematisch sei», erklärt Kohler. «Das sendet das Signal aus, dass wir Kindern nicht glauben und sie von klein auf vor dem Geschlecht schützen müssen.»

«Sie wollte Haarspangen tragen»

Anna lebt mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und drei Geschwistern an einem Fjord in Haugesund an der Westküste. Als sie fünf Jahre alt war, bemerkten Verwandte und Nachbarn Veränderungen an dem Kind. Sie warfen ihrer Mutter vor, diese wolle aus ihrem Sohn unbedingt eine Tochter machen. Sogar das Jugendamt schaltete sich ein. Sozialarbeiter beobachteten die Familie, bis Ärzte bestätigten, dass Annas weibliche Identität authentisch und aufrichtig ist.

«Schon bevor sie drei war, habe ich gesehen, dass Anna anders war», sagt Oline Myge. «Sie wollte Haarspangen tragen und war wirklich unglücklich, wenn ich ihr die Haare geschnitten habe.»

2013 durfte Anna ihren Namen ändern und trug auch in der Schule Kleider. Sie wurde deswegen von Mitschülern gemobbt und wechselte die Schule. Dort ist sie seit diesem Jahr als Mädchen eingeschrieben und keines der anderen Kinder hat sie je als Adrian kennengelernt. Sie ist jetzt glücklicher dort, wie sie sagt. Das neue Gesetz erlaubt Kindern die amtliche Änderung ihres Geschlechts aus genau diesem Grund schon mit sechs Jahren: Damit sie bei der Einschulung ihre neuen Papiere haben.

Über eine körperliche Geschlechtsangleichung hat Anna auch schon nachgedacht. In ein paar Jahren will sie anfangen Hormone zu nehmen, um die Pubertät solange hinauszuzögern, bis sie alt genug für eine Operation ist. «Ich vermisste Adrian nicht», sagt sie. «Ich will wirklich die ganze Zeit Anna sein und jetzt bin ich Anna, ein Mädchen, und ich will nie mehr ein Junge sein.»

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