Der perfide Vorteil des Massenmörders

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Freie Sicht aus Suite 32135Der perfide Vorteil des Massenmörders

Dass Stephen Paddock in die Suite 32135 eincheckte, war kein Zufall: Sie bot ihm freien Blick auf die 20'000 Besucher des Route 91 Harvest Festival.

Ann Guenter
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Ann Guenter
Ein Blick aus dem Mandalay Bay Hotel auf das Festival-Gelände.
23 Schusswaffen, 59 Tote, über 500 Verletzte: Stephen Paddock ist für das grösste Massaker in der jüngsten US-Geschichte verantwortlich.
Paddock hatte einige seiner Gewehre mit einem «Bump-Stock» aufgerüstet. Mit diesem Aufsatz kann schneller geschossen werden – bis zu 800 Schüsse in einer Minute.
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Ein Blick aus dem Mandalay Bay Hotel auf das Festival-Gelände.

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Stephen Paddock (64) plante das grösste Massaker in der jüngsten US-Geschichte genau. Er buchte einige Tage vor der Tat eine riesige Suite im 32. Stock des Mandalay Bay Hotel in Las Vegas. Gut möglich, dass er schon einmal dort gewesen war. Nach Angaben seines Bruders Eric hielt er sich oft in Las Vegas auf, gambelte dort erfolgreich und erhielt Einladungen von verschiedenen Hotels.

Als er am 28. September im Hotel ankam, fand es niemand merkwürdig, dass er zehn Koffer dabeihatte. Niemand vermutete auch nur im Geringsten, dass der 64-jährige, vermögende Rentner mit dem grauen Haar mit Waffen und Munition eincheckte.

Dass Paddock sich eine Las Vegas Vista Suite aussuchte, war kein Zufall: Suite 32135 sei für all jene, die «die perfekte Aussicht» wollen, heisst es auf der Hotel-Website. Auf dem Platz neben dem Hotelkomplex fand das ausverkaufte Route 91 Harvest Festival statt. 20'000 Besucher auf einen Blick.

Menschenmenge lag ihm zu Füssen

Die über 500 Meter Distanz hielten den Freizeit-Jäger nicht auf. Er hatte mindestens 23 Waffen dabei, einige davon halbautomatisch, andere illegal zum automatischen Sturmgewehr aufgerüstet – die meisten davon AR-15-Gewehre, fürs Zielen auf Distanz gebaut.

Paddock benutzte neben Zielfernrohren auch Stative: Diese erhöhten seine Zielsicherheit, während er im Stehen schoss. Auch Scharfschützen verwenden solche Stative, etwa im Häuserkampf, damit sie und ihre Waffe von aussen nicht entdeckt werden können.

Der grösste Vorteil des Massenmörders war zweifellos seine erhöhte Position im 32. Stock. Selbst ein ungenauer Schuss trifft von oben eine so grosse Menschenmenge, die dem Schützen im wahrsten Sinn zu Füssen lag.

Mit einem Hammer eingeschlagen

Mit einem Hammer zertrümmerte er zwei Fenster seines Zimmers, die Löcher sind unschwer in der Fassade auszumachen. Gegen 23 Uhr begann er, ins Publikum zu schiessen. Die panischen Menschen am Boden begriffen lange nicht, dass sie von so weit oben beschossen wurden. «Menschen», sagt James Gagliano, FBI-Agent im Ruhestand, «sind nicht darauf trainiert, nach oben zu schauen.»

Der Hobby-Jäger hatte seine Beute vor Augen: 20'000 Menschen auf engem Raum. «Er musste nur auf die Mitte zielen und den Abzug drücken», so Gagliano. «Als ob man auf Fische im Aquarium schiesst.»

Noch mehr Angriffsfläche am Boden

Kam dazu, dass sich viele Leute in einer ersten Reaktion auf den Boden warfen – sie anerboten sich damit dem Schützen erst recht. Wollten sie hinter einem Stand oder anderen Objekten auf dem Festivalgelände in Deckung gehen, spürte sie Paddock aus seiner erhöhten Position auf, egal, wo sie sich zu verstecken versuchten.

Paddocks Gewehrsalven in den Videosequenzen legen nahe, dass er zum Schiessen zwei Gewehre auf einmal benutzte.

Die Schusssequenzen sind zudem unregelmässig, stocken mitunter, denn Paddock hatte einige seiner Gewehre mit einem «Bump-Stock» aufgerüstet. Mit diesem Aufsatz kann schneller geschossen werden – bis zu 800 Schüsse in einer Minute. Ein Dauerfeuer auf Ungeschützte während 10 bis 15 Minuten.

Durch Türen auf Swat-Team geschossen

Wie viele Hundert Schüsse Paddock abgab, steht noch nicht fest. Er soll in seinen Räumlichkeiten so viel Schiesspulver freigesetzt haben, dass der Rauchmelder losging, was das Sicherheitspersonal des Hotels alarmierte.

Als die Suite 32135 nach über einer Stunde gestürmt wurde, schoss Paddock erst noch durch die Türen auf sechs Mitglieder des Swat-Teams und verletzte einen Sicherheitsmann. Er tötete sich noch hinter verschlossener Tür selbst.

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