Erste Klinik für Männer, die vergewaltigt wurden

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StockholmErste Klinik für Männer, die vergewaltigt wurden

In Schweden gibt es die weltweit erste Notfallklinik für männliche und transsexuelle Opfer von Vergewaltigungen. Das kommt gut an – hat aber einen Haken.

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Das Spital Södersjukhuset in Stockholm.

Das Spital Södersjukhuset in Stockholm.

Vergewaltigungen von Männern sind eher ein Tabuthema. Dabei sprechen die Zahlen für sich: In den USA etwa führte das Amt für Statistik eine Umfrage in 40'000 Haushalten durch. Resultat: 38 Prozent der Missbrauchsopfer waren Männer.

In Europa führt Schweden die Liste der Länder mit den meisten gemeldeten Missbrauchsfällen an – darunter sind auch viele Männer. So überrascht es wenig, dass jetzt in Stockholm die weltweit erste Klinik für männliche und transsexuelle Missbrauchsopfer ihre Pforten geöffnet hat. Bisher stand diese nur Frauen offen.

20 bis 40 Männer und Transsexuelle erwartet

Im Notfallzentrum am Södersjukhuset-Spital im Süden Stockholms können Patienten 365 Tage im Jahr gratis Hilfe suchen. Hier müssen sie weder Zeit in Wartezimmern absitzen noch eine Registrierung wie bei einem «normalen» Notfall über sich ergehen lassen. Die Patienten haben einen Monat nach dem Missbrauchsfall Zeit, sich bei der Klinik zu melden, wo Spezialisten sie medizinisch und psychologisch betreuen.

«Wir erwarten in diesem Jahr 20 bis 40 männliche und transsexuelle Patienten», sagt Spitalsprecherin Ylva Werlinder zu 20 Minuten. «So viele melden sich zumindest jährlich im normalen Notfall. Es könnten aber auch mehr werden, weil sich das Zentrum jetzt speziell auf Männer und Transsexuelle ausrichtet.» Erste Männer hätten den neuen Notfall bereits besucht.

«Männer holen sich später Hilfe»

Das Zentrum könnte vielen Opfern helfen, ist Werlinder überzeugt. Eine Studie der schwedischen Organisation für sexuelle Aufklärung (RFSU) zeigte 2014, dass betroffene Männer in den meisten schwedischen Gemeinden nicht wussten, wohin sie sich nach einer Vergewaltigung wenden sollen.

«Auch suchen sich Männer tendenziell später Hilfe als Frauen», sagt die Spitalsprecherin. «Oft wollen sie nicht zugeben, dass sie misshandelt wurden, weil in der Gesellschaft die Auffassung herrscht, dass Männer nicht vergewaltigt werden können.» Manchmal komme ein Fall überhaupt erst ans Licht, wenn ein Opfer wegen einer anderen Angelegenheit bei einem Therapeuten Rat suche.

«Mit der eigenen Verletzlichkeit auseinandersetzen»

«Für viele Männer ist es schwierig, über solche Themen zu sprechen», sagt auch Peter Pollard von 1in6, einer Organisation, die sich für männliche Opfer von sexueller Gewalt einsetzt, im Magazin «Vice». «Jeder, der missbraucht wird – ob Mann oder Frau –, muss sich mit seiner eigenen Verletzlichkeit auseinandersetzen. Für Männer ist das oft schwierig, denn es wird ihnen bereits früh klargemacht, dass es sozial nicht akzeptiert ist, über Verwundbarkeit, Ängste oder Traurigkeit zu sprechen.»

Sich Hilfe holen könnte sogar die Angst verstärken, dass man sich verwundbar mache, so Pollard. Deshalb sei die grösste Herausforderung, Männer überhaupt dazu zu bewegen, den Notfall aufzusuchen.

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