Skandal um TenenbomLautes Schweigen im deutschen Blätterwald
In «Allein unter Deutschen» geht Tuvia Tenenbom der Frage nach, wie antisemitisch unser Nachbarland heute noch ist. Die Reaktionen auf sein Buch lassen nichts Gutes ahnen.

«Made in Marxloh»: Tuvia Tenenbom bei seiner Recherchereise in Deutschland unter Damen, die türkische Brautmode vorführen (Bild: Isi Tenenbom).
Tuvia Tenenbom geht da hin, wo es weh tut. Als er für eine Buchrecherche durch Deutschland reist, besucht der jüdische Autor aus New York auch einen Nazi-Club in Neumünster. Er traf prominente Köpfe wie Helmut Schmidt oder Helge Schneider, aber auch den «kleinen Mann» von der Strasse.
Herausgekommen ist «Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise», das zeigt, dass Antisemitismus im Nachbarland noch lange nicht Schnee von gestern ist. Das bestätigen nicht nur Reaktionen wie die von Neonazis, die den 56-Jährigen nach einer Demonstration in Magdeburg wegen eines Hitlergrusses angezeigt haben, sondern auch die Reaktionen einiger deutschsprachiger Medien, denen man das Ewiggestrige gar nicht zugetraut hätte.
Herr Tenenbom, ihr Buch «Allein unter Deutschen» ist seit Wochen auf der «Spiegel»-Bestsellerliste. Trotzdem sind Sie unzufrieden. Warum?
Tivia Tenenbom: Es liegt daran, wie alles zuletzt gelaufen ist in Deutschland. Im Dezember war mein Buch bei «Thalia» ausverkauft, aber sie wollten nicht nachbestellen. Erst als meine Frau beim Pressesprecher nachgefragt hat, wurden Exemplare nachgekauft, die aber wiederum nicht ausgestellt wurden. Journalisten von «Kulturzeit» haben berichtet und es bestätigt: Die Regale, in denen die Bücher hätten stehen sollten, waren leer. Anderswo wurde ich durch Peter Scholl-Latour ersetzt. Warum? Weil sie die «Ehre Deutschlands» beschützen wollen. Das ist meine Meinung.
Wenn es nach Volkhard Knigge, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald ginge, wäre ihr Buch gar nicht erschienen. Was ist das Problem?
Als ich Volkhard Knigge für ein Interview getroffen habe, trug er ein T-Shirt des «Uganda-Club». Wissen Sie, was das ist? Das ist ein linksextremistischer, israelischer Verein, der glaubt, Juden sollten nicht im Nahen Osten, sondern in Afrika ihren Staat gründen. Wir haben versucht, deutsche Medien darauf aufmerksam zu machen. Sie wollen nicht darüber schreiben.
Wie wird ihr Buch in deutschen Medien aufgenommen?
Knigge hat mich im Deutschlandfunk angegriffen. Als im Dezember mein Buch besprochen wurde, sagte Kritiker Jens Rosbach, der «Spezialist für deutsch-jüdischen Beziehungen» sein soll: «‹Allein unter Deutschen› ist literarisches Fastfood.» Die Moderatorin sagte: «Und wer will schon Fast Food zu Weihnachten? Unser Rezensent Jens Rosbach über ein Buch, das man getrost umtauschen kann.» Diese Teile wurden online inzwischen entfernt, weil es einfach so peinlich ist.
«Deutschlandfunk» hat die Behauptung zurückgewiesen, dass der Beitrag aus inhaltlichen Gründen entfernt wurde. Die letzte Passage des Artikel konnte demnach durch einen Fehler nach der Sendung zehn Tage lang nicht aufgerufen werden, ist aber seit dem 27. Dezember wieder zu lesen. Die Original-Audiofassung der Rezension war laut «Deutschlandfunk» ununterbrochen online.
Die deutsche Presselandschaft besteht nicht nur aus dem «Deutschlandfunk».
Die «Frankfurter Allgemeine» hat abgelehnt, darüber zu berichten. Mit der «Süddeutschen Zeitung» hatte ich Streit, weil sie in einem Artikel «der Jude Tenenbom» geschrieben haben. Als ich der SZ später über das «Jewish Theater of New York» eine Pressemitteilung über eine Lesung an der Berliner Volksbühne geschickt habe, hat mir die Rechtsabteilung per Mail geantwortet. Darin wurde gesagt, dass ich kein Recht hätte, ihnen zu schreiben. Wenn ich es wieder täte, würden sie juristisch gegen mich vorgehen.
Und was ist mit den Journalisten, die über Sie berichten wollen?
In Leipzig wollte ein Journalist mit mir diskutieren. Ich fragte, ob er das Buch gelesen habe. Am Ende sagte er: «Nein, aber ich habe darüber gelesen.» Der Typ vom «Spiegel» hat zugegeben, nur die ersten und die letzten fünf Seiten gelesen zu haben. Das ZDF hat einen Interviewtermin gemacht und ihn zwei Stunden vorher mit der Begründung abgesagt, sie hätten kein Budget, um einen Englischübersetzer zu zahlen. Erst als ich das Journalisten erzählte und sie den ZDF-Chef angerufen haben, schickten sie einen Reporter.
Immerhin hat das Fernsehen den Fehler korrigiert.
Aber nur um in der Mitte des Beitrags Juliane Wetzel hereinzuschneiden, die sagt, was ich tun würde, sei «gefährlich». Sie ist vom Zentrum für Antisemitismusforschung von der TU Berlin. Ich habe ihr geschrieben: Ich möchte öffentlich mit ihnen über meine Arbeit und ihre Ergebnisse diskutieren. Ich bin im Februar in Deutschland. Sie hat mir geantwortet, sie habe im Februar keine Zeit. Ich bot ihr an, jederzeit aus Amerika herüberzukommen, aber sie hat nicht mehr zurückgeschrieben. Das Zentrum hat ganz nebenbei keinen einzigen Juden in seinen Reihen.
Verletzt sie die Kritik?
Mit der Art und Weise, die die Leute seit Erscheinen des Buches an den Tag legen, bestätigen sie jeden Tag das, was ich geschrieben habe.
Was denken sie über die Diskussion um den deutschen Journalisten Jakob Augstein? Das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles führt ihn auf einer Antisemitismus-Liste wegen seiner kritischen Äusserungen über Israel.
Ich weiss von ihm. Er hat mich im «Spiegel» angegriffen. Was er schreibt, denkt die Allgemeinheit. Die Leute sind besessen von Israel.
Einige dieser Leute meinen, man dürfe die israelische Politik nicht kritisieren.
Im Gegenteil. Ein Beispiel: Ich hatte ein Interview mit einem deutschen Magazin. Sie fragten mich, was ich von der israelischen Regierung halte. Ich sagte: Wisst ihr was? Ich mag sie nicht. Ich denke, die gegenwärtige Regierung ist rassistisch. Aber ich denke auch, dass die palästinensische Regierung noch rassistischer ist. Was hat das Magazin gemacht? Den letzten Teil meiner Aussage haben sie rausgenommen.
Ein Beitrag des NDR-Medienmagazins «Zapp» zur Debatte um Jakob Augsteins Äusserungen. Quelle: YouTube/Klaus M.
Sie waren also nur auf die Israel-Kritik aus?
Ganz genau. Ein anderes Beispiel ist, was Jordanien mit den Palästinensern gemacht hat. Das war etwas vom Schlimmsten. Gab es jemals Proteste gegen die jordanische Regierung? Immer, wenn ich Deutsche danach frage, werden sie wütend auf mich.
So wie bei ihrer Kritik am WDR, der einen politischen Aktivisten unterstützte, der eine anti-israelische Installation über den Nahost-Konflikt aufgestellt hat.
Die Stadt Köln hat eine Art Kölner Aussenminister. Er sagte mir: Nach dem, was wir Deutschen den Juden angetan haben, fühle ich eine grosse Verantwortung für die Juden und Israel. Es ist meine Lebensaufgabe, sie zu schützen. Als er diese Installation sah, sagte er mir, dass es ihm leid tue und es wurde entfernt. Allerdings wurde es wenig weiter wieder aufgestellt: Es wurde nur für die Kameras abgebaut.
Das klingt doch gut?
Ich bin noch nicht am Ende der Geschichte. Ich fragte ihn nach seiner Visitenkarte. Er sagte, sie sei in seinem Büro im Stadtzentrum. Ich meinte, dass es in der Nähe sei und wir sie holen sollten. Als wir in seinem Büro ankommen, hängt ein Bild an der Wand. Es ist der Palästinenser-Führer Mahmud Abbas. Sie lügen dir mitten ins Gesicht! Diese Leute sind einfach besessen!
Wie reagieren die Besucher ihrer Lesungen?
Die Lesung an der Berliner Volksbühne war trotz Berlinale fast ausverkauft. Es war sehr interessant und ein grosser Erfolg. Wir waren in Dresden: Der Ort voll von jungen Leuten. Es war ein sehr herzlicher Abend. Und gerade waren wir in Leipzig, wo 250 Besucher kamen. Die meisten junge Leute. Es gibt wirklich eine Chance für eine gute Zukunft in Deutschland.
Update 25. Februar: In einer älteren Version des Textes waren Passagen über den «Deutschlandfunk» falsch zitiert worden. Sie wurden geändert.