«Wann tust dus endlich?»Mädchen drängte ihren Freund zum Selbstmord
In Massachusetts ist ein 18-jähriges Mädchen angeklagt, ihren zaudernden Freund zum Suizid ermutigt zu haben. Ihre Text-Messages schockieren.
Michelle Carter wirkt auf den ersten Blick unschuldig. Doch wenn man die SMS liest, die sie vergangenes Jahr mit ihrem damaligen und mittlerweile verstorbenen Freund Conrad Roy austauschte, entpuppt sich das heute 18-jährige Mädchen als Todesengel ohne Skrupel.
Carter muss sich ab 2. Oktober vor dem Jugendgericht von New Bedford im US-Gliedstaat Massachusetts gegen den Vorwurf wehren, sie habe Roy mit Dutzenden von Textnachrichten und Telefonanrufen dazu gedrängt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Die Anklage lautet auf Totschlag.
Verteidiger plädiert auf Gehirnwäsche
An einem Hearing versuchte ihr Rechtsanwalt Joseph Cataldo letzte Woche, das Gericht dazu zu bewegen, die Klage abzuweisen. Seine Mandantin sei von dem zum Freitod entschlossenen Freund einer Gehirnwäsche unterzogen worden, behauptete er. «Er überredete ein junges, beeinflussbares Mädchen», sagte Cataldo laut «South Coast Today». «Am Schluss brachte er sie dazu, seinen Plan zu unterstützen.»
Nach dem Wortlaut der ausgetauschten Texte aber waren die Verhältnisse eher umgekehrt. Wie die «Washington Post» berichtet, zögerte der mit Depressionen kämpfende Roy immer wieder, sein Vorhaben umzusetzen. Doch zwei Jahre, nachdem die zwei Teenager ihre – mehrheitlich online gepflegte – Beziehung aufnahmen, wurde das Mädchen ungeduldig. «Du sagst immer, du würdest es tun, aber dann tust du es nie», klagte sie. «Ich will sicher sein, dass du es heute Abend wirklich tust.»
Sie trieb ihn bis zum Schluss an
Michelle Carter kam auch auf das Thema Suizid zurück, wenn Conrad Roy über anderes sprechen wollte. «Wie war dein Tag?», fragte er einmal. Carter fragte zurück: «Wann tust du es?». Später textete Roy: «Ich war ein bisschen arbeiten.» Worauf sie schrieb: «Wann wirst du es tun? Hör auf, der Frage aus dem Weg zu gehen!»
Carter trieb Roy noch an, als dieser dabei war, sich das Leben zu nehmen. Der junge Mann hatte am 12. Juli 2014 auf einem Parkplatz eine mit Benzin betriebene Wasserpumpe so eingerichtet, dass die Abgase mit dem giftigen Kohlenmonoxid in die Kabine seines Trucks strömten. Nach seinem Tod textete Carter ihrer Freundin: «Ehrlich, ich hätte es stoppen können. Ich war am Telefon mit ihm, und er stieg aus dem Auto aus», als das Kohlenmonoxid sich ausgebreitet habe. Da habe sie ihm gesagt: «Steig sofort wieder ein.» Am nächsten Tag wurde Roy tot aufgefunden.
Beweise für Schuldbewusstsein
Das Verhalten des Paars hat wenig mit einem romantischen Doppelselbstmord gemein, wie ihn etwa William Shakespeare in «Romeo und Julia» beschreibt. Nach den vorgelegten Beweismitteln erscheint Carter als die treibende Kraft. Sie recherchierte Methoden für den Selbstmord und pushte Roy, seine Zweifel zu überwinden. Er würde ihr Schutzengel im Himmel sein, schrieb sie ihm.
Für die Anklage ist ausschlaggebend, dass das Mädchen kein Schuldbewusstsein zeigt. «Wenn die Polizei meine Messages findet, bin ich erledigt», textete sie einer Freundin. «Seine Familie wird mich hassen und ich kann im Gefängnis landen.» Vor dem Suizid bat sie Roy, er solle die Texte löschen, doch die Ermittler fanden sie trotzdem.
Nach Roys Tod nahm sich Carter dem Thema Geisteskrankheit an. Sie organisierte einen Spendenanlass. Auf Facebook schrieb sie dazu: «Obwohl ich das Leben meines Freundes nicht retten konnte, will ich mich jetzt dafür engagieren, so viele andere Leben zu retten wie möglich.»