Vergewaltigungsvorwurf«Kachelmann ist längst ruiniert»
Im Verfahren gegen Jörg Kachelmann gibt es bereits jetzt einen Verlierer: den Wetterfrosch. 20 Minuten Online sprach mit «Spiegel»-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen über Frauen als Opfer, Männer als Opfer und Promis als Opfer.
Gisela Friedrichsen ist die vielleicht renommierteste Gerichtsreporterin Deutschlands. Die frühere Redaktorin der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» berichtet seit 1989 für das Hamburger Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» aus den Gerichtssälen der Republik und liefert wie etwa im Falle des so genannten «Kannibalen von Rotenburg» oder auch im Entführungsdrama um Natascha Kampusch weitreichende, umsichtige Darstellungen der Lage. 20 Minuten Online sprach mit der Münchnerin über die Verhaftung Jörg Kachelmanns.
20 Minuten Online: Weil Jörg Kachelmann Schweizer ist, wurde er in Untersuchungshaft genommen: Trauen Ihre Landsleute den Eidgenossen nicht?
Gisela Friedrichsen: Dass Jörg Kachelmann in Deutschland in Untersuchungshaft genommen wurde, kommt nicht einem Misstrauensvotum gegenüber der Schweiz gleich. Sondern es geht darum, dass einer, der keinen festen Wohnsitz in Deutschland hat (und auch keine familiären Bindungen), sich nicht durch Ausreise einem zu erwartenden Strafverfahren entziehen können soll. Kachelmann könnte sich ja auch nach Takatuka-Land absetzen oder wohin auch immer, und die deutsche Strafjustiz hätte dann keinen Zugriff mehr auf ihn.
Eine angesehene Gutachterin hat zu Protokoll gegeben, das Opfer gebe die Tat «vage und oberflächlich» wieder. Wäre es nicht normal, wenn eine Frau eine mögliche Vergewaltigung verdrängen würde?
Wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt - und damit den Verdacht, ein Verbrechen begangen zu haben, auf einen Mann lenkt -, dann muss sie dafür vor den Ermittlern auch geradestehen. Hat sich die Tat nur wenige Stunden zuvor ereignet, ist es unwahrscheinlich, da man schon von «Verdrängung» sprechen kann. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die besagen, eine Vergewaltigung sei ein derart massiver Angriff auf die Integrität eines Menschen, dass man ihn nicht so schnell vergisst, ganz im Gegenteil. Man werde schon beim kleinsten Anlass - sei es durch einen Geruch, ein Geräusch, ein Wort, eine Situation - daran erinnert. Gerade solche Details brennen sich tief ins Gedächtnis ein.
Wie reagieren Frauen, denen etwas derart Schlimmes zugestossen ist?
Ich habe schon oft erlebt, dass angeblich Geschädigte vor Gericht sagten, sie könnten über das Furchtbare nicht sprechen, sie hätten gar keine Worte dafür. Frauen, die wirklich vergewaltigt wurden, sind dazu meist sehr gut in der Lage. Sie sagen, was ihnen der Täter angetan und welche Folgen dies für ihr Leben hat. Bei Kindern oder ganz jungen Mädchen spielt Scham manchmal eine Rolle. Dem kann ein einfühlsamer Sachverständiger oder Richter aber Rechnung tragen. Eine 37 Jahre alte Frau jedoch, die den Täter elf Jahre kennt, müsste schon sagen können, was ihr zugefügt wurde.
Wie bewerten Sie die Widersprüche in der Aussage des Opfers? Wie sieht die Beweislage verglichen mit anderen Vergewaltigungsprozessen aus?«Spiegel» stand, und ich habe keinen Anlass dazu, daran zu zweifeln, dann hatte das angebliche Opfer Kontakt zu einer Nebenbuhlerin aufgenommen und ganz bewusst auf eine Konfrontation hingearbeitet. Sie hat einen selbst geschriebenen anonymen Brief in ihrem Briefkasten deponiert, um Streit mit Kachelmann anzufangen. Wer zu solchen Tricks greift und diese dann später nicht zugibt, also lügt, der muss sich auch fragen lassen, ob er nicht die ganze Geschichte erfunden habe. Unabhängig davon ist die Beweislage beim Verdacht der Vergewaltigung häufig schwach. Denn Zeugen gibt es meist nicht. Blaue Flecken kann man sich selbst zufügen. Es hängt oft vom Eindruck ab, den eine Frau bei der Polizei macht, ob man ihr glaubt oder nicht. Wenn sie eine gute Schauspielerin ist, bekommt der Mann ein Problem.
Bei Anklagen gegen Promis wird Staatsanwälten wie im Fall von Andreas Türck oder den No Angels übertriebener Jagdeifer vorgeworfen.
Nach meinem Eindruck haben die Staatsanwaltschaften aus den Fällen Türck und der No-Angels-Sängerin durchaus gelernt; die Kritik war ja ziemlich harsch. Dies heisst aber nicht, dass der eine oder andere Staatsanwalt dennoch anfällig sein könnte für den grossen Auftritt in der Öffentlichkeit. Im vorliegenden Fall hat man der Mannheimer Staatsanwaltschaft vorgeworfen, nicht das Ergebnis des Glaubhaftigkeitsgutachtens über die Aussage der Frau abgewartet zu haben. Dagegen kann man sagen, dass der dringende Tatverdacht dadurch nicht unbedingt beseitigt wird. Die Frage, welchen Beweiswert ein Gutachten hat, haben die Richter zu beantworten. Sie entscheiden den Fall, nicht die Staatsanwaltschaft oder die Verteidigung oder gar die Medien.
Das von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene Gutachten wirft Fragen zur Aussage des Opfers auf: Rechnen Sie damit, dass der Staatsanwalt einen weiteren Psychologen zu Rate zieht, nachdem die jetzige Expertise den vermeintlichen Täter eher entlastet? Was bedeutet das für den Prozess?
Gerüchten zufolge ist zu hören, die Staatsanwaltschaft habe einen angesehenen Traumatologen befragt, ob eine «vage, oberflächliche» Aussage zwangsläufig dafür spreche, dass sie erfunden sei. Dies hängt natürlich vom individuellen Fall ab. Ich rechne damit, dass die Sache vor Gericht kommt und dort sauber aufgeklärt und bewertet wird. Man findet heutzutage für alles einen Gutachter, fürs Gegenteil auch. Die Mannheimer Strafkammer, die mit dem Fall voraussichtlich zu tun haben wird, gilt als ruhig und besonnen. Man darf also hoffen.
Moderator Türck verlor trotz Freispruchs seinen TV-Job: Ist auch Jörg Kachelmann beruflich vernichtet? Angenommen, er ist unschuldig: Wird ein Vergewaltigungsvorwurf von der Öffentlichkeit überhaupt vergessen?
Kachelmann hat sein Privatleben immer sehr diskret abgeschottet. Mit gutem Grund, wie man inzwischen weiss. Er gilt in der Öffentlichkeit inzwischen als einer, der den Menschen in seiner Umgebung alles Mögliche vormacht. Auch wenn es nicht strafbar ist, ein unseriöses Privatleben zu führen – als Gesicht auf dem Bildschirm ist Kachelmann wohl verbrannt. Von Türck heisst es noch immer: Ach, das ist doch der, der damals auf der Brücke über den Main in Frankfurt ... Daher wird auch der Vergewaltigungsvorwurf, egal wie die Sache endet, wohl so lange an Kachelmann kleben bleiben, bis er kein Thema mehr ist fürs Fernsehen.
Glauben Sie, dass moralische Fragen die Wahrnehmung der rechtlichen Überlegungen in der Öffentlichkeit überlagern? So nach dem Motto: Wer mehrere heimliche Geliebten gleichzeitig hat, dem ist alles zuzutrauen?
Die Öffentlichkeit ist natürlich schon wegen des Unterhaltungswerts an Fragen der Moral oder Unmoral von Prominenten interessiert. Gleichzeitig wirft der Fall Fragen auf, zum Beispiel, wie ein Mann, wenn er denn nichts Unrechtes getan hat, sich gegen solche Vorwürfe schützen kann. Und welche Genugtuung er bekommt, sollte es sich herausstellen, dass die Vorwürfe aus Rache, Wut oder Gekränktheit vorgebracht wurden. Was könnte Kachelmann gegen seine Ex-Freundin unternehmen, falls sie der Lüge überführt würde? Er ist längst ruiniert. Und sie? Ich kenne keinen Fall, in dem die Frau für den Schaden, den sie angerichtet hat, wirklich einstehen musste. Man wird sie eher noch bedauern, dass ihr nicht geglaubt wurde.
Der «Spiegel» schildert die beiden unterschiedlichen Versionen der Tatnacht in Bezug auf die Einvernahmeprotokolle wie folgt: Kachelmanns Version aus der bisher einzigen Einvernahme am 24. März: Er kommt abends um elf Uhr in Schwetzingen an. Simone W. und er haben am Nachmittag gechattet und den Termin nochmals bestätigt. Kachelmann klingelt, geht die Treppe hoch in die Wohnung der 37-Jährigen. Die Türe ist nur angelehnt, das übliche Verfahren, wie Kachelmann es nennt. Simone erwartet ihn: Es kommt sofort zum Sex zu einvernehmlichem Sex, wie Kachelmann immer wieder betont. Nur eines findet Kachelmann ungewöhnlich: Simone W. fragt ihn mehrmals, ob er sie liebe. Dann gehen sie auf die Couch: Essen Penne Bolognese und trinken Pino Grigio. Als sie fertig sind, konfrontiert Simone W. Kachelmann mit den Flugtickets von ihm und einer anderen Frau: Ob da etwas gelaufen sei, fragt Simone. Kachelmann gesteht, dass er mit der Frau zusammen war. Es geht eine halbe Stunde hin und her. Sie sagt, es sei zu Ende, das Vertrauen weg. Sie weinen, sie schweigen und dann geht er. Fährt ins Holiday Inn in Mörfeldern, nah am Frankfurter Flughafen. Am nächsten Tag fliegt er nach Olympia.
Der «Spiegel» schildert die beiden unterschiedlichen Versionen der Tatnacht in Bezug auf die Einvernahmeprotokolle wie folgt: Kachelmanns Version aus der bisher einzigen Einvernahme am 24. März: Er kommt abends um elf Uhr in Schwetzingen an. Simone W. und er haben am Nachmittag gechattet und den Termin nochmals bestätigt. Kachelmann klingelt, geht die Treppe hoch in die Wohnung der 37-Jährigen. Die Türe ist nur angelehnt, das übliche Verfahren, wie Kachelmann es nennt. Simone erwartet ihn: Es kommt sofort zum Sex zu einvernehmlichem Sex, wie Kachelmann immer wieder betont. Nur eines findet Kachelmann ungewöhnlich: Simone W. fragt ihn mehrmals, ob er sie liebe. Dann gehen sie auf die Couch: Essen Penne Bolognese und trinken Pino Grigio. Als sie fertig sind, konfrontiert Simone W. Kachelmann mit den Flugtickets von ihm und einer anderen Frau: Ob da etwas gelaufen sei, fragt Simone. Kachelmann gesteht, dass er mit der Frau zusammen war. Es geht eine halbe Stunde hin und her. Sie sagt, es sei zu Ende, das Vertrauen weg. Sie weinen, sie schweigen und dann geht er. Fährt ins Holiday Inn in Mörfeldern, nah am Frankfurter Flughafen. Am nächsten Tag fliegt er nach Olympia.
Der «Spiegel» schildert die beiden unterschiedlichen Versionen der Tatnacht in Bezug auf die Einvernahmeprotokolle wie folgt: Kachelmanns Version aus der bisher einzigen Einvernahme am 24. März: Er kommt abends um elf Uhr in Schwetzingen an. Simone W. und er haben am Nachmittag gechattet und den Termin nochmals bestätigt. Kachelmann klingelt, geht die Treppe hoch in die Wohnung der 37-Jährigen. Die Türe ist nur angelehnt, das übliche Verfahren, wie Kachelmann es nennt. Simone erwartet ihn: Es kommt sofort zum Sex zu einvernehmlichem Sex, wie Kachelmann immer wieder betont. Nur eines findet Kachelmann ungewöhnlich: Simone W. fragt ihn mehrmals, ob er sie liebe. Dann gehen sie auf die Couch: Essen Penne Bolognese und trinken Pino Grigio. Als sie fertig sind, konfrontiert Simone W. Kachelmann mit den Flugtickets von ihm und einer anderen Frau: Ob da etwas gelaufen sei, fragt Simone. Kachelmann gesteht, dass er mit der Frau zusammen war. Es geht eine halbe Stunde hin und her. Sie sagt, es sei zu Ende, das Vertrauen weg. Sie weinen, sie schweigen und dann geht er. Fährt ins Holiday Inn in Mörfeldern, nah am Frankfurter Flughafen. Am nächsten Tag fliegt er nach Olympia.
Die Version von Simone W. aus drei Einvernahmen: Nach dem Chat mit Kachelmann geht sie in die Stadt, kauft ein, als sie zurückkommt, liegt ein Brief im Briefkasten. Darin sind die Tickets und die Notiz «Er schläft mit ihr!» Sabine W. googelt den Namen der Frau, sie will mehr wissen. Um 23 Uhr kommt Kachelmann. Er klingelt, sie macht auf, sie küssen sich, aber Sex haben sie keinen. Er ist später dran als erwartet, deshalb essen sie erst mal. Danach konfrontiert sie ihn mit den Tickets: Stimmt das?, will sie wissen. Hast du mit ihr geschlafen? Er leugnet alles: Spricht von gefälschten Tickets, will die Lufthansa anrufen und möchte Zeit 24 Stunden. Sie aber bleibt hart. Schliesslich gesteht er: Manchmal lege sich bei ihm ein Schalter um, dann nimmt er sich Frauen für ein paar Wochen, ein paar Monate. Nur bei ihr sei es anders, sie habe er nicht benutzt. Sie will wissen, wie viele es waren. Kachelmann schweigt. Sie sagt, er solle gehen. Er aber bleibt sitzen, starrt sie an, sein Blick verändert sich, nur noch Hass, wie Simone W. sagt. Dann kommt es zur Vergewaltigung: Er geht in die Küche, nimmt sich ein Messer, packt sie an denen Haaren, legt ihr das Messer an den Hals und zerrt sie ins Schlafzimmer. Er kniet auf ihre Oberschenkel und dringt in sie ein. Als es vorbei ist, geht er ins Bad und verschwindet anschliessend. Er werde sie töten, lässt er sie wissen, falls sie einer Menschenseele davon erzählt. Gemäss «Focus» hat Sabine W. ausgesagt, sie habe ihre Tage gehabt und Kachelmann habe ihr den Tampon entfernt und sie dann vergewaltigt.
Haftprüfungstermin verschoben
Jörg Kachelmann muss weiter auf eine Entscheidung über ein Ende seiner Untersuchungshaft warten. Das Landgericht Mannheim teilte am Dienstag mit, die Strafkammer werde erst in der kommenden Woche über den Antrag von Kachelmanns Verteidigung auf Aufhebung des Haftbefehls entscheiden.
(AP)