«Wir werden uns nie einig, was Gerechtigkeit ist»

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Andreas Thiel zur DSI«Wir werden uns nie einig, was Gerechtigkeit ist»

Im Vorfeld zur Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative äussern sich in einer Serie prominente Schweizer zur Vorlage. Heute: Satiriker Andreas Thiel.

Martin Fischer
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Martin Fischer

20 Minuten hat verschiedenen Aushängeschildern der Schweizer Showszene dieselben sechs Fragen zur SVP-Initiative gestellt. In einer Serie bekunden sie hier in den nächsten Tagen ihre persönliche Meinung. Heute: Andreas Thiel (45). Der Satiriker exponiert sich immer wieder mit seinen Positionen – zuletzt sorgte seine Islamkritik in der «Weltwoche» für Schlagzeilen.

1. Andreas Thiel, wie denken Sie ganz allgemein über die Durchsetzungsinitiative?

Ich finde es als Satiriker sehr lustig, wenn aus dem Volk eine Initiative kommt, die von der Politik verlangt, eine Initiative umzusetzen, die das Volk bereits angenommen hat.

2. Was ist für Sie der Knackpunkt in dieser Vorlage?

Wer hat das letzte Wort? Die Richter? Der Bundesrat? Die EU? Die UNO? Oder eben doch das Volk?

3. Ihr Rat ans Schweizer Stimmvolk?

Jeder kann stimmen, was er will. In einer Demokratie geht es nicht darum, richtig oder falsch zu stimmen, sondern darum, trotz Differenzen den Frieden zu wahren, indem man abstimmt und dann das Resultat akzeptiert, egal wie es ausfällt.

4. Hat die Schweiz Probleme?

Einige scheinen vergessen zu haben, dass sich die Demokratie nicht dazu eignet, Gerechtigkeit zu schaffen. Die Demokratie ist vielmehr dazu da, Frieden zu wahren. Denn darüber, was Gerechtigkeit ist, werden wir uns nie einigen. Die Demokratie ist bloss ein Übereinkommen, Meinungsdifferenzen friedlich beizulegen und zwar mittels Abstimmung. Deswegen stehen Volksentscheide über der Meinung von Richtern und Politikern. Wer glaubt, so sehr im Recht zu sein, dass er Anderen seine Meinung aufzwingen darf, ist erst recht im Unrecht. Denn er stiftet nicht Gerechtigkeit, sondern gefährdet bloss den Frieden.

5. Tragen Sie als erfolgreicher und bekannter Satiriker eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit?

Nein, in der Demokratie hat jeder nur eine Stimme. Die Stimme des Strassenwischers gilt gleich viel wie die Stimme der Richterin, des Universitätsprofessors, der Bundesrätin oder des Kaminfegers. Das ist das Schöne an der Demokratie. Jeder kann von den Anderen denken, diese seien dumm, ungebildet, borniert, abgehoben, verblendet oder beeinflussbar – an der Urne hat trotzdem jeder bloss eine Stimme.

6. Was stimmen Sie am 28. Februar?

Da ich der Meinung bin, dass der Bundesrat bereits angenommene Initiativen umzusetzen hat, stimme ich Ja.

Morgen beantwortet Musiker und Komiker Semih Yavsaner alias Müslüm die gleichen Fragen.

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