Provider bremsen Nutzer aus

Aktualisiert

Long Term Evolution (LTE)Provider bremsen Nutzer aus

Heutzutage sind viele Handy-Surfer zu langsam unterwegs. Mobilfunknetze der vierten Generation können sie auf die Überholspur bringen. In anderen europäischen Ländern werden sie bald verfügbar sein. Hierzulande zögern Swisscom, Orange und Sunrise allerdings, den Datenturbo einzulegen.

Henning Steier
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Henning Steier

Kürzlich veröffentlichte die Gobal mobile Suppliers Association (GSA) eine Studie, laut der 42 Netzbetreiber in 21 Ländern erklärt haben, den UMTS-Nachfolger Long Term Evolution (LTE) in ihren Märkten einzuführen. Der neue Mobilfunkstandard soll Übertragungsraten von bis zu 100 Mbit/S bieten und damit Handy-Surfen in rasanter Geschwindigkeit ermöglichen. Auch als Alternative zum klassischen DSL-Anschluss könnte die Technologie taugen. Wer allerdings das sechsseitige Dokument des Verbandes der Hersteller von Mobilfunknetzwerktechnik durchstöbert, sucht Schweizer Provider vergebens unter jenen, welche den Start neuer Netze im nächsten Jahr in Aussicht stellen.

Hersteller wie Nokia, Samsung, LG und Research in Motion (RIM) haben LTE-fähige Handys fürs nächste Jahr angekündigt. Erich Zielinski, der für Alcatel-Lucent an LTE arbeitet, sagte gegenüber faz.net voraus: «Zunächst wird LTE wohl in Form von USB-Surfsticks für Notebooks auftauchen. Die Handys kommen später.» Alcatel-Lucent ist Teil eines Projekts namens «ng Connect Program», welches das LTE-Surfen auch ins Auto bringen möchte. Wie das Ganze aussehen könnte, zeigt das obige Video.

Zumindest für Schweden hat Zielinski mit seiner Prognose recht. Denn wie Ericsson unlängst bekannt gab, hat man Tests im Netz des Ausrüsters gemacht, bei denen sich ein LTE-Modem von Samsung als kompatibel erwies. Damit ist der Weg frei für die Integration der Technologie in USB-Sticks, die 2010 das schnelle Notebook-Surfen in Stockholm und Oslo möglich machen sollen.

500 Millionen Franken für das heutige Netz

Wie 20 Minuten Online Ende April berichtete, konnte Zürich die skandinavischen Städte laut einer Studie der Personalberatung Mercer in punkto Lebensqualität klar auf die Plätze verweisen. Ergebnis der Untersuchung war aber auch, dass in Bezug auf die Vekehrs- und Kommunikationsverbindungen keine Schweizer Stadt unter den Top 5 Europas zu finden war. Daran dürfte sich vorerst nichts ändern. Denn die Provider hierzulande gaben sich gegenüber 20 Minuten Online zum Thema LTE zögerlich. So sagte beispielsweise Sunrise-Sprecher Hugo Wyler: «Wir beabsichtigen derzeit nicht, unser Mobilfunknetz auf 4G umzurüsten. Dazu besteht bei uns noch kein Kapazitätsbedarf und wir sind dabei, unser UMTS-Netz weiter auszubauen.» Allein in den nächsten drei Jahren werde das Unternehmen 500 Millionen Franken investieren. «Aufgrund der Marktdominanz der Swisscom im Mobilfunkbereich müssen wir dieselben Kosten auf dreimal weniger Kunden verteilen. Der Wettbewerb funktioniert also nicht so, dass wir als privater Anbieter noch einmal enorme Summen in eine komplett neue Mobilfunkgeneration investieren können», so Wyler weiter.

Der Sunrise-Sprecher merkte an, dass es heute im Mobilfunk drei mehr oder weniger gleichwertige Netzinfrastrukturen in der Schweiz gebe. «Der Infrastrukturwettbewerb hatte den Vorteil, dass die Schweiz innert kurzer Zeit über eine im internationalen Vergleich hervorragende Abdeckung verfügte. Wir brauchen nun keinen wiederholten Infrastrukturwettbewerb, sondern einen Wettbewerb bei Technologie und Services. Bei Masten und Antennen braucht es ein Modell, bei dem die Anbieter viel mehr gemeinsam erbringen als reines Site Sharing. Damit stünden mehr Mittel für Dienstewettbewerb und Preissenkungen zur Verfügung. Der Bund als Eigner der Swisscom ist hier in einem Dilemma, weil er einerseits den Wettbewerb herstellen muss, andererseits riskiert, dass die Gewinne der Swisscom sinken», sagte Wyler.

Netzkapazitäten noch nicht ausgeschöpft

Auch Orange wartet ab. Eine punktuelle Einführung in der Schweiz ist ab 2011 denkbar. Es ist aber noch zu früh, um von konkreten Rollout-Plänen zu sprechen, zumal auch die Lizenzen noch nicht vergeben wurden. Ausserdem sind die heute vorhandenen Kapazitäten und Geschwindigkeiten (7,2 Mbit/S) beim mobilen Breitband mehr als ausreichend, sagte Sprecherin Therese Wenger gegenüber 20 Minuten Online. Insbesondere Anbieter wie Orange, die weniger Kunden haben als die Ex-Monopolistin, seien in der guten Situation, dass ihre Netzkapazitäten noch nicht ausgeschöpft sind. «Da LTE wie auch HSPA mobile Breitbandtechnologien sind, bei denen die Nutzer sich die Kapazitäten innerhalb einer Mobilfunkzelle teilen, wird Orange auch bei einer weiteren Zunahme der nachgefragten Datenvolumen deutlich weniger schnell an Kapazitätsengpässe stossen als die Ex-Monopolistin Swisscom, bei der sich sehr viele Kunden die verfügbaren und limitierten Bandbreiten teilen müssen», so Wenger weiter.

Wenger und Wyler bestätigten, dass Orange und Sunrise dennoch weiter darüber verhandeln. Teile ihrer Netze zusammenzulegen. Es gebe aber bislang keine derartige Absichtserklärung, hiess es übereinstimmend. «Die Swisscom hat immer noch 60 Prozent Markanteil. In welchem Land verfügt ein Ex-Monopolist noch über eine derart hohe Marktdominanz im Mobilfunkmarkt? Es gibt also gute Gründe für eine Zusammenarbeit mit Orange. Es könnten jährlich zweistellige Millionenbeträge und je nach Modell etwa 2000 Antennen eingespart werden», sagte Sunrise-Sprecher Hugo Wyler.

Swisscom setzt auf Technologiemix

Auch der Marktführer will beim Aufbau eines LTE-Netzes nichts überstürzen: «Wir gehen davon aus, dass es einen Technologiemix geben wird. Swisscom konzentriert sich derzeit auf den Ausbau von HSPA+. Die Leistung von HSPA+ ist noch lange nicht ausgereizt und lässt Spielraum, um die Übertragungskapazität erheblich zu erhöhen. Mit einer ersten Generation von HSPA+ werden Bandbreiten von 21 und 28 Mbit/S möglich. Swisscom hat den Ausbau von HSPA+ in Genf gestartet, pünktlich zur ITU Telecom 09. Der nächste Technologieschritt ist HSPA+ mit bis zu 42 Mbit/S», sagte Sprecher Olaf Schulze zu 20 Minuten Online und ergänzte: «Wir sind in Kontakt mit verschiedenen Lieferanten sowie dem Regulator, um Klarheit über Frequenzen und Testlizenzen zu erhalten.»

Peter Bär, Sekretär der Eidgenössischen Kommunikationskommission ComCom, legte dem Aufbau eines LTE-Netzes im Gespräch mit 20 Minuten Online keine Steine in den Weg: «Im Frühjahr 2009 wurden die GSM-Konzessionen bis Ende 2013 erneuert. Neu sind die Konzessionen bezüglich Technologie offen formuliert. Die Betreiber können selbst bestimmen, welche Technologie sie nutzen wollen. Ist LTE in Europa standardisiert und die Kompatibilität zu GSM und UMTS sichergestellt, dann kann LTE auch in der Schweiz eingesetzt werden. Bezüglich der Neuvergabe von Mobilfunkfrequenzen für die Zeit nach 2013 hatte die ComCom im Frühsommer eine öffentliche Konsultation durchgeführt. Die ComCom wird entscheiden, wie die Vergabe ablaufen soll.» Die Schweiz sei mit Vertretern des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM) in den europäischen Standardisierungsgremien präsent und übernehme deren Vorgaben.

Befürchtungen, dass ein Mobilfunknetz der vierten Generation die Diskussion um strahlende Handy-Masten neu entfachen könnte, trat Bär entschieden entgegen: «Hierzulande liegen die Strahlungsgrenzwerte eines Handy-Masts zehnmal tiefer als im benachbarten Ausland. Der Anlagegrenzwert liegt bei 5 V/m. Aufgrund der noch jungen Mobilfunktechnologie kam hier der Grundsatz des vorsorglichen Bevölkerungsschutzes zu Anwendung, wie er im Umweltschutzgesetz vorgesehen ist. Der Bundesrat wollte 1999 sicher gehen, dass die Bevölkerung in jedem Fall ausreichend geschützt ist.»

Long Term Evolution (LTE)

Fernsehen im Auto, Online-Gaming in Echtzeit und Downloads mit anfänglich 100 und später bis zu 300 MBit/S: Was heutige UMTS-Netze nicht ermöglichen, soll 4G-Technologie bieten. Die Daten werden dabei übers Internet Protocol (IP) übertragen. Zwar können auch die UMTS-Beschleuniger HSPA und HSPA+ für schnelles Surfen sorgen. Sind aber viele Surfer im Netz, sinken die Übertragungsraten stark ab. Ausserdem hat LTE mit durchschnittlich weniger als 30 Millisekunden deutlich

geringere Latenzzeiten als heutige UMTS-Technologie, was beispielsweise für Videotelefonie wichtig ist.

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