Nationalratswahlen«Alle redeten vom Wählen – ich durfte nicht mittun»
Sibel Arslan hat es geschafft. Die 35-Jährige mit türkischen Wurzeln hat einen Sitz im Nationalrat erobert. Ihre Antrittsrede würde sie am liebsten auf Rätoromanisch halten.
Frau Arslan, Sie haben sich kurz vor diesem Gespräch für eine dreiminütige Verspätung entschuldigt. Sind Sie vielleicht schweizerischer, als Sie wollen?
(Lacht) Ja, ich denke in gewissen Dingen bin ich sehr schweizerisch. In der Türkei würde wohl niemand wegen so einer kleinen Verspätung anrufen.
Ihre Wahl gilt als überraschend. Auch für Sie?
Ich habe gespürt, dass es möglich ist. Ich war im Rahmen meines Wahlkampfes im Bundeshaus und habe mich auch mental darauf vorbereitet. Ich wollte wirklich nach Bern und bin nun sehr glücklich und freue mich, dass es geklappt hat.
Wären Sie nicht Nationalrätin geworden, hätte mit Mustafa Atici ein anderer Kandidat mit türkischen Wurzeln den Sitz bekommen. Wollte Basel auf jeden Fall ein Zeichen setzen?
Basel tickt auf jeden Fall anders. Hier machen sich die Leute ihre Meinung durch persönliche Begegnungen und nicht durch mediale Berichterstattung.
Sie treffen in Bern auf eine breite SVP-Front. Fürchten Sie sich vor persönlichen Attacken?
Nein. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit und will mich im rot-grünen Lager so stark wie möglich engagieren.
Keine Eröffnungsansprache auf Türkisch von Ihnen?
Nein, das wird es nicht geben. Allerdings würde ich sie gerne auf Rätoromanisch halten. Aber leider kann ich die Sprache nicht (lacht).
Sie wurden persönlich unterstützt vom deutschen Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, der 1994 ebenfalls der erste türkischstämmige Politiker in Deutschland war. Was bedeutete Ihnen das?
Für mich war seine Unterstützung sehr wichtig und ich denke, dass ich dadurch auch ein paar Wählerstimmen dazugewinnen konnte. Dass es in der Schweiz länger gedauert hat, bis Migranten ins Parlament gewählt wurden, ist schade. Aber wir hinken Deutschland immer wieder hinterher.
Sie kamen mit elf Jahren in die Schweiz, wurden mit 24 eingebürgert. Wann und warum haben Sie begonnen, sich für die Schweizer Politik zu interessieren?
Das war während meiner Zeit im Gymnasium. Alle anderen bekamen ein Stimmcouvert und redeten über die Wahlen und Abstimmungen und ich durfte nicht mittun. Das hat mich sehr geprägt.
Inwiefern?
Die Schweizer Einbürgerung ist ein langes und teures Prozedere. Es ist ein Misstrauensvotum den Migranten gegenüber. Es wird von ihnen erwartet, dass sie sich anpassen und partizipieren. Aber man sollte ihnen diese Chance auch ermöglichen.
Bald beginnt die Arbeit als Nationalrätin, welches sind Ihre Hauptanliegen in Bern?
Es ist schwierig, mich jetzt schon dazu zu äussern. Aktuell würde ich mich auf die Asylpolitik und das neue Nachrichtendienst-Gesetz konzentrieren. In manchen Fällen muss man den Bürger auch vor dem Staat schützen.
Haben Sie einen Kommissionswunsch?
Die aussenpolitische oder staatspolitische Kommission würden mich sehr interessieren. Vor allem die Themen Völker-, Europa- und Menschenrecht. Ich werde mich aber überall ganz einbringen, egal in welchen Kommissionen ich Einsitz nehmen werde.