«Haus#99»Vor der Abrissbirne kommt die Kunst
Benedikt Wyss und Demian Wohler wollen ein letztes Kapitel der Geschichte eines ausgedienten Hauses an der Neuweilerstrasse schreiben. Es soll zum Atelier werden.
Seit November steht das unscheinbare Haus an der Neuweilerstrasse 99 in Basel leer. Es soll abgerissen werden und einem Neubau weichen, der das Dörfliche aus dem Quartier verbannen soll. Doch vor der Abrissbirne kommt die Kunst. Zwölf Künstler aus aller Welt werden während drei Wochen im «Haus#99» wohnen und dort zusammen ein organisches Gesamtwerk entstehen lassen. «Sie bringen nichts mit und leben und arbeiten dort. Es wird alles vor Ort geschaffen», so Kurator Benedikt Wyss. Was zuerst als Herberge für Künstler während der Art Basel geplant war, wird nun selber zum öffentlichen Kunstraum.
Vieles ist aber noch offen. Das Haus ist eine Leinwand, die den Künstlern für das kooperative Projekt zur Verfügung gestellt werden soll. Sie ziehen am Montag ein und sollen sich während einer Woche entfalten können. Dabei soll ihnen nichts im Weg stehen: «Wände können eingerissen und Böden durchbrochen werden», erklärt der zweite Kurator des Projekts, Demian Wohler. Ab dem 7. Juni ist das Experiment dann für alle komplett zugänglich. Die Besucher können mit den Künstlern und den Kuratoren reden und ihnen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Sie sollen sich nicht alleingelassen fühlen, wie das bei zeitgenössischer Kunst oft der Fall sei.
Offenes Projekt
Das Kunstkollektiv Deli Projects, das von Wyss, Philippe Karrer und Jenny Baumat ins Leben gerufen wurde, spezialisiert sich auf nomadische, ortsbezogene Kunst, die kooperativ und interdisziplinär geschaffen wird. Es fungiert bei dem Projekt als Co-Kurator und nimmt sich während der Art Basel auch das Kleinbasler Café Hammer im Rahmen der Aktion Hammer vor, das mit zwei New Yorker Künstlern umgestaltet wird.
«Was im ‹Haus#99› passieren wird, ist noch völlig offen», sagt Wyss. Denn die Künstler hätten sich noch nie getroffen. Sie seien ausgesucht worden, weil man sie für dieses partizipative Konzept als spannend erachte. «Einerseits ist die Freiheit für sie sehr interessant. Andererseits müssen sie einiges aufgeben – zum Beispiel ihre Privatsphäre», erklärt er. Denn während der Open-House-Phase wird den Besuchern Einsicht in jeden Winkel des Hauses gewährt.
«Das Haus entwickelt sich in den drei Wochen stetig weiter», so Wohler. Und am Ende wird es dem Erdboden gleichgemacht und mit ihm alle strukturellen Veränderungen. «Uns interessiert, was es bedeutet, gemeinsam etwas entstehen zu lassen, das sich endlos ausbreitet, bis es wieder verschwindet. Wenn man sich darin verlieren kann, als Künstler und als Besucher, dann ist es gut», erklärt er.