Primark«Solche Preise fördern die Wegwerfkultur»
Berner Studenten wollen den Kleiderladen Primark in die Schweiz holen. Doch NGOs kritisieren deren Ultra-billig-Politik scharf: Die Kleider entstünden unter unmenschlichen Bedingungen.
Primark gehört zu den beliebtesten Kleiderläden von Europa. «Vor allem bei Teenagern ist der Billigst-Discounter der absolute Hit», sagt Modeexperte Jeroen van Roojen. Sie hätten wenig Geld und könnten sich dort austoben. Vier Studenten aus Bern versuchen nun, mit Hilfe einer wachsenden Facebook-Community eine Filiale in die Schweiz zu holen.
Doch so angesagt die Firma bei shoppingfreudigen Teenagern ist, so verpönt ist sie bei Menschenrechtsorganisationen.
11 Stunden täglich, 6 Tage die Woche, 30 Euro im Monat
Laut einer Reportage des Fernsehsenders ZDF, sind die Arbeitsbedingungen der Näherinnen in den Fabriken in Bangladesh - wo der grösste Teil des Primark-Sortiments hergestellt wird - unmenschlich. Gearbeitet werde dort 11 Stunden täglich, sechs Tage die Woche zu einem Lohn von rund 30 Euro im Monat. Und: Viele dieser Textilfabriken befinden sich gemäss ZDF in illegal aufgestockten und instabilen Gebäuden. Erst im April stürzte ein achtstöckiges Gebäude in Savar nahe der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka in sich zusammen und forderte 1133 Tote und 2438 Verletzte. Auch Primark liess in dieser Fabrik produzieren.Vor rund einer Woche ist in einer anderen Textilfabrik ein Feuer ausgebrochen: Acht Menschen starben.
Oliver Classen, Sprecher der Erklärung von Bern (EvB), welche die globale Clean Clothes Campaign in der Schweiz vertritt, sagt: «Wer einen Ultrabilligdiscounter wie Primark in die Schweiz holen will, um dort dann Powershoppen zu gehen, hat entweder keine Ahnung von den Arbeitsbedingungen in asiatischen Kleiderfabriken oder ist erschreckend gleichgültig.» Das Gleiche gelte für die Lehrperson, die die Projektarbeit der Berner Studenten abgesegnet habe. «Mit solchen Dumpingpreisen fördert man ausserdem die Wegwerfkultur.»
Der perverse Gipfel der heutigen Mentalität
Doch auch für Classen ist der Reiz der Primark-Prinzips klar: «Das ist der perverse Gipfel der heutigen ‹Immer-mehr-und-immer-billiger-Mentalität›.» Zielpublikum seien Jugendliche - «Fashion Victims» - die über die eigentlichen Modeopfer in Bangladesh entweder nichts wissen oder nichts wissen wollten.
Bei Amnesty International Schweiz ist man derselben Meinung: «Wir prangern die Ausbeutung von Arbeitskräften in Billiglohnländern immer wieder an und setzen uns für faire und menschenwürdige Arbeitsbedingungen weltweit ein», so Specherin Alexandra Karle. Sie arbeiteten in der Menschenrechtsbildung hier in der Schweiz darauf hin, dass jeder Einzelne über Mitverantwortung nachdenke. «Konkret bedeutet das, dass sich Konsumenten die Frage stellen, wie es sein kann, dass Kleidungsstücke zu Dumping-Preisen verkauft werden können.»
Primark hat auf die internationale Kritik reagiert und schreibt auf ihrer Internetseite: «Unser Verhaltenskodex schreibt die Grundsätze fest, die Lieferanten und Fabriken einhalten müssen, um zu gewährleisten, dass die Produkte unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt werden und dass die Menschen, die sie herstellen, ordentlich behandelt und angemessen bezahlt werden.»
Primark: Facts and Figures
Primark ist mit seinem Konzept sehr erfolgreich. Dass er seine Kleider zu Dumpingpreisen verkaufen kann, begründet der irische Textil-Discounter auf seiner Homepage so: «Bei den Herstellern kaufen wir günstig ein, bestellen in grossen Mengen und machen viel Umsatz, haben eine günstige Organisation und verzichten auf Werbung.» Gegen Kritik wehrt sich Primark mit dem Hinweis auf das Engagement für faire Arbeitsbedingungen in den Fabriken und für den Umweltschutz.
Primark betreibt mit rund 40.000 Mitarbeitern mehrere Hundert Filialen in Irland, in den Niederlanden, Spanien, Portugal, Deutschland, Belgien und in Großbritannien.