Wohnungsmangel«Wir wollen nicht in der Bibliothek übernachten»
Studieren und auch Wohnen in der Länggasse bleibt für viele Studenten nur ein Traum. Denn Wohnraum nahe der Uni ist knapp und kaum bezahlbar.
Mitten auf dem Trottoir vor der Hallerstrasse 5 steht eine in die Jahre gekommene Wohnzimmergarnitur. Doch an der Hallerstrasse wird am Dienstagmittag nicht entrümpelt: Es handelt sich um eine Aktion der SP Länggasse-Felsenau unter dem Motto «Studieren und Wohnen in der Länggasse: Wir wollen nicht in der Bibliothek übernachten.»
«Mit der Aktion wollen wir das Problem des knappen Wohnraums in der Länggasse sichtbar machen», erklärt Nationalratskandidatin Ursula Marti (SP). Wie eine Statisktik der Stadt Bern zeigt, standen am 1. Juni 2015 in der Länggasse nur 34 Wohnungen frei (siehe Infobox).
«Balance zwischen Uni und Wohnraum finden»
Dies soll sich in den kommenden Jahren ändern, verlangt die SP. Die Partei erinnert deshalb daran, dass der Kanton Bern die ehemaligen SBB-Gebäude an der Mittelstrasse 43 und an der Hochschulstrasse 6 kaufte, um dort verschiedene universitäre Einrichtungen zusammen zu führen. Somit könnte die Uni zehn Mietobjekte, die hauptsächlich in der Länggasse liegen, freigeben. «Wir fordern, dass sich die Uni die betroffenen Gebäude als Wohnraum zur Verfügung stellt», sagt Marti.
Bei der Uni Bern heisst es dazu auf Anfrage: «Ob die bisher gemieteten Büroflächen in Wohnungen umgewandelt werden, müssen die Eigentümer entscheiden. Dabei haben sie sich an den geltenden Nutzungszonenplan der Stadt Bern zu halten. Die Universität hat hier keinen Einfluss.»
Zimmer in Länggasse rund 200 Franken teurer
Besonders schwierig ist die Wohnungssuche für Studenten: Weil normale WG-Zimmer in der Länggasse oft zu teuer sind, weichen sie in günstigere Quartiere aus. «Ich werde demnächst nach Ausserholligen ziehen, weil die Mieten dort günstiger sind. In der Länggasse würde ich für ein Zimmer etwa 200 Franken mehr bezahlen», erzählt eine 22-jährige Studentin der Sozialen Arbeit. Zwei ihrer Studienkolleginnen pendeln von Flamatt und Bützberg nach Bern: «Ein Zimmer in Bern können wir uns nicht leisten, daher wohnen wir bei unseren Eltern.»
Der Englischstudent Jan Schneider (23) hingegen hatte Glück: Er wohnt nahe der Welle und bezahlt samt Nebenkosten nur 500 Franken. «Das WG-Zimmer habe ich durch Beziehungen bekommen», erzählt Schneider. Er kenne jedoch Freunde an der Mittelstrasse, die einiges mehr für ein Zimmer hinblättern müssten. Daher sei sein Zimmer heissbegehrt: «Ich würde gerne nach Zürich ziehen und habe bereits vier Interessenten, die mein Zimmer sofort übernehmen würden», so Schneider.
Vergünstigte Zimmer waren im Nu weg
Weitere Wohnmöglichkeit für Studenten bieten die Wohnheime und Wohnungen des Vereins Berner Studentenlogierhaus (VBSL), bei welchem sich auch die Universität engagiert. Der Verein bietet Zimmer und Wohnungen mit möglichst tiefem Mietzins für bis zu 700 Personen an. «Insbesondere die Wohnungen im Umkreis der Uni sind sehr gefragt», sagt VBSL-Präsident Juerg Stucki.
In diesem Jahr gingen alle Zimmer wieder weg wie heisse Weggli: «Kurz vor Semesterbeginn hatten wir 100 Studenten auf unserer Warteliste. Viele Studenten haben sich aufgrund der Ausbuchung erst gar nicht bei uns angemeldet.» Das Angebot wird nun ausgebaut, wie Stucki freudig erzählt: «Bis 2020 werden wir für die Studenten 300 neue vergünstigte Plätze schaffen.»
Nur 314 leere Wohnungen in der Stadt Bern
Gemäss einer Statistik der Stadt Bern standen am 1. Juni 2015 in Bern 314 Wohnungen leer, von denen 51 Objekte bereits auf einen späteren Zeitpunkt vergeben waren. Dies entspricht einer Leerwohnungsziffer von 0.41 Prozent (Anteil der Leerwohnungen am Gesamtbestand). Somit hat die Zahl der leer stehenden Wohnungen in Bern weiter abgenommen: Im Vorjahr standen noch 372 Wohnungen leer. Bei den meisten leerstehenden Wohnungen handelt es sich um Dreizimmerwohnungen. Die Stadtteile Bümpliz-Oberbottigen und Mattenhof-Weissenbühl verzeichnen mit 99 bzw. 69 Wohnungen am meisten Leerwohnungen. Am wenigsten Leerwohnungen befinden sich in den Stadtteilen Länggasse-Felsenau und Innere Stadt mit 34 bzw. 24 Wohnungen. Hauptsächlicher Grund für den Leerstand ist in 51,6 Prozent der Fällen der Wegzug der Vormieter, 43,6 Prozent stehen nach einer Renovation leer.