Schweiz hinkt Skandinavien hinterher

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Erneuerbare EnergienSchweiz hinkt Skandinavien hinterher

Norwegen und Schweden decken über die Hälfte ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen. Die Schweiz ist im europäischen Vergleich im Mittelfeld platziert.

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Bis 2020 will die EU den durchschnittlichen Anteil an erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch auf 20 Prozent erhöhen. Diesen Wert erreicht die Schweiz schon heute mit 21,1 Prozent – im Vergleich zu den europäischen Spitzenreitern liegt sie damit jedoch nur im Mittelfeld. Warum die Skandinavier so hohe Anteile erzielen, erklärt Rolf Wüstenhagen, Professor für Erneuerbare Energien und Energie-Management an der Universität St. Gallen.

«Schweiz müsste sich ehrgeizigere Ziele setzen»

Herr Wüstenhagen, an der Spitze des Rankings stehen Länder wie Schweden oder Norwegen. Warum?

Diese Länder nutzen ihre geografischen Vorteile sehr gut aus: Norwegen etwa erzeugt fast 100 Prozent seines Strombedarfs durch Wasserkraft. Gleichzeitig fördern die Norweger Elektroautos durch Steuergutschriften – das führt dazu, dass 2014 bereits 17 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge elektrisch angetrieben wurden. Während die dicht besiedelte Schweiz immerhin 56 Prozent des Stroms aus Wasserkraft bezieht, ist der Verkehr fast zu 100 Prozent von nicht erneuerbaren Energien abhängig.

Am unteren Ende der Skala rangiert Luxemburg. Wie erklären Sie sich das?

Im Kleinstaat Luxemburg werden die Nachteile, die auch in der Schweiz spürbar sind, nochmals verstärkt: viel Verkehr durch wohlhabende Einwohner mit grossen, schweren Fahrzeugen und gleichzeitig wenig Fläche zur Produktion von erneuerbaren Energien wie etwa Solarstrom.

Auch wirtschaftlich weniger entwickelte Staaten wie Lettland erreichen einen Anteil von über 35 Prozent. Wie ist das möglich?

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten für ein Land, den Anteil an erneuerbaren Energien zu erhöhen: diese vermehrt selbst zu produzieren oder insgesamt weniger Energie zu verbrauchen. In Lettland kommt beides zusammen. Einerseits gibt es viel Wasserkraft, und als waldreiches Land wird viel Holz für Strom- und Wärmeerzeugung genutzt. Andererseits ist der Pro-Kopf-Energieverbrauch rund ein Drittel tiefer als in der Schweiz. Das führt dazu, dass Lettland eine gute Gesamtbilanz erreicht.

Wo kann die Schweiz noch aufholen?

Im Bereich des Verkehrs wäre ein ähnliches Modell zur Förderung der Elektrofahrzeuge wie in Norwegen denkbar. Dort wird der Umstieg auf Elektroautos über steuerliche Anreize gefördert, die den Preisunterschied zwischen Benzin- und Elektroautos aufheben. Neben dem Verkehr hat die Schweiz im Bereich erneuerbare Energien gute Voraussetzungen für Sonne, Wind und Wasserkraft. Aufgrund unseres Potenzials könnten wir uns ehrgeizigere Ziele setzen. Die Skandinavier zeigen, was möglich wäre.

Nehmen wir die Solarenergie: Trotz Subventionen ist ihr Anteil am Energiemix in der Schweiz noch verschwindend klein.

Solarstrom deckt heute erst zwei Prozent des Schweizer Strombedarfs, während es zum Beispiel in Italien schon acht Prozent sind. Trotzdem haben die Anreize etwas bewirkt, die Wachstumsraten sind beachtlich und es stehen noch mehr als 35'000 Projekte in der Warteschleife und warten auf Förderung. Der Wille, in die Erneuerbaren zu investieren, ist also da. Würde man all die heute blockierten Solar-, Wind- und Wasserkraft-Projekte realisieren, könnten diese bereits rund die Hälfte des Atomstroms kompensieren.

Bis 2020 sollen in der EU 20 Prozent der Energie aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Ist das realistisch?

Grundsätzlich schon. Solche Vorgaben üben ja auch immer einen gewissen Druck aus, der in den letzten Jahren auch bei Ländern, die sich sonst nicht durch die gezielte Förderung der Erneuerbaren hervorgetan haben, seine Wirkung zeigte. Trotzdem haben viele Länder immer noch grosses Potenzial: In Frankreich etwa könnte mit Wind- und Solarenergie noch viel herausgeholt werden. Und auch in Südeuropa gäbe es noch viel zu tun. Dort fehlt jedoch zurzeit das Kapital, den Erneuerbaren den nötigen Schub zu verleihen.

Wie sehen Sie den Energiezukunft in 20 Jahren?

Ich denke, dass längerfristig der diversifizierte Einsatz von erneuerbaren Energien den Grossteil des Energiebedarfs in Europa decken kann. Die grösste Dynamik liegt – übrigens auch weltweit – bei Solar- und Windenergie, zusammen mit der Wasserkraft werden Sie in den nächsten Jahrzehnten eine wesentliche Rolle spielen. Biomasse kann einen ergänzenden Beitrag leisten, die Geothermie und andere Technologien wie zum Beispiel Wellenenergie haben hingegen noch nicht die Marktreife erlangt.

Welches EU-Land seine Ziele schon erreicht hat und wer noch aufholen muss, zeigt die folgende Grafik.

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