Plagiat-Paradies«An Schweizer Unis fälscht man einfacher»
Die meisten Schweizer Unis führen nur in Verdachtsfällen Plagiat-Kontrollen durch. Ein Experte fordert, dass grundsätzlich jede schriftliche Arbeit untersucht wird.
Prominente Plagiatsfälle gab es in den letzten Jahren einige: Allen voran die Affäre um den deutschen Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg. Doch auch Schweizer Politiker kriegten ihr Fett weg – so zum Beispiel FDP-Nationalrätin Doris Fiala, deren Mastertitel 2013 wegen plagiierter Inhalte in der Abschlussarbeit aberkannt wurde.
Neben prominenten Beispielen gibt es auch weniger bekannte Fälle. In der Schweiz werden jährlich mehrere Plagiate gemeldet. Das belegt eine Umfrage bei den Universitäten in St. Gallen, Basel, Bern, Luzern und Freiburg sowie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Zudem zeigt sich: Obwohl das Problem bekannt ist, wird nur spärlich kontrolliert.
Unis kontrollieren nicht alle Arbeiten
Zwar besitzen heutzutage alle befragten Hochschulen eine Zitaterkennungs-Software, diese wird aber bloss selektiv eingesetzt. Nur die Universität St. Gallen gibt an, Abschlussarbeiten rigoros zu prüfen: «Seit 2007 setzt die Universität St. Gallen HSG eine Plagiatssoftware für sämtliche Bachelor- und Master-Arbeiten, seit 2010 für sämtliche Dissertationen ein», so Sprecher Marius Hasenböhler.
An der Uni Fribourg wird laut Rektorin Astrid Epiney «je nach Fakultät bei Verdacht eine Plagiatssoftware verwendet». Ähnlich tönt es aus Luzern. Uni-Sprecher Lukas Portmann: «Wir setzen im Verdachtsfall eine Software ein.» Vergleicht man die Vorgehen der verschiedenen Hochschulen, zeigt sich: Der Umgang mit Plagiaten gestaltet sich überall ähnlich. Die Kontrolle obliegt den jeweiligen Fakultäten beziehungsweise Departementen, welche in verschiedenem Ausmass auf Plagiate prüfen. Eine einheitliche, flächendeckende Regelung gibt es nicht.
Die Schweiz, ein Paradies für Plagiatoren?
Der österreichische Plagiatsexperte Stefan Weber kann das nicht verstehen: «Eine routinemässige Plagiatskontrolle sollte heute so normal sein wie eine Rechtschreibprüfung. Davon sind wir aber noch meilenweit entfernt. Deshalb muss man Bewusstseinsbildung betreiben und auf die Dimension des Problems hinweisen.» Laut Weber sollten grundsätzlich alle schriftlichen Arbeiten untersucht werden – ab dem ersten Semester. Dazu empfiehlt er den flächendeckenden Einsatz einer Software. So könne verhindert werden, dass Plagiatoren bei einer Kontrolle durch die Maschen gehen.
«Überall, wo weder manuell noch mit Software kontrolliert wird, entstehen Paradiese für Plagiatoren», so Weber. «Ich kann mir deshalb durchaus vorstellen, dass es in der Schweiz noch einfacher ist zu plagiieren als anderswo.» Seines Erachtens fehlt hierzulande weitgehend das Bewusstsein für die Problematik. Ein Indiz dafür: «Aus Österreich und Deutschland erhalte ich laufend Anfragen bezüglich Beratung und Vorträgen – aus der Schweiz aber so gut wie keine.»
Keine Anpassung in Sicht
Für eine allfällige Anpassung der bisherigen Regelung sehen Schweizer Unis keinen Bedarf. «Das System hat sich nach den bisherigen Erfahrungen bewährt. Die Anzahl Plagiatsfälle war in den letzten Jahren in etwa konstant und die Universität unternimmt die nötigen Anstrengungen, um einen Anstieg zu verhindern», so Julia Gnägi, Sprecherin der Uni Bern. Auch an der Uni Freiburg seien die bisherigen Vorkehrungen gut geeignet, um das Problem anzugehen. Astrid Epiney meint: «Unsere Studenten sind sensibilisiert, Verfahren und Sanktionen sind klar.»