«Das Vogelsterben ist bei uns eher noch schlimmer»

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Pestizide und Insektensterben«Das Vogelsterben ist bei uns eher noch schlimmer»

Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach sieht einen Zusammenhang zwischen dem Insekten- und dem Vogelsterben. Letzteres setze sich ungebremst fort.

Sandro Büchler
von
Sandro Büchler
Der Grauspecht lebt im Wald. Aber auch er ist gefährdet.
Die Feldlerche ist in der Schweiz bedroht.
Der Lebensraum des Braunkehlchens sind Wiesen. Intensive Landwirtschaft bedroht den Vogel.
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Der Grauspecht lebt im Wald. Aber auch er ist gefährdet.

von Boschfoto (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Neuste Studien lassen die Alarmglocken läuten: In Frankreich sind die Vogelbestände demnach innert 15 Jahren um ein Drittel gesunken. Auch in der Schweiz sind die wichtigsten Vogelarten des Kulturlandes seit 1990 um 30 Prozent zurückgegangen. Allein im Kanton Zürich sind laut einer aktuellen Vogelzählung von BirdLife Schweiz und dem Kanton Zürich in den letzten Jahren 150'000 Brutvögel verschwunden.

Herr Kestenholz, wie steht es um die Vögel in der Schweiz?

Es sieht eher noch schlechter aus als im europäischen Umland. Die negative Entwicklung setzt sich ungebremst fort. Bereits dezimierte Vogelarten hatten in den letzten 20 Jahren weitere dramatische Einbrüche zu beklagen. Die Vogelwelt ist ein Abbild des menschlichen Einflusses auf die Umwelt. Am schlimmsten ist es im Kulturland. Dagegen haben sich die Vogelbestände im Wald recht erfreulich entwickelt, dank umsichtiger und nachhaltiger Waldpflege.

Wie wirkt sich das Insektensterben auf die Vögel aus?

Den Vögeln fehlt die Nahrung. Studien aus Deutschland zeigen, dass drei Viertel der Insekten verschwunden sind. In der Schweiz werden jährlich 2000 Tonnen Pestizide in der Landwirtschaft ausgebracht. Somit ist auch hierzulande das Futter für die Vögel und ihren Nachwuchs verschwunden.

Was sind weitere Gründe für das Vogelsterben?

Die Nährstoffbelastung der Böden mit Gülle macht die Wiesen zwar knallgrün. Für Vögel ist aber eine vielfältige Blumenpracht wichtig, nur da finden sie genügend Insekten. Üppig wachsende Wiesen werden auch zu früh und zu häufig gemäht. Das zerstört viele Bruten der in den Wiesen brütenden Vögel. Zudem gehen immer mehr Bäume verloren. Jeder Baum ist wertvoll als Nistplatz für gewisse Vogelarten.

Einige Vogelarten legen aber zu, beispielsweise die Krähe?

Die Zunahme bei den Krähen ist eine Folge der Eintönigkeit des Kulturlandes. Krähenschwärme profitieren von Monokulturen und sind deshalb ein Sinnbild für den menschlichen Einfluss.

Wie kann man das Vogelsterben bremsen?

Es braucht ganz klar eine nachhaltige Landwirtschaft. Weniger Dünger, weniger Viehbestand, weniger Pestizide. Vielfach geht vergessen, dass die Produktionsflächen der Bauern auch Lebens- und Erholungsraum für Mensch und Tier sind. Wollen sie eine schöne Blumenwiese mit Schmetterlingen oder von Plastik überdeckte Felder? Das Singen der Vögel ist Lebensqualität.

Wie kann ich Vögeln helfen?

Vor allem mit bewusstem Einkaufen von ökologisch produzierten Lebensmitteln. Und mit einem vogelfreundlichen Garten mit einheimischen Sträuchern. Lassen Sie alte Bäume stehen oder hängen Sie Nistkästen auf.

Dr. Matthias Kestenholz ist Mitglied der Institutsleitung der Vogelwarte Sempach.

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