«Beim Essen müssen sich Minderheiten anpassen»

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Cervelat-Gate«Beim Essen müssen sich Minderheiten anpassen»

Eine Schule und eine Mädchenriege empfahlen, kein Schweinefleisch für das Abschlussessen mitzunehmen. Ein Integrationsexperte kritisiert das Vorgehen.

von
qll
SVP-Nationalrat Andreas Glarner hat eine Kontroverse über das Grillieren von Schweinefleisch und über Schweiniges an kalten Schulbuffets losgetreten.
Der Politiker machte über Facebook bekannt, dass beim Abschlussfest einer Mädchenriege im Aargau Cervelats verboten seien. Dies, weil die Würste wegen des Schweinefleischs auf dem Grill nicht neben den Grilladen der muslimischen Kinder liegen dürften. Auch die Schule in Strengelbach gab per Brief die Empfehlung heraus, für das Abschlusszmittag kein Schweinefleisch mitzunehmen, damit alle davon essen können.
Laut Integrationsexperte Thomas Kessler sehen die Anstandsformen aber vor, dass sich Minderheiten entweder der Mehrheit anpassen oder sich selbst um ihr Essen kümmern.
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SVP-Nationalrat Andreas Glarner hat eine Kontroverse über das Grillieren von Schweinefleisch und über Schweiniges an kalten Schulbuffets losgetreten.

Keystone/Martin Ruetschi

SVP-Nationalrat Andreas Glarner hat eine Kontroverse über das Grillieren von Schweinefleisch und über Schweiniges an kalten Schulbuffets losgetreten. Der Politiker machte über Facebook bekannt, dass beim Abschlussfest einer Mädchenriege im Aargau Cervelats verboten seien. Dies, weil die Würste wegen des Schweinefleisches auf dem Grill nicht neben den Grilladen der muslimischen Kinder liegen dürften. Auch die Schule in Strengelbach gab per Brief die Empfehlung heraus, für das Abschlusszmittag kein Schweinefleisch mitzunehmen, damit alle davon essen können.

Integrationsexperte Thomas Kessler findet die Empfehlung der Schule etwas unglücklich formuliert. Er vermutet, dass es die Schule mit dieser Empfehlung gut gemeint hat. «Womöglich sollte das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden. Jedoch hat die Schulleitung nicht überlegt, dass durch die Einschränkung Erklärungsbedarf entsteht. Dies ist mit dem einzelnen Satz im Brief der Schule, ‹Bitte kein Schweinefleisch, damit alle davon essen können›, nicht getan.»

Laut Kessler gibt es beim Thema Essen sowieso immer mehr Sensibilität, beispielsweise durch die zunehmende Frömmigkeit in verschiedenen Religionen oder Ernährungsformen wie Vegetarismus und Veganismus. Es gebe auch Radikalisierungstendenzen wie jüngst in Frankreich, wo Veganer Metzgereien attackiert hätten. Die Anstandsformen würden aber vorsehen, dass sich Minderheiten entweder der Mehrheit anpassen oder sich selbst um ihr Essen kümmern. «Deshalb gilt es, vernünftig zu bleiben und Selbstverantwortung zu tragen», so Kessler. «Da die Einschränkung hier jedoch von der Schulleitung kommt, sollte sie diese gut begründen und sich auch bereit erklären, einen zweiten Tisch aufzustellen, den man so kennzeichnet, dass dort nichts Schweiniges liegt.» So sollten Organisatoren wie beispielsweise die Mädchenriege auch einen zweiten Grill aufstellen, sollte die Einschränkung von ihnen kommen.

«Kinder sollen ihre Essgewohnheiten beibehalten können»

Auch Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), betont die Rolle der Selbstverantwortung: «Wer aus welchen Gründen auch immer eine spezielle Verpflegung braucht, sollte sich selber darum kümmern. Bei Schulkindern liegt die Verantwortung aber grundsätzlich bei den Eltern. Niemand sollte wegen der Gewohnheiten anderer auf seine eigenen Essgewohnheiten verzichten müssen.» Dies gelte auch bei strenggläubigen Juden, die kein unkoscheres Fleisch essen und nicht denselben Grill benutzen können, wenn dieser auch für unkoscheres Fleisch benutzt wurde. Kreutner weiss: «Juden, die sich koscher ernähren, kümmern sich deshalb in solchen Fällen grundsätzlich selber um ihre Verpflegung.»

Kreutner ist sich sicher, dass die Schule mit ihrer Empfehlung in bester Absicht gehandelt hat. «Wenn aber die Schule aus Respekt vor unterschiedlichen Essgewohnheiten Empfehlungen abgeben möchte, dann sollte dies so geschehen, dass alle Kinder ihre Essgewohnheiten beibehalten können.»

«Keine Spezial-Handhabungen»

Daniel Kachel, Präsident des Vereins der Sekundarlehrkäfte des Kantons Zürich, findet die Empfehlung der Schule in Strengelbach und einer Mädchenriege im Aargau übertrieben. «Die Schule sollte sich nicht derart auf Spezialwünsche einlassen. Jeder Schüler muss sich um seine Verpflegung selbst kümmern.» Das würden die meisten auch so handhaben: «Aus der Praxis weiss ich, dass die Schüler ihre Nahrungsmittel – sei es Pouletfleisch oder Tofuprodukte – dabeihaben, aber dass es ihnen egal ist, was beim Grillen neben diesen liegt.»

Natürlich könne man Rücksicht auf Minderheiten nehmen: «Ich bin aber für pragmatische Lösungen mit Bodenhaftung», sagt Kachel. «Beispielsweise könnten die betroffenen Schüler mithilfe der Schule einen eigenen Grill organisieren oder die Nahrungsmittel besonders kennzeichnen.»

«Meine Vegi-Wurst soll keine Fleischwurst berühren»

Nancy Holten (Grüne) bezeichnet die Empfehlung der Schule als «Quatsch»: «Wenn die Schule Zugeständnisse für eine Gruppe macht, müsste sie es auch für andere tun können. Doch das wäre zu viel des Guten.» Auch findet sie es schade, dass der Muslim-Faktor erst durch das Schreiben der Schule überhaupt ins Spiel kommt: «Man hat das Gefühl, dass die Schule nicht islamfeindlich wirken wollte. Und jetzt ist sie damit ins Fettnäpfchen getreten.»

Auch bei der Mädchenriege liege die Lösung nahe, so Holten: «Ich verstehe nicht, warum nicht von Anfang an zwei Grills aufgestellt wurden oder die Fleischsorten durch Aluschalen getrennt werden. Das habe ich auch so gemacht. Schliesslich soll meine Vegi-Wurst keine Fleischwurst berühren.»

Nun möchte SVP-Nationalrat Andreas Glarner 2000 Cervelats für Schulen und Ferientreffs spenden. Holten begrüsst seinen Wunsch, den Kindern helfen zu wollen. Doch die Aktion habe einen faden Beigeschmack: «Damit schliesst er bewusst muslimische Kinder aus.»

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