«Das Fehlen einer Papi-Zeit ist beschämend»

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Volksinitiative geplant«Das Fehlen einer Papi-Zeit ist beschämend»

Markus Theunert plant eine Volksinitiative für einen 20-tägigen Vaterschaftsurlaub. Im Interview kritisiert er die heutige Familienpolitik.

J. Büchi
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J. Büchi
Markus Theunert ist Generalsekretär von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

Markus Theunert ist Generalsekretär von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

Keystone/Gaetan Bally

Herr Theunert, haben Sie nach der Geburt Ihrer Tochter eine Auszeit genommen?

Ja, ich hatte das Glück, dass ich mir die Arbeit in meiner eigenen Firma relativ flexibel einteilen konnte. Nach der Geburt meiner Tochter im Jahr 2013 blieb ich rund vier Wochen mehr oder weniger zu Hause.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Wenn ich ehrlich bin, war es eine schwierige Zeit. Einerseits wollte ich für meine Partnerin und mein Kind da sein. Andererseits spürte ich die Last der finanziellen Verantwortung stärker als es materiell notwendig gewesen wäre. Unter dem Strich hatte ich immer das Gefühl, ich wäre nicht dort, wo ich eigentlich hätte sein sollen.

Nun lanciert Männer.ch zusammen mit anderen Organisationen eine Volksinitiative für einen 20-tägigen Vaterschaftsurlaub (siehe Box). Was erhoffen Sie sich davon?

Es wäre nicht nur eine unverzichtbare finanzielle Unterstützung für die junge Familie, sondern ein Signal an alle: Der Vater ist heute im Leben des Kindes selbstverständlich von Anfang an dabei. Die Gesellschaft gibt ihm Zeit – erwartet aber auch, dass er diese nutzt, um sich Kompetenzen anzueignen und seine Frau zu unterstützen. In einer leistungsorientierten Gesellschaft ist es wichtig, auch Beziehungs- und Betreuungsarbeit zu würdigen und zu fördern.

Die zuständige Nationalratskommission lehnte am Freitag einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub mit der Begründung ab, die Familiengründung sei «eine private Angelegenheit», in die sich «der Staat nicht einzumischen habe».

Das ist ein Scheinargument. Der Staat kann sich gar nicht aus dem Privatleben der Menschen heraushalten. Mit dem 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub schafft er heute Anreize, dass die Frau zu Hause bleibt. Der Kampf gegen den Vaterschaftsurlaub ist rein ideologisch motiviert: Man will nicht, dass sich Männer und Frauen die Hausarbeit 50:50 teilen, getraut sich aber nicht, das zu sagen. Deshalb kommt man mit diesem verstaubten Argument.

Ein weiterer Punkt sind die Kosten: Eine 20-tägige Papi-Zeit ist nicht gratis zu haben.

Der Bundesrat rechnet pro Woche Vaterschaftsurlaub mit Kosten von 70 bis 110 Millionen, also 280 bis 440 Millionen Franken für 20 Arbeitstage. Selbst wenn alle Väter davon Gebrauch machen würden – wovon ausgehend von den Erfahrungen im Ausland leider bei weitem nicht auszugehen ist – betrügen die Kosten nur einen Bruchteil der Kosten der Heiratsstrafe-Initiative der CVP. Zudem macht ein Vaterschaftsurlaub volkswirtschaftlich Sinn: Nicht nur, weil die Frauen dann mehr arbeiten könnten, sondern auch, weil die Geburtenraten die Sozialversicherungen der Zukunft sichern.

Die Erfahrung zeigt, dass die Schweizer an der Urne nicht gerade grosszügig mit sich selber sind. Die Initiative für sechs Wochen Ferien etwa wurde abgelehnt. Glauben Sie wirklich, dass Ihr Anliegen Erfolg haben wird?

Ja, davon bin ich überzeugt. Es geht hier nicht um Grosszügigkeit oder darum, dem Vater einen Gefallen zu machen. Es geht um den in der Verfassung verankerten Gleichstellungsauftrag: Studien zeigen, dass es primär von der Beteiligung des Mannes zu Hause abhängt, wie stark die Familiengründung der Karriere der Mutter schadet. Und zweitens geht es auch um die Beziehung zwischen Vater und Kind. Es ist erwiesen, dass dieses Band lebenslang gestärkt wird, wenn der Papi am Anfang präsent ist.

Reichen 20 Tage dafür aus?

Diese kurze Zeit macht schon enorm viel aus. Natürlich müssen sich die Männer auch später am Leben ihres Kindes beteiligen, aber im ersten Lebensjahr wird das Fundament dafür gelegt.

Wie lang wäre der Elternurlaub für Sie in einer idealen Welt?

Eine Zahl will ich nicht nennen. Aber in einer idealen Welt wären wir auf unsere Familienpolitik ähnlich stolz wie etwa auf unseren öffentlichen Verkehr: Natürlich könnte man in die Bahn auch weniger investieren, dann hätte es halt nur jede Stunde einen Zug. Ich würde gerne in einer Schweiz leben, die das Grundverständnis teilt, dass eine gute Organisation des Familienlebens im Interesse aller ist.

Selbst die Mutterschaftsversicherung brauchte mehrere Anläufe an der Urne, bis sie 2004 mehrheitsfähig war.

Ich glaube nicht, dass es die Papi-Zeit so schwer haben wird. Ich beobachte, dass es bei den unter 40-jährigen Männern einen breiten Konsens gibt, dass ein Vaterschaftsurlaub wichtig ist. Bei der älteren Generation von Männern engagieren sich heute viele stark als Grossväter – sie würden es gerne sehen, wenn ihre Söhne mehr Zeit für die Kinderbetreuung hätten. Und die Frauen sind gemäss Umfragen ohnehin mehrheitlich dafür.

Die Arbeitgeber dürften das Anliegen bekämpfen.

Wenn es ein Betrieb nicht schafft, einem Mitarbeiter 20 Arbeitstage freizugeben, wenn er das ein halbes Jahr im Voraus weiss, ist er einfach schlecht organisiert. Wenn Männer in den WK müssen, klappt das problemlos. Man kann sich dem gesellschaftlichen Wandel nicht verschliessen. Die Schweiz ist neben Albanien und Irland das einzige Land in Europa, das keine Väterzeit kennt. Das ist beschämend.

Initiative wird im Mai lanciert

Männer.ch, TravailSuisse und weitere Organisationen fordern eine zeitlich flexible, 20-tägige Väterzeit. Sie soll wie der Mutterschaftsurlaub über die Erwerbsersatzordnung finanziert werden. Die Väter sollen während des Urlaubs 80 Prozent des Lohns erhalten. Die Initiative wird voraussichtlich im Mai lanciert. Mütter haben in der Schweiz seit 2005 Anspruch auf einen 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub. Davor scheiterten an der Urne 1984, 1987 und 1999 drei Versuche, eine Mutterschaftsentschädigung einzuführen. (jbu)

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