Rega muss Kranke aus dem Bergell fliegen

Aktualisiert

Bergsturz in Bondo GRRega muss Kranke aus dem Bergell fliegen

Der erneute Bergsturz hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Die Dörfer sind menschenleer – und das Spital ist nur noch aus der Luft erreichbar.

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Die Spur der Verwüstung: Ein weiterer Bergsturz richtet in Bondo zusätzlichen Schaden an. (Video: Tamedia/Twitter)

Am Donnerstagabend gegen 21.30 Uhr ging in Bondo ein weiterer Murgang nieder. Dabei wurden mehrere Gebäude im Ort Bondo und im Nachbarort Spino beschädigt, etliche Personen mussten das Tal verlassen. Ein Leser-Reporter, dessen Bekannte mit der Rega evakuiert wurden, berichtet von einer riesigen Verwüstung.

Der erneute Murgang am Donnerstagabend hat Bondo zum zweiten Mal verwüstet. «Auch die erstellten Baupisten für die Baumaschinen wurden überdeckt», sagt Blaulicht-Reporter Beat R. Kälin.
Gemäss Kantonspolizei Graubünden haben alle Bewohner die Orte Bondo und Spino verlassen. Sie wurden bei Bekannten oder Verwandten untergebracht.
Wo vorher eine Strasse war, liegt jetzt Geröll und Schutt. Sobal die Lage wieder sicher ist, beginnen die Aufräumarbeiten von vorn.
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Der erneute Murgang am Donnerstagabend hat Bondo zum zweiten Mal verwüstet. «Auch die erstellten Baupisten für die Baumaschinen wurden überdeckt», sagt Blaulicht-Reporter Beat R. Kälin.

Kantonspolizei Graubünden

«Das Wasser stand schon im ersten Stock des Hauses, als sie gerettet wurden», sagt er zu 20 Minuten. Einer der Hausbewohner, ein «gestandener Mann», sei schon den ganzen Morgen am Weinen – seit dreissig Jahren zum ersten Mal. «Das habe ich noch nie erlebt», sagt der Leser-Reporter. Der erste Stock des Hauses sei voller Schlamm. Das Auto sei vermutlich aus der Garage gespült worden.

Mittlerweile sind die Dörfer Bondo und Spino menschenleer. Die Bewohner seien alle weg, sagt Anita Senti von der Kantonspolizei Graubünden zu 20 Minuten. Im nahegelegenen Promontogno kann weiter gewohnt werden. Zwar trug der Fluss Bognasca am Morgen etwas Schlamm bis nach Promontogno und die Situation erfordere hohe Aufmerksamket, sagt Senti.

Rega muss Kranke fliegen

Mit dem nachlassenden Regen dürfte sich die Situation aber etwas entspannen. Um 20 Uhr am Freitagabend soll die Zugangsstrasse in Richtung Engadin wieder geöffnet werden. Wann die Räumarbeiten im Schuttkegel wieder starten, ist unklar. «Heute wäre es zu gefährlich gewesen», sagt Senti. «Nun müssen wir von Tag zu Tag schauen.» Die alte Kantonsstrasse bleibe wohl noch tagelang gesperrt. Sie werde nun gestützt, damit sie nicht unterspült werde. Wenn das passieren würde, wäre der letzte Weg durchs Bergell zerstört.

Das Spital in Promontogno ist nur über diese Strasse erreichbar und damit wohl noch tagelang von der Aussenwelt abgeschnitten. Es muss von Helikoptern mit Lebensmitteln und sonstigem Material versorgt werden. «Es ist sehr stressig heute», sagt ein Mitarbeiter zu 20 Minuten. «Immer wieder landen die Helikopter.» Schwer kranke Personen,die das Spital nicht behandeln kann, müssen von der Rega in andere Spitäler ausgeflogen werden. Am Freitag sei dies bereits einmal nötig gewesen, heisst es bei der Kantonspolizei.

«Das Dorf wirkt gespenstisch»

Der Blaulicht-Reporter Beat R. Kälin ist vor Ort in Promontogno. «Wir sind komplett von der Aussenwelt abgeschnitten», sagt er zu 20 Minuten. Am Morgen habe das Dorf gespenstisch gewirkt. «Rund um die Sperrzone hatte es vereinzelt Anwohner, die sich hinter ihren Fenstern bemerkbar machten», sagt Kälin.

Der erneute Murgang habe das ganze Auffangbecken mit Kies, Felsbrocken und Schutt überflutet. Die freigeräumte alte Kantonsstrasse sei erneut mit Material überdeckt worden.

«Gefährliche Arbeit»

«Auch die erstellten Baupisten für die schweren Baumaschinen wurden von den Schlammmassen überdeckt», so Kälin. Die Bauarbeiten begännen nun wieder von vorne. Seit Freitagmittag laufen gemäss Kälin einfache Sicherungsarbeiten.

Dabei stehen die Bauarbeiter vor einem Problem des von Wasser durchnässten Schlamms. «Das Zeug ist wie Pudding und lässt sich schlecht irgendwo deponieren», sagt Kälin. Ausserdem führe die Bondasca immer noch Hochwasser. «Das erschwert die Arbeit und macht sie gefährlich.»

Immerhin fliesst im Bergell wieder Strom, nachdem der Murgang in Bondo mehrere Kabelgänge und zwei Trafostationen beschädigt hatte. Die befänden sich im Sperrgebiet und seien zurzeit nicht zugänglich, sagt Lena Harm vom Elekrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ), das die Stromversorgung im Bergell sicherstellt. Die Erstellung von Provisorien sei zwar wegen der Gefahrenlage zurzeit nicht möglich. Dank eines am Donnerstag aus Zürich angelieferten Notstrom-Aggregats hätten aber alle Orte bis auf Bondo wieder Strom. In der Nacht hatte die Stromleitung nach Promontogno temporär ausgeschaltet werden müssen.

Bondo ist komplett von der Umwelt abgeschnitten

Die Malojastrasse zwischen Vicosoprano und Casaccia wird am Freitagabend wieder geöffnet, teilte die Gemeinde Bergell am Freitagnachmittag mit. Nach Italien zwischen Castasegna und Promontogno blieben die Strassen bis auf Weiteres gesperrt. «Die neue Kantonsstrasse wurde durch das Wasser und den Murgang komplett überflutet und der Damm stark beschädigt», heisst es in einer Mitteilung.

Es bestehe die Gefahr, dass durch den Fluss Maira auch die alte Kantonsstrasse unterspült werde. Dann bestünde keine Verkehrsverbindung durch das Tal mehr. «Der Ort Spino und die alte Strasse können erst genauer überprüft werden, wenn die Maira wieder in ihrem Bett fliesst. Das dürfte mehrere Tage dauern», teilt der Krisenstab mit.

Weil das Auffangbecken voll ist, hoffen die Bewohner, dass in nächster Zeit kein weiterer Murgang erfolgt. Ein solcher könnte grössere Schäden anrichten, da die Masse nicht mehr zurückgehalten werden könnte.

Spenden für Bondo

Glückskette sammeln für die Betroffenen des Bergsturzes im Bergell.

Informationen zur Sammlung der Gemeinde: comunedibregaglia.ch (Italienisch)

Informationen zur Sammlung der Glückskette: Glueckskette.ch

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