«Der Handschlag-Dispens ist nur der Anfang»

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Schüler von Therwil«Der Handschlag-Dispens ist nur der Anfang»

Schulen sollen nur wenige religiöse Ausnahme-Regeln erlauben, sind sich Kommentatoren einig. Es gelte, die europäische Identität und Kultur zu stärken.

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Amer Salhani thematisierte die Händedruck-Affäre in einem Interview mit dem Nachrichtensender al-Jazeera.
«Politiker benutzen uns, um Stimmung gegen Muslime zu machen»: Die beiden 14- und 15-jährigen Schüler in der Basler König-Faysal-Moschee, wo ihr Vater als Imam amtet.
«Niemand kann uns zwingen, Hände zu berühren.»
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Amer Salhani thematisierte die Händedruck-Affäre in einem Interview mit dem Nachrichtensender al-Jazeera.

Screenshot / Facebook

Während sich die Brüder aus Therwil im Interview uneinsichtig zeigen und als Opfer der Medien und Politiker darstellen, gehen die Kommentare in den Sonntagszeitungen in eine ganz andere Richtung. Die Verweigerung des Handschlags sei nur der Anfang, warnt etwa die Politikwissenschaftlerin Elham Manea von der Uni Zürich in der «NZZ am Sonntag». Die salafistische Bewegung habe bereits die Gesellschaft in den islamischen Ländern verändert und deren sozialen Zusammenhalt untergraben.

In Grossbritannien könne man sehen, wohin die salafistische Bewegung führe. Dort hätten islamistische Gruppen schon vor mehr als vierzig Jahren Sonderrechte wie Halal-Essen, Verschleierung von Mädchen oder separate Gebetsräume für muslimische Schüler eingefordert und bekommen. Eine fundamentalistische muslimische Parallelgesellschaft sei entstanden. Britischen Lehrer, die sich wehren wollten, habe die Politik allein gelassen.

«Die Handschlag-Debatte ist eine Stellvertreter-Debatte»

Es fange damit an, dass Schüler Lehrerinnen nicht die Hand geben, dann komme der Musik- und Kunstunterricht und separate Gebetsräume. Manea: «Dieser Fundamentalismus wird nicht dadurch verschwinden, dass wir ihn ignorieren oder kleinreden.» Sie fordert, dass man Schulen und Lehrer darauf vorbereiten soll, wie man Muster erkennen könne und sich wehren könne. Die Schulen sollten unterstützt werden, damit sie Verhaltensrichtlinien formulieren könnten, die für alle gelten.

In die gleiche Kerbe schlägt der Kommentar von Chefredaktor Patrik Müller in der «Schweiz am Sonntag». Die Handschlag-Debatte sei eine Stellvertreter-Debatte. Es gehe um die Frage, wie weit sich Angehörige fremder Kulturen und Religionen der unsrigen anpassen sollen und wieviel beidseitige Toleranz richtig sei. Europas Kultur sei zu der geworden, was sie sei, weil sie über die Widersprüche zwischen Religion und Vernunft nachgedacht habe.

«Einen Handschlag zu verweigern, gilt als respektlos»

Ein Erfolg sei, dass die Schulen nicht mehr konfessionell sondern neutral seien. Leider seien aber manche Schulen nicht wertneutral sondern wertfrei geworden. Der Fall Therwil sei dafür ein Beispiel. «Der Dispens ist keine Lösung, sondern eine Ausflucht.» Für Müller ist darum eines entscheidend: «Dass wir wissen, was wir zu verlieren haben.»

Einen Handschlag zu verweigern, werde in der Schweiz als äusserst respektlos empfunden, schreibt auch NZZ-am-Sonntag-Inlandchef Francesco Benini in seinem Kommentar. Dass die Jugendlichen ihrer Lehrerin zudem nicht die Hand geben würden, weil sie eine Frau sei, bedeute, dass sie ihre Autorität nicht respektieren würden. «Das kann die staatliche Schule nicht dulden», so Benini.

«Das schwächt die Schule als Institution»

Auch andere Religionsgemeinschaften würden immer wieder Ausnahmen für die Kinder ihrer Angehörigen einfordern. Es gehe darum um die Frage, wie viele Ausnahmen man religiösen Gemeinschaften in der Schule einräumen solle. Für Benini ist klar: «Möglichst wenige.» Dass Schüler einer Lehrerin den Handschlag verweigerten, schwäche denn auch die Schule als Institution. «Die Schulleitung in Therwil muss darum eine neue Lösung präsentieren.»

Elham Manea ist Privatdozentin am Institut für Politikwissenschaften der Uni Zürich.

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