Nackt im Bundeshaus«Eine exhibitionistische Zwangsstörung»
Nacktfotos und Pornos: So sorgt eine Angestellte der Parlamentsdienste für Aufruhr. Für den Sexualberater Bruno Wermuth ist dies ein Auswuchs einer pornografisierten Gesellschaft.
Einerseits seriöse Bundesangestellte und anderseits versauter Pornostar. Herr Wermuth, was bewegt eine Frau dazu, ein solches Doppelleben zu führen?
Bruno Wermuth: Alle Menschen haben Geheimnisse – nicht nur was die Sexualität anbelangt. So gesehen ist das Verhalten der Frau menschlich. Wichtig scheint mir, dass das Ganze nun nicht primär mit ihrem Geschlecht oder ihrem Beruf als Bundesbeamtin in Verbindung gebracht wird. Auch wenn ihr Verhalten aus einer gesellschaftlich-moralischen Perspektive anstössig ist, heisst das noch lange nicht, dass es auch krankhaft ist.
Sie hat nicht nur Nacktbilder via Twitter veröffentlicht, sondern auch über 200 Pornofilme gedreht, was sagt das über die Person aus?
Da sie ja niemand dazu gezwungen hat, zeigt dies, dass sie Vergnügen daran hat, sich zu zeigen – auch beim Sex. Damit ist sie nicht allein, wie sich anhand der unzähligen Filme, die täglich auf einschlägigen Pornoseiten hochgeladen werden, unschwer feststellen lässt.
Woher kommt ein solches Bedürfnis, sich in der Öffentlichkeit auf diese Art und Weise zu präsentieren?
Das Bedürfnis, sich zur Schau zu stellen, haben alle Menschen, auch wenn es nicht bei allen gleich ausgeprägt ist. Was genau bei der zur Diskussion stehenden Frau den Ausschlag gegeben hat, sich so in der Öffentlichkeit zu zeigen, kann ich nicht im Detail beurteilen.
Ist in diesem Fall das Ausmass der Zurschaustellung nicht dennoch etwas aussergewöhnlich?
Unter diesen Umständen muss man in Erwägung ziehen, dass es sich um eine exhibitionistisch gefärbte Zwangsstörung handelt. Vielleicht ist es auch ein Fetisch. Das heisst, die Person braucht ein bestimmtes Verhalten, bestimmte Gegenstände oder eine spezifische Umgebung, um sich sexuell zu erregen.
Sind es sonst nicht häufiger Männer, die weniger Hemmungen haben, sich nackt präsentieren?
Es ist schon speziell, dass es sich um eine Frau handelt. Im gesellschaftlichen Bewusstsein ist es tatsächlich noch nicht so verbreitet, dass Frauen mit ihrem Körper und mit ihrer Sexualität derart offensiv umgehen. Bisher kannte man das eher von Männern. So gesehen kann das Verhalten also auch als sexuelle Emanzipierung interpretiert werden. Aber im Grundsatz können sich Frauen natürlich gleich verhalten und auch die gleichen psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten entwickeln wie Männer.
Müssen wir damit rechnen, dass wir in Zukunft noch mehr mit solchen Fällen konfrontiert sind?
Seinen Körper und sexuelle Handlungen derart öffentlich zur Schau zu stellen, ist tatsächlich eher ein Phänomen der heutigen Zeit und Teil einer Pornografisierung der Gesellschaft. Wie weit diese noch gehen wird, ist offen.

Bruno Wermuth ist Paar- und Sexualberater und «Doktor Sex» bei 20 Minuten.