«Flüchtlinge in leeren Hotels unterbringen»

Aktualisiert

Migrations-Welle«Flüchtlinge in leeren Hotels unterbringen»

Das Bundesamt für Migration erwartet einen Flüchtlingsstrom historischen Ausmasses. Dies könnte die Schweiz in Schwierigkeiten bringen.

N. Glaus
von
N. Glaus
Die bisherigen Asyleinrichtungen dürften bei dem erwarteten Flüchtlingsstrom an ihre Grenzen stossen: In einem Notfall gäbe es jedoch alternative Möglicheiten, wie der Sprecher der Flüchtlingshilfe Schweiz, Stefan Frey, erklärt. «Kurzfristig könnte man die Flüchtlinge in Armeeanlagen oder auch leerstehenden Hotels unterbringen.»

Die bisherigen Asyleinrichtungen dürften bei dem erwarteten Flüchtlingsstrom an ihre Grenzen stossen: In einem Notfall gäbe es jedoch alternative Möglicheiten, wie der Sprecher der Flüchtlingshilfe Schweiz, Stefan Frey, erklärt. «Kurzfristig könnte man die Flüchtlinge in Armeeanlagen oder auch leerstehenden Hotels unterbringen.»

Allein in den vergangenen zwei Monaten erreichten über 35'000 Flüchtlinge Italien. Erfahrungsgemäss dürften bis zu zehn Prozent davon auch in die Schweiz kommen. «So dramatisch wie die Lage vor den Toren Europas zurzeit ist, war es wohl seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr», sagt der Direktor des Bundesamts für Migration (BFM), Mario Gattiker, gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Militär zum ersten Mal im Flüchtlings-Einsatz

Die letzte grosse Flüchtlingswelle während des Balkankonflikts in den Neunzigerjahren brachte die Schweizer Asylorganisationen an ihre Grenzen. 1999 erreichte die Zahl der Asylgesuche mit über 100'000 ihren historischen Höchststand. Der damalige Stellvertretende Direktor des Bundesamtes für Flüchtlinge (heute Bundesamt für Migration), Urs Hadorn, erzählt: «Da kamen unendlich viele Leute, die von grosser Gewalt und einem grausamen Krieg geplagt waren.»

Zur Bewältigung dieses Ansturms seien zahlreiche Sondermassnahmen nötig gewesen. Zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg habe die Armee mit ihren Truppen Militärunterkünfte für die Flüchtlinge hergerichtet. WK-Truppen hätten Sonderdienst geleistet, um die Flüchtlinge zu betreuen. «Dies war damals sehr kontrovers», erklärt Hadorn.

«Die Schweiz kann Solidarität praktizieren»

Hadorn lobt in diesem Zusammenhang auch die grosse Solidarität, die damals in der Schweiz geherrscht habe. «Man hat gesehen, dass der Krieg praktisch vor unserer Haustüre stattfindet.» Viele Leute hätten deshalb den Eindruck gehabt: «Da müssen wir einfach helfen.» Diese Akzeptanz habe dazu beigetragen, dass die Lösungen des damaligen Bundesamtes für Flüchtlinge erfolgreich gewesen seien. «Wenn der Wille im Volk zur Hilfe fehlt, dann stehen wir auf verlorenen Posten», so Hadorn.

Heute dürfte die Stimmung in der Schweiz eine andere sein als noch vor zwanzig Jahren. Dies zeigen Grillfeste gegen Flüchtlinge wie beispielsweise in Aarburg AG. In Notsituationen habe die Schweiz jedoch noch immer bewiesen, dass sie «Solidarität praktizieren» könne und notleidenden Menschen helfe, ist der Sprecher der Flüchtlingshilfe Schweiz, Stefan Frey, überzeugt. Die Schweizer seien genügend informiert und könnten die Situation «richtig einschätzen». «Dies entgegen dem, was man aus dem politischen Lautsprecher hört», so Frey.

Leerstehende Hotels, Armeeanlagen oder Privatunterkünfte

Frey ist auch optimistisch, was die Infrastruktur anbelangt. Zwar würden die bisherigen Asyleinrichtungen sicher an ihre Grenzen stossen, in einem Notfall gäbe es jedoch alternative Möglicheiten: «Kurzfristig könnte man die Flüchtlinge in Armeeanlagen oder auch in leerstehenden Hotels unterbringen.» Aber auch die Unterbringung Asylsuchender bei Privatpersonen würde in Einzelfällen eine gewisse Erleichterung bringen. Längerfristig braucht es gemäss Frey aber dringend weitere Asylunterkünfte, da man etwa Familien nicht über unbestimmte Zeit in Zivilschutzanlagen unterbringen könne.

Das Bundesamt für Migration steht denn auch in engem Kontakt mit den Kantonen, um weitere Unterkünfte für die Flüchtlinge bereitzustellen, wie der Direktor Mario Gattiker gegenüber dem «Tages-Anzeiger» erklärte. Welche Orte dafür infrage kommen, konnte er aber noch nicht sagen.

Afrikanische Migranten bringen Wissen in Heimatland

Rund ein Prozent der ausländischen Wohnbevölkerung in der Schweiz stammt aus Marokko, Tunesien und Algerien. Mit diesen betroffenen 18000 Personen befasst sich eine Studie die im Auftrag des Bundesamtes für Migration (BFM) durchgeführt wurde.

Diese zeigt, dass diese drei Einwanderungsgruppen dazu neigen, sich dauerhaft in der Schweiz niederzulassen. Trotzdem würden sie gemäss der Studie dennoch einen engen Kontakt zu ihren Familien in der Heimat pflegen. Die Migranten würden zudem ihr Wissen und ihre Erfahrungen zunehmend in ihre Heimat einbringen. So etwa im Gesundheitsbereich, durch die Bereitstellung von Medikamenten oder Rollstühlen, aber auch in der Bildung, wenn Akademiker in ihrem Heimatland Kurse an den Universitäten anbieten.

Gemäss der Studie sei es wichtig, die Zusammenarbeit mit den nordafrikanischen Partnerstaaten fortzuführen. Dies insbesondere in Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung. (ng)

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