«Für rationale Menschen kein Problem»

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Labor-Burger«Für rationale Menschen kein Problem»

Immunologe Beda Stadler glaubt, dass Labor-Fleisch irgendwann so normal sein wird wie Aloe-Vera-Joghurt. Vor der Kartoffel habe man sich einst auch gefürchtet.

Simon Hehli
von
Simon Hehli
Der Berner Immunologie-Professor Beda Stadler glaubt nicht, dass wir bald Kunstfleisch essen - aber eines Tages dürfte es breit akzeptiert sein. «Zum Glück sterben die Zweifler irgendwann immer weg.»

Der Berner Immunologie-Professor Beda Stadler glaubt nicht, dass wir bald Kunstfleisch essen - aber eines Tages dürfte es breit akzeptiert sein. «Zum Glück sterben die Zweifler irgendwann immer weg.»

Holländische Forscher haben einen Burger aus Laborfleisch entwickelt. Eine relative Mehrheit der Leser findet das gut. Wird solches Essen in der Schweiz je akzeptiert sein?

Zuerst muss man die Realitäten anschauen. Ich prophezeie: Weder Sie noch ich werden es erleben, dass man einen solchen Burger bei McDonald's erhält. Es handelt sich vorderhand um teures Hightech fürs Labor. Eine Kuh ist eine optimierte Biofabrik: Sie setzt Gras in Bakterien um, die ihre eigentliche Nahrung sind – und dank denen sie so rasch Fett und Muskeln ansetzen kann. Dieser Mechanismus lässt sich im Labor vorerst nicht auf wirtschaftliche Weise nachbilden.

Dann geben Sie dem Kunstfleisch keine Zukunft?

Doch, es ist schon machbar, aber eben erst in ein paar Jahrzehnten. Dann könnten wir von den Zelllinien eines einzigen Rindes leben. Unser Magen bekommt durch tierische Eiweisse am einfachsten die Nährstoffe, die wir benötigen. Im Labor könnte man auch Zellen züchten, die unseren Bedürfnissen noch mehr entsprechen als echtes Fleisch.

Und wie siehts dann mit der Akzeptanz aus?

Für rationale Menschen ist das kein Problem. Es ist wie mit der Gentechnologie: Da glauben auch noch viele Leute, man greife auf unzulässige Weise in die Natur ein. Das sind religiöse Denkmuster, die hoffentlich bald aussterben. Ich erinnere daran, dass es bei der Kartoffel auch zweihundert Jahre dauerte, bis sie nach ihrer Einfuhr aus Amerika bei uns akzeptiert war. Am Anfang hiess es noch, sie verursache Syphilis (lacht). Mittlerweile hält jeder Biobauer die Kartoffel für ein Schweizer Produkt. Alles eine Frage von Gewöhnung und Zeitgeist.

Sie sind Wissenschaftler – aber auch bekennender Bonvivant. Ist ein «Frankenstein-Burger» für einen Geniesser wie Sie nicht eine schreckliche Vorstellung?

Essen soll in erster Linie Spass machen. Wir sind doch auf diesem Planeten, um das Leben zu geniessen, nicht um im Jammertal zu sitzen! Es mag ja Leute geben, die Freude daran haben, in ein sandiges Bio-Rüebli zu beissen. Aber die meisten haben doch Freude an einer raffinierten Schwarzwäldertorte. Auf die Idee, in eine Zuckerrübe zu beissen, aus welcher der Zucker stammt, kommen sie jedoch sicher nicht. Das ist dasselbe mit künstlichem Fleisch: Der Gedanke an die Herstellung im Labor schreckt uns vielleicht ab – doch wenn das Fleisch dann vor uns auf dem Teller liegt, wird dieser Gedanke verdrängt. Wir denken bei einem heutigen Rindsburger ja auch nicht an das Gülleloch und die Schlachtung des Tieres.

In einen künstlichen Burger zu beissen, kann Spass machen?

Natürlich. Fleisch selber schmeckt ja nicht nach sehr viel, bevor man es brät. Man könnte dem künstlichen Fleisch den Geschmack von Hase oder Känguru geben. Viele Schweizer essen gerne Joghurt mit Aloe-Vera-Geschmack. Dabei hat diese Pflanze gar keinen Geschmack! Da haben sich ein paar Food-Designer zusammengesetzt und überlegt, wie Aloe Vera schmecken könnten. Nun ist dieser «Geschmack» – mit einer Prise Vanillin – breit akzeptiert.

In 50 Jahren wird jeder ohne Bedenken einen künstlichen Burger essen?

Warum nicht? Essen ist Gewöhnungssache, Geschmäcker ändern sich. Die Energy Drinks, die junge Leute so mögen, schmecken für meine Generation ja auch grauslig. In meiner Jugend waren Curryreis und Pizza noch höchst exotisch.

Dennoch: Verstehen Sie die Ängste vieler Leute vor dem «Frankenstein-Burger»?

Ja, aber das macht mir keinen Eindruck. Angst ist kein guter Ratgeber – es ist die Innovation, die eine Gesellschaft voranbringt. Einst hatten die Leute Angst vor der Eisenbahn, dann vor dem Auto. In meiner Generation gab es Leute, die sich gegen den Computer gewehrt haben. Zum Glück sterben die Zweifler irgendwann immer weg.

Wo liegen für Sie aus ethischer Sicht die Grenzen bei der Herstellung von künstlichem Essen?

Es geht um die üblichen Grenzen der persönlichen Freiheit: Sie hört da auf, wo wir jemand anderem schaden. Ein künstlicher Burger ist ja der Versuch, das umzusetzen, weil kein Tier mehr sterben muss. Der Mensch hat zwar wahrscheinlich das Recht, Tiere zu töten und zu essen – man nimmt ihm nichts weg, weil es im Gegensatz zum Menschen keine selbst reflektierte Zukunft hat. Die Kuh weiss nicht, was sie alles verpasst, wenn sie geschlachtet wird. Das gibt uns aber nicht das Recht, Tiere schlecht zu halten. Konsequenterweise würde das dazu führen, dass die Tierhaltung teurer wäre. Dadurch könnte Fleisch aus Laborherstellung wiederum zu einem einträglichen Geschäft werden.

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