Grundeinkommen«Hausfrauen können nicht im Bett liegen bleiben»
Das Leben als Hausfrau ist kein Zuckerschlecken: Ein Grundeinkommen wolle sie trotzdem nicht, sagt eine Mutter.

Anita Kessler: «Haushalt und Erziehungsarbeit sind kräftezehrend.»
Kein Anbieter/zvgFrau Kessler*, Sie sind Hausfrau und Mutter. Was halten Sie vom bedingungslosen Grundeinkommen?
Nicht viel. Klar würde ich die 2500 Franken annehmen, wenn die Initiative durchkäme. Aber ich bin lieber von meinem Mann als vom Staat abhängig. Auch glaube ich, dass das Geld dem Ruf der Hausfrauen nicht guttun würde. Viele Leute würden sicher die Nase rümpfen und sagen: «Schaut, die andere hockt nur zu Hause und bekommt dafür noch Geld.»
Ein Vertreter des Wirtschaftsverbands Economiesuisse warnt, dass Eltern, die Teilzeit arbeiten, den Job an den Nagel hängen könnten, wenn sie wüssten, dass sie morgens auch liegen bleiben könnten. Einverstanden?
Auf keinen Fall. Solche Behauptungen stossen mir sauer auf. Die meisten Hausfrauen können es sich nicht leisten, im Bett liegen zu bleiben. Heute wird die Arbeit einer Hausfrau leider fast nicht mehr als wertvoll angesehen.
Wie sieht denn Ihr Alltag aus?
Mein Tag beginnt spätestens um halb sieben Uhr. Zuerst bereite ich das Frühstück für die ganze Familie vor. Danach schmeisse ich den Haushalt: mache die Zimmer in Ordnung, wasche, putze, erledige die Post, mache Zahlungen, erledige Telefonate, koche das Mittagessen und kaufe ein. Gleichzeitig kümmere ich mich um meine fünfjährige Tochter. Und dann ist bald schon wieder Zeit für das Abendessen.
Danach haben Sie aber Feierabend.
Nein. Oft muss ich Dinge auf den Abend verschieben, weil tagsüber etwa von den Kindern etwas dazwischenkommt und meinen ganzen Ablauf auf den Kopf stellt. Manchmal bin ich bis zu 17 Stunden auf den Beinen und falle um 23.30 Uhr erledigt ins Bett.
Ist es also stressiger nur Hausfrau zu sein, als noch einem Beruf nachzugehen?
Nicht unbedingt, aber es ist einfacher, das Kind in einer Krippe abzuliefern und zu holen. Frauen in meinem Bekanntenkreis bezeichnen ihre Bürotage als «Easy-Tage». Haushalt und Erziehungsarbeit sind kräftezehrend.
Warum entschieden Sie sich für ein Leben als Hausfrau?
Meine Mutter war früher auch immer zu Hause und für uns Kinder da. Ich fand das sehr schön. Auch mein Mann wuchs so auf. Wir entschieden uns gemeinsam für diese Rollenverteilung. Auch ist es für mich ein No-go, die Kinder in die Krippe zu geben. Es ist mir ein Anliegen, dass ich mich jeden Tag selber um meine Kinder und den Haushalt kümmern kann. Da mein Mann genug verdient, habe ich das Glück, nicht arbeiten gehen zu müssen.
Wer gibt Ihnen die Bestätigung für die Arbeit?
Das ist eine schwierige Frage. Eine Rückmeldung kommt, wenn etwas nicht passt (lacht). Ich erwarte aber auch nicht, dass mein Mann und meine Kinder sich dafür bedanken, dass ich ihnen das WC geputzt und das Essen auf den Tisch gestellt habe. Aber es tut wahnsinnig gut, wenn sich mein Mann zum Beispiel zum Geburtstag in einem Kärtchen dafür bedankt, dass ich ihm seine Karriere ermögliche.
Werden Sie manchmal schief angeschaut, wenn Sie sagen: «Ich bin Hausfrau»?
Unterhalte ich mich mit berufstätigen Müttern, kommt oft gleich die Frage: «Und wann steigst du wieder in den Beruf ein?»
Wann ist es so weit?
Das lasse ich völlig offen. In meinen alten Beruf als Hochbauzeichnerin kehre ich sicher nicht zurück. Nach 20 Jahren habe ich den Anschluss verpasst. Wenn alle Kinder ausgezogen sind, werde ich sicher wieder arbeiten. Wichtig dabei ist mir eine Tätigkeit, die ich gern mache, und nicht der Verdienst.
*Anita Kessler, 48, verheiratet und Mutter eines 16-jährigen und eines 18-jährigen Sohnes sowie einer fünfjährigen Tochter.