Schweizerhochdeutsch«Helvetismen sind an den Hochschulen verpönt»
«Andererseits» statt «handkehrum»: Laut einer Untersuchung gelten schweizerische Wörter bei manchen Hochschuldozenten als minderwertig.

Der Schweizer Schülderduden verzeichnet auch Helvetismen.
Studenten am Institut für Theaterwissenschaften der Uni Bern sollen keine Ausdrücke verwenden, die nur im schweizerischen Raum gebräuchlich sind. Unmissverständlich heisst es in den Richtlinien zum Verfassen einer schriftlichen Arbeit: «Helvetismen sind durch hochdeutsche Formulierungen zu ersetzen.» Auf der schwarzen Liste stehen etwa «Entscheid», «Unterbruch» oder «realisieren». Heissen müsse es korrekt «Entscheidung», «Unterbrechung» und «erkennen». Die Liste liesse sich beliebig verlängern.
Andere Hochschulen haben im Internet Checklisten mit Punkten veröffentlicht, die beim Überarbeiten einer Arbeit wichtig sind. «Habe ich umgangssprachliche oder saloppe Wendungen und Helvetismen umgeschrieben?», heisst es etwa in einem Leitfaden des KMU-Instituts der Universität St. Gallen.
«Das ist eine Form der Diskriminierung»
Für Stefanie Wyss, Linguistik-Doktorandin an der Universität Bern, zeugen die Beispiele davon, dass nationale Varianten häufig als minderwertig oder unwissenschaftlich betrachtet werden. Sie hat das Phänomen im Rahmen ihrer Masterarbeit* untersucht und mittels Umfrage festgestellt, dass in vielen Köpfen die Vorstellung herumgeistere, dass es ein einziges «richtiges» Hochdeutsch gebe. Dieses entspreche ungefähr dem, was in Norddeutschland gesprochen werde. «Helvetismen sind an den Hochschulen oft verpönt.»
Die Sprachwissenschaftlerin hält wenig von dieser Teutonisierung der Sprache: «Das ist eine Form der sprachlichen Diskriminierung. Regionale Varianten sollten zugelassen werden, solange sie verständlich sind», sagt Wyss. Während ihrer Studienzeit habe sie selbst erlebt, wie ein deutscher Professor seine Studenten aufgefordert habe, ihn vor Helvetismen zu bewahren.
Zwar hätten in der Umfrage nur rund 10 Prozent der befragten Studenten angegeben, dass ihnen schweizerische Ausdrücke angestrichen worden seien. Allerdings zensurieren sich laut Wyss viele Studenten selbst, um nicht aus der Reihe zu tanzen. Wyss sind auch Fälle bekannt, in denen Arbeiten an deutsche Kollegen weitergereicht wurden, damit diese die Helvetismen ausmerzen.
Lehnen deutsche Professoren Helvetismen ab?
Dass die hohe Zahl deutscher Professoren an den Unis der Grund für die weitverbreitete Ablehnung von Helvetismen ist, will Wyss nicht unterstellen, auch wenn Deutsche wohl eher irritiert auf schweizerische Ausdrücke reagierten.
Wichtiger als die Herkunft der Dozenten ist laut Wyss Unwissenheit: «Viele haben sich nie gross Gedanken darüber gemacht, weshalb sie Helvetismen ablehnen.» Diese Konventionen, die auch an den Mittelschulen gepflegt würden, gelte es zu hinterfragen.
Beim Institut für Theaterwissenschaften der Uni Bern waren die Urheber der Richtlinien am Freitagnachmittag nicht erreichbar.
* Eine Zusammenfassung der Arbeit ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Sprachspiegel» erschienen. Eine im «Bund» erschienene Kolumne zum Thema gibt es hier.
Neue Helvetismen im Duden
Der Duden verzeichnet mittlerweile allerlei Wörter mit dem Vermerk «schweizerisch», also sogenannte Helvetismen (z.B. grillieren statt grillen). Eine vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache veröffentlichte Liste zeigt, welche Wörter zuletzt neu aufgenommen wurden, beispielsweise Caramel, Einbürgerungsgesuch, Hahnenwasser, Neulenker oder Hühnerhaut. Inzwischen gibt es vom Duden-Verlag auch ein Wörterbuch der Standardsprache in der Schweiz.