Glücksspiel-Süchtiger«Ich habe die Konten meiner Kinder geplündert»
Laut Experten ist die Jugend besonders gefährdet, in die Spielsucht abzurutschen. Ein Betroffener erzählt, wie er 250'000 Franken Schulden anhäufte.
Mit Online-Sportwetten häufte André M*. einen Schuldenberg von 250'000 Franken an. (Video: Sucht Schweiz)
André M*, Sie haben über 20 Jahre lang gespielt und dabei eine Viertelmillion Schulden angehäuft. Wie kam es dazu?
Als Teenager kam ich im Ausgang in Kontakt mit Spielautomaten, die es damals noch in jeder Bar gab. Mit Freunden verspielten ich jeweils am Wochenende kleinere Beträge, 20 oder 50 Franken. Die Einsätze blieben aber aufgrund unseres geringen Lehrlingslohns auf diesem Niveau. Bald fütterte ich jedoch die Automaten auch unter der Woche und mit 18 Jahren besuchte ich das erste Mal ein Casino.
Was spielten Sie im Casino?
Auch dort hingen wir an den einarmigen Banditen. Die Einsätze wurden rasch grösser, ich konnte meinen ganzen Lohn, den ich nach der Lehre verdiente, an einem Abend verspielen. Der grösste Gewinn damals waren mal einige tausend Franken. Das Geld war jedoch zwei Wochen später wieder weg. Von 100 Abenden habe ich vielleicht einmal Gewinn gemacht.
Später wechselten Sie auf Sportwetten im Internet. Warum?
Wegen der steigenden Schulden sperrte ich mich im Casino selbst. Ich verschwendete damals jedoch keinen Gedanken daran, dass ich süchtig sein könnte. Ich wich dann auf Online-Sportwetten aus, weil ich diese bequem und anonym zuhause oder vom Handy aus spielen konnte. Dort begann es eigentlich mit moderaten Einsätzen, schnell setzte ich aber auch mal 1000 Franken oder mehr auf die Resultate von Fussball-, Eishockey-, oder Tennisspielen.
Wie sah Ihr Tagesablauf damals aus?
Sofort nach dem Aufstehen platzierte ich Wetten auf irgendwelche Sportteams. Die Wetten bestimmten meinen Tagesablauf: Immer wieder zückte ich mein Handy, um nachzusehen, ob ich gewonnen hatte. Den ganzen Gewinn setzte ich jeweils sofort wieder ein. Wenn ich gewonnen hatte, dachte ich nicht: Jetzt kann ich einen Teil meiner Schulden zahlen, sondern: Der Schuldenberg ist noch immer so hoch, dass ich ihn nur mit Weiterspielen reduzieren kann. Zudem war ich speziell an Wochenenden ständig im Internet und hatte darum immer weniger Zeit für meine Familie.
Was hat Sie am Spiel gereizt?
Es ging um den Nervenkitzel, weniger ums Geld. Natürlich war ich auch besessen von der Idee, dass ich mein Leben nur mit Spielen finanzieren konnte. Wenn ich aber zum Beispiel 3000 Franken auf das Resultat eines Fussballspiels gesetzt hatte und meine Mannschaft 3:0 führte, fand ich das langweilig, weil ich wusste, dass ich mit grosser Sicherheit gewinnen werde. Die Aufregung war weg. Besonders reizte mich online, dass rasch grosse Gewinne in Aussicht gestellt werden: Wenn dir auf dem Bildschirm angedeutet wird, dass du 20'000 Franken mit ein paar Klicks gewinnen kannst, ist das enorm verlockend.
Sie häuften in Ihrer Spielerkarriere rasch einen grossen Schuldenberg an. Wie konnten Sie diesen so lange verbergen?
Rückblickend ist es ein Wunder, dass mein Lügengebäude nicht viel früher zusammenfiel. Es war ein ständiger Kampf, neues Geld aufzutreiben, um die Schulden an einem anderen Ort abzuzahlen. Ich besass drei Kreditkarten und drei Bankkonten und hatte verschiedene Privatkredite aufgenommen. Gute Freunde liehen mir Geld. Und auch die Konten meiner Kinder und das meiner Frau räumte ich leer. Indem ich die Kontoauszüge elektronisch anforderte, merkte das lange niemand. Meine Frau hatte wohl eine Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Sie hat häufig nachgefragt, aber irgendwann aufgegeben.
Wie fühlten Sie sich, als ihre Sucht schliesslich aufflog?
Als meine Frau eines Tages meine Kontoauszüge fand, war mir sofort klar, dass jetzt jedes Detail ans Licht kommen würde. Ich fühlte mich aber in gewisser Weise auch erleichtert, weil das anstrengende Gehetze um die Geldbeschaffung und mein Doppelleben ein Ende fand. Es hat mir sehr Leid getan und ich habe mich geschämt. Ich hatte die wichtigsten Menschen in meinem Leben hintergangen. Das war vor knapp einem Jahr.
Wie ging es dann weiter?
Mit finanzieller Hilfe von Verwandten konnte ich nun meine Schulden von etwa 250'000 Franken komplett zurückzahlen. Jetzt muss ich ihnen das Geld nach und nach abzahlen und bin in Therapie. Seither hatte ich nicht mehr das Verlangen, zu spielen. Wenn ich heute beispielsweise Fussball schaue, denke ich nach einem überraschenden Spielausgang: Schon wieder einige tausend Franken gespart. Es ist schön zu sehen, was ich in der Zwischenzeit für die Familie ansparen konnte.
*Name geändert