Klimaerwärmung«In hundert Jahren haben wir keine Gletscher mehr»
Der Klimawandel wird auch in der Schweiz Folgen hinterlassen. Wir tun aber noch viel zu wenig für den Klimaschutz, sagt ein Experte.
In den letzten dreissig Jahren sind die Temperaturen in der Schweiz um rund 1 Grad Celsius gestiegen. Die sichtbarsten Auswirkungen sieht man in den Alpen: Das Gletschervolumen hat dort seit 1999 um 12 Prozent abgenommen – 3 Prozent allein letztes Jahr. Mit den 1.5 Milliarden Kubikmetern an geschmolzenem Gletschereis könnte jeder Schweizer Haushalt ein 25 Meter langes Schwimmbecken füllen.
Sollte es nicht gelingen, die globale Erwärmung zu begrenzen, könne die Jahrestemperatur in der Schweiz bis Ende dieses Jahrhunderts um 4.5 bis 6.5 Grad Celsius höher liegen als noch vor 150 Jahren, schreibt die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz. 20 Minuten will es genau wissen und hat darum mit Reto Knutti, ETH-Professor für Klimaphysik gesprochen.
Herr Knutti, wie steht es um unsere Gletscher?
Bei den Gletschern sieht die Lage sehr schlecht aus. Wenn wir so weitermachen wie bisher, haben wir am Ende des Jahrhunderts praktisch keine Schweizer Gletscher mehr. Je nach Berechnungen, wird beispielsweise bald nichts mehr von der 800-Meter dicken Eisschicht auf dem Konkordiaplatz beim Aletschgletscher übrigbleiben. Auch Szenarios für die anderen Schweizer Gletscher wie den Rhonegletscher sehen nicht gut aus. Das Eis wird in der Schweiz zum grossen Teil verschwinden.
Sollte der CO2-Ausstoss gemäss Pariser Abkommen nicht erheblich reduziert werden?
Doch, aber momentan ist es ein Abkommen auf Papier. Die Verpflichtungen erfolgten nur auf freiwilliger Basis. Und die Zusagen, die die Länder machten, reichen nicht annähernd aus, um das Klima nachhaltig zu schützen. Wenn ein Land die selber gestellten Vorgaben nicht erfüllt, gibt es keinen Mechanismus, um dieses Land zu bestrafen. Aber wir sind zuversichtlich, dass immer mehr Länder auf erneuerbare Energien und Unternehmen auf effiziente Technologien umsteigen, weil diese immer günstiger werden.
Tut die Schweiz genug für den Klimaschutz?
Die Schweiz liegt irgendwo im Durchschnitt, gehört aber definitiv nicht zu den Vorzeigeschülern. Unser Ziel ist es, bis 2030 50 Prozent der CO2 Emissionen einzusparen. Das ist ehrgeizig. Problematisch dabei ist, dass davon 20 Prozent im Ausland erfolgen können. Die Schweiz zahlt also einem Drittweltland – das selber auch CO2 einsparen muss – Geld, weil es so ökonomischer ist. Mit dieser Form des Ablasshandels befindet sich die Schweiz definitiv auf dem Holzweg.
Fehlt das Bewusstsein über die Konsequenzen?
Die meisten Leute sind heutzutage über den Klimawandel informiert und machen sich auch ziemlich Sorgen, wie erst kürzlich eine Umfrage gezeigt hat. Trotzdem passiert zu wenig. Wenn es darum geht, etwas zu ändern, tun alle schwierig – sowohl die Politik als auch die Gesellschaft. Ich vergleiche das mit den Jahresvorsätzen: Der Wille ist da, aber bei der Umsetzung harzt es. Es ist unbequem, mühsam und ausserdem gibt es Wichtigeres im Leben.
Was kann das Swiss Arctic Project dazu beitragen?
Wir haben also nicht das Problem, dass wir nicht genügend über den Klimawandel informiert wären, sondern damit, die Leute so weit zu bringen, dass sie ihren Lebensstil ändern. Darum kann eine solche Forschungsreise unheimlich wichtig sein, um eine Verbindung zu jenen Personen zu schaffen, die sonst das Problem nicht aktiv wahrnehmen. Es ist nämlich nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern auch, wer es sagt. Der Überbringer der Botschaft ist also mindestens so wichtig wie der Inhalt selbst. Darum hat das Projekt sehr viel Potential.
Was kannst du fürs Klima tun?
Nicht mehr mit Öl oder Gas heizen. Etwa ein Drittel des Schweizer CO2-Ausstoss könnte man damit einsparen, sagt Knutti. «Es gibt heutzutage praktisch keinen Grund mehr, auf diese Art zu heizen.»
Leichtere, kleinere und effizientere Autos fahren oder einfach den ÖV nehmen. Ein Drittel der CO2-Emissionen könnten so eingespart werden. «Die Autobelegung ist von etwa 2 Personen auf eine Person zurückgegangen», sagt Knutti. Gleichzeitig seien die Autos in der gleichen Zeitspanne doppelt so schwer geworden. «Pro Kilometer und Person bewegen wir heute also etwa vier Mal mehr Metall. Das ist kompletter Unsinn», sagt Knutti.
Bewusster Reisen. Flugemissionen werden immer noch nicht besteuert, das macht das Fliegen sehr billig. «Shopping in New York ist aber kein Menschenrecht», zitiert Knutti den ETH-Präsidenten Lino Guzzella. Wer beispielsweise nach Australien in die Ferien fliegt, verdoppelt seinen jährlichen CO2-Ausstoss aufs Mal. Da könne man das ganze Jahr noch so vorbildlich Bio essen und auf die Umwelt achten, das werde in einer einzigen Reise wieder zunichte gemacht.
Nicht jeden Tag Fleisch essen. So soll darauf geachtet werden, saisonal und lokal einzukaufen. «Und zum Zmittag darf es gerne mal das vegetarische Menu sein», sagt Knutti.
Wählen gehen. «Jede Person kann mit ihrer Stimme der Umwelt helfen», sagt Knutti. Es sei bekannt, welche Parteien sich für Klimaschutz und umweltfreundliche Lösungen einsetzen würden. Nun liege es an jedem Einzelnen, die Zukunft mitzubestimmen.